Khuddaka Nikāya · Nyanatiloka (deutsch)
Milindapañha — Die Fragen des Königs MilindaZwiegespräche zwischen König Milinda (Menandros) und dem Mönch Nāgasena — übersetzt von Nyanatiloka/Nyanaponika.
Auf einen Blick — 11 Kapitel
Vorwort
Zwiegespräche zwischen einem Griechenkönig und einem buddhistischen Mönch
Aus dem Pali übersetzt von Nyanatiloka/Nyanaponika
Vorwort des Herausgebers
Historische und andere Einzelheiten über das vorliegende interessante Werk buddhistischer Literatur, «Die Fragen des Königs Milinda», wird der Leser in der informativen Einleitung Professor Becherts finden.
Dieses Vorwort will nur von der Vorgeschichte der Übersetzung handeln und von den Prinzipien, denen die hier getroffene Auswahl folgt.
Der erste Band der vorliegenden deutschen Übersetzung erschien zuerst 1913 in Einzellieferungen und, durch den ersten Weltkrieg verzögert, erst 1919 in Buchform (Verlag Max Altmann, Leipzig). Dem folgte im Jahre 1924 der zweite Band im Oskar Schloss Verlag, München-Neubiberg, der auch den ersten Band in Verlag nahm.
Nachdem dieses Werk während vieler Jahrzehnte vergriffen war, hat dankenswerterweise der Ansata Verlag Paul A. Zemp auf eigene Initiative hin eine Neuauflage unternommen und lud den Unterzeichneten ein, eine revidierte Ausgabe vorzubereiten. Als einem Mönchs-Schüler des verstorbenen Übersetzers, des Ehrwürdigen Nyanatiloka, war es dem Herausgeber eine Freude, dabei behilflich zu sein, dieses wichtige und interessante Werk wieder zugänglich zu machen.
Es erwies sich, daß dieses Frühwerk des Übersetzers zahlreiche Änderungen erforderte. Der Herausgeber fühlte sich zu solchen Änderungen ermutigt und berechtigt, da ihn der Ehrwürdige Nyanatiloka vor seinem Hinscheiden ermächtigt hatte, für die Neuausgabe eines anderen und größeren Übersetzungswerkes die dabei nötigen Änderungen vorzunehmen.
Diese Änderungen betreffen zunächst die Terminologie, d.h. die buddhistischen Lehrbegriffe, die der Übersetzer selber in späteren Werken präziser wiedergegeben hatte. Da die erste Auflage, wie auch die jetzige, auf gute Lesbarkeit Wert legte, wurden einige freie Wiedergaben belassen. Ergänzt wurden aber einige Auslassungen, die vielleicht zum Teil aus stilistischen Gründen erfolgt waren. Andererseits aber wurden mehrere Unterkapitel fortgelassen, die der heutige europäische Leser als allzu befremdend-naiv empfinden mag und die weder zum literarischen Wert des Werkes noch zum Verständnis der buddhistischen Lehre beitragen. Diese Kürzungen sind etwa 55 Seiten der Erstauflage.
Einige Ausdrucksweisen dieses vor 70 Jahren erschienenen Werkes wurden dem heutigen Sprachgebrauch angepaßt.
Der Herausgeber hat ferner zahlreiche neue Anmerkungen hinzugefügt, zum Teil dort, wo die Erstauflage lediglich auf andere, jetzt vergriffene Bücher verweist. Im Hinblick auf den Leserkreis dieser Neuausgabe wurden die Anmerkungen rein sachlich-erklärend gehalten und philologische Erörterungen vermieden. Aus diesem Grunde wurde auch aus der Erstauflage der Anhang mit «Kritischen Anmerkungen» fortgelassen, welche sich auf den Originaltext beziehen und daher nur für Kenner der Pali-Sprache von Interesse sind.
Der Herausgeber ist Herrn Dr. M. Fryba dankbar für seine wertvolle Mitarbeit an der Vorbereitung dieses Werkes für den Neudruck.
Forest Hermitage
Kandy, Sri Lanka
Juli 1983 Nyanaponika
Einleitung
Von H. Bechert
Das in Pāli, der heiligen Sprache des Theravāda-Buddhismus, abgefaßte Werk Milindapañha («Fragen des Milinda») hat schon früh die Aufmerksamkeit der abendländischen Buddhismusforschung auf sich gelenkt. Abgesehen von der großen Bedeutung dieses philosophischen Dialogwerkes für die Geschichte des Verständnisses der Lehren des Buddhismus, hat es auch deswegen besondere Beachtung gefunden, weil Milinda, der dem Werk den Namen gegeben hat, ein indischer König griechischer Abstammung gewesen ist. Menandros - dies war sein griechischer Name - beherrschte um die Mitte des zweiten Jahrhunderts vor Christus ein indo-griechisches Königreich im Nordwesten des Subkontinents, eines jener Staatsgebilde, die auf komplizierten Wegen aus der Staatenwelt hervorgingen, die nach dem Ende des Alexanderzuges im Östlichen Teil des von ihm eroberten Gebietes entstanden ist. Die uns erhaltenen Quellen über die politische Geschichte Indiens jener Zeit sind in mancher Hinsicht unzuverlässig und auch teilweise recht widersprüchlich, doch darf als gesichert gelten, daß Menandros einer der bedeutendsten indo-griechischen Herrscher gewesen ist. Er hat seinen Machtbereich weiter ins nordische Kernland ausgedehnt als seine Vorgänger, weit über das Indus-Land hinaus.
Die «Fragen des Menandros» sind ein Dialog zwischen diesem König und einem bedeutenden buddhistischen Mönch namens Nāgasena. Man hat die Form dieses philosophischen Dialogs sowohl mit eigenen Upanisad-Texten wie auch mit den platonischen Dialogen verglichen. Dialogform wird bekanntlich bereits in den frühen kanonischen buddhistischen Texten, also in den Sammlungen der Lehrreden des Buddha, verwendet. Man hat die Frage, ob griechische Einflüsse auf die Entstehung dieser literarischen Form eingewirkt haben, recht unterschiedlich beantwortet. Wenn man freilich die Lebenszeit des Buddha, wie es die Mehrzahl der europäischen Wissenschaftler tut, auf etwa 560 bis 480 v. Chr. datiert, ergeben sich erhebliche Schwierigkeiten für die Annahme einer solchen Beeinflussung. Es ist jedoch viel wahrscheinlicher, daß diese - ausschließlich auf historischen Angaben aus singhalesischer Überlieferung beruhende - Datierung auf einer viel jüngeren in Sri Lanka erdachten chronologischen Konstruktion beruht und wesentlich zu früh angesetzt ist. Infolgedessen sollte man - in Übereinstimmung mit der Meinung der Mehrheit der japanischen Forscher - die Lebenszeit des Buddha mindestens hundert Jahre später ansetzen. Griechische Einflüsse auf die Form der Darbietung früher buddhistischer Lehren sind daher als durchaus wahrscheinlich anzusehen. Für die Dialogform des Milindapañha darf ein formaler griechischer Einfluß fast als sicher gelten.
Dies gilt jedoch nur für die Form, nicht für den Inhalt der darin vorgetragenen Lehren. Dazu seien einige Sätze aus der Einleitung zitiert, die der später vor allem durch seine Forschungen über die Entwicklung des mittelalterlichen Hinduismus berühmt gewordene Indologe F. Otto Schrader 1905 der von ihm verfaßten ersten deutschen Übersetzung vorangestellt hat. Er meint nämlich, daß der Mönch, der den Milindapañha verfaßt hat, nur dann auf den Gedanken kommen konnte, «einen griechischen König über buddhistische Lehren diskutieren zu lassen, wenn dieser König tatsächlich in enger Beziehung zum Buddhismus gestanden habe.» Schrader glaubte sogar, daß ein wirkliches Gespräch zwischen dem großen König und dem Mönch Nāgasena, dem «größten Weisen des Reiches», die Grundlage unseres Werkes gebildet habe. Er schreibt dazu weiter (Die Fragen des Königs Menandros, Berlin 1905, S. XXI-XXIII):
«Hiergegen spricht durchaus nicht, daß in dem Werke spezifisch griechische Gedanken schlechterdings nicht zu finden sind. Denn die Tatsache, daß die philosophische und religiöse Literatur der Inder nicht eine Spur griechischen Einflusses aufweist, während ein solcher in den meisten übrigen Literaturzweigen sowie in der indischen Kunst längst entdeckt worden ist und während andererseits die hellenistische Philosophie wenigstens der späteren Zeit unverkennbar indischen Einfluß zeigt - diese Tatsache, meine ich, beweist, daß die Griechen sich auf diesem Gebiete als die Schwächeren gefühlt und den Indern untergeordnet haben. Aber auch, wer hiervon ganz absieht, wird zu dem gleichen Ergebnis kommen, wenn er sich vergegenwärtigt, wie gewaltig dem eindrucksfähigen Griechen (man denke an die ägyptischen Reisen Herodots und Platons) die Geschlossenheit, die Fertigkeit, die metaphysische Tiefe der indischen Systeme, vor allem des Buddhismus, der ja in jenen Gegenden herrschte, imponiert haben muß. Wenn er diese Literatur mit der seinigen verglich, so konnte ihm unmöglich entgehen, daß sie an metaphysischem Gehalt der griechischen ebensosehr überlegen war, wie sie in formeller Hinsicht hinter ihr zurückstand. Wie dilettantenhaft und salonmäßig müssen ihm z. B., wenn er sie mit den Gesprächen Buddhas verglich, die platonischen Dialoge vorgekommen sein!
In Griechenland überall das Suchen nach der Wahrheit, überall ein Tasten, ein Niederreißen und Aufbauen von Meinungen - hier das Jahrhunderte alte, feste Lehrgebäude des Buddhismus, getragen von der unerschütterlichen Überzeugung seiner Anhänger, daß man hiermit im vollen Besitze der Wahrheit sei, daß in allen Zeiten nichts wesentlich Neues mehr gefunden werden könne und daher die einzige Aufgabe sei, zum Verständnis der Lehre sich durchzuringen. Und wissen wir denn überhaupt, daß Menander von griechischer Bildung soviel mehr hatte als von indischer? Nur durch die Fortsetzung der Politik Alexanders, durch Verschwägerung mit den Eingeborenen und möglichste Anpassung an ihre Sitten konnte das Häuflein Griechen, das mit Demetrios und Eukratides in Indien eingedrungen war, sich dauernd zu behaupten hoffen, und erst recht war man hierzu gezwungen, als der Untergang des baktrischen Reiches die Verbindung mit dem Mutterland abgeschnitten hatte.»
Schraders Ausführungen sind keineswegs überholt, auch nach dem heutigen Stande der Wissenschaft lassen sich im Inhalt des Milindapañha keine griechischen Einflüsse mit Sicherheit nachweisen. Die kulturelle Assimilation der indo-griechischen Könige an ihre indische Umwelt scheint endgültig vollzogen gewesen zu sein. Dabei spielt keine Rolle, daß einzelne griechische Namen verwendet werden, und daß sich Spuren des Gebrauchs der griechischen Sprache durch diese indo-griechischen Herrscher erhalten haben. Wir wissen ja auch, daß schon König Asoka im dritten Jahrhundert v. Chr. die griechische und die aramäische Sprache für Inschriften buddhistischen Inhalts in den westlichen Gebieten seines Reiches verwendet hat.
Wie eingangs angedeutet, gehört der Milindapañha zu den Werken der Pāli-Literatur, die schon in der Frühzeit der europäischen Pāli-Forschung das Interesse der Gelehrten gefunden haben. Der Text des Milindapañha wurde im Jahre 1880 von dem großen dänischen Pionier der Pāli-Studien, Carl Wilhelm Trenckner (1824-1891) herausgegeben, und zwar bereits ein Jahr vor der Gründung der Pāli Text Society, der wir die Veröffentlichung der meisten kanonischen und nachkanonischen Werke der Pāli-Literatur verdanken. Trenckners Ausgabe gehört trotz ihres frühen Erscheinungsdatums zu den besten Editionen von Pāli-Werken und ist bis heute nicht überholt. Ihr Nachdruck wurde 1962 als 69. Band in die Serie der Ausgaben der Pāli Text Society aufgenommen.
Treckners Ausgabe bildet auch die Grundlage aller Übersetzungen des Textes in westliche Sprachen sowie übrigens auch der japanischen Übertragungen. Bereits 1890-1894 übersetzte Thomas William Rhys Davids (1842-1922) das Werk unter dem Titel «The Questions of King Milinda» als Band 35 und 36 der berühmten Serie «Sacred Books of the East». Diese Übersetzung ist heute durch eine moderne englische Wiedergabe des Textes von Isaline Blew Horner (1896-1981) überholt, die den Titel «King Milinda’s Questions» trägt (1963-1969). Die früheste deutsche Übersetzung («Die Fragen des Königs Menandros», Berlin 1905) verdanken wir, wie schon erwähnt, dem Indologen F. Otto Schrader (1876-1961). Es handelt sich um eine sehr sorgfältige und zuverlässige Übertragung allerdings nicht des gesamten Pāli-Textes, sondern nur der Abschnitte I bis III, die als die ältesten Teile des Werkes gelten dürfen.
Die erste und bisher einzige vollständige deutsche Übersetzung ist die hier neu herausgegebene Übertragung von Nyānatiloka Mahāthera. Sie erschien 1919 bis 1924 in erster Auflage und darf, wie die übrigen Übersetzungen buddhistischer Texte durch Nyānatiloka in die Reihe der klassischen Übertragungen von Werken der älteren Pāli-Literatur eingereiht werden, sowohl was ihre inhaltliche Genauigkeit wie was ihr sprachliche Form anbelangt. Die erste, und soweit mir bekannt ist bisher einzige französische Wiedergabe des Textes stammt von Louis Finot und berücksichtigt nur die Teile I bis III des Textes; sie erschien 1923.
Erst längere Zeit nach Trenckners Ausgabe des Pāli-Textes wurden mehrere Ausgaben des Milindapañha in den buddhistischen Ländern Burma, Thailand und Sri Lanka gedruckt; einige dieser Ausgaben weisen zusätzliche Texterweiterungen auf. Die älteste, bereits von Nyānatiloka eingesehene burmesische Edition war «dermaßen voller Fehler, daß ich dieselbe gar nicht gebrauchen konnte» (vgl. Nyānatilokas Vorrede S. XV). In der Serie der Textausgaben, die im Zusammenhang mit dem Sechsten Buddhistischen Konzil in Rangun vom Buddha Sāsana Council herausgebracht wurde, erschien nun 1960 eine sehr zuverlässige Neuausgabe auch dieses Pāli-Textes in burmesischer Schrift. Unter den Drucken in singhalesischer Schrift verdient die 1927 in Colombo erschienene, von Mātara Piyaratana Thera und Kamburupitiye Gunaratana Thera besorgte Ausgabe Erwähnung. 1962 wurde der Text, zusammen mit den gleich zu erwähnenden Kommentaren, von Bhatatthala (Balangoda) Ananda Metteyya Thera erneut in singhalesischer Schrift veröffentlicht.
Im Jahre 1474 wurde die Milinda-tīkā, also ein Kommentar zum Milindapañha, verfaßt. Dieser Text ist 1961 von Padmanabh S. Jaini herausgegeben (Pāli Text Society, Text Series, 70) und 1963, zusammen mit einem noch jüngeren singhalesischen Erklärungswerk, in die erwähnte Ausgabe von Ananda Metteyya aufgenommen worden. Man wird der Meinung des Herausgebers zustimmen müssen, daß dieser Kommentar «wenig Wert als exegetisches Werk» habe, obwohl er uns interessante Einblicke in die mittelalterliche Entwicklung der Scholastik der Theravāda-Schule bietet. Der Verfasser des Kommentares hieß Mahāpitaka-Cūlābhaya Thera. Er hat wahrscheinlich im Gebiet des heutigen nördlichen Thailands um Chiang Mai gelebt.
Unter den älteren Übersetzungen des Milindapañha verdient die singhalesische Übertragung von Sīnatikumburé Sumangala Thera Erwähnung. Dieses Werk wurde etwa 1765 geschrieben und trägt den Titel Saddharmādāsaya («Spiegel der guten Lehre»). Es ist eher als erweiterte Bearbeitung denn als Übersetzung im üblichen Sinne zu bezeichnen. Sumangala Thera gehörte in die Schule des Välivitiyé Saranarikara, des großen Reformators des ceylonesischen Buddhismus im 18.Jahrhundert. Robert Spence Hardy nahm Auszüge aus diesem Werk in englischer Übersetzung bereits in sein berühmtes «Manual of Buddhism in its modern development» (London 1853) auf. Bereits 1878 erschien die erste vollständige Ausgabe dieses singhalesischen Textes, herausgegeben von Mohottivatté Gunānanda Thera, dem buddhistischen Gesprächspartner in dem «Großen Streitgespräch von Pānadurā», das 1873 den Beginn der modernen buddhistischen Erneuerungsbewegung markierte. Seither sind zahlreiche Editionen des Saddharmādāsaya erschienen. Nyānatiloka hat diese singhalesische Version des Milindapañha für sein Übersetzungswerk mit herangezogen (vgl. seine Vorrede, S. XV).
Der Milindapañha gilt als sogenanntes halb-kanonisches Werk. Er gehört nicht zu den kanonischen Schriften des Theravāda-Buddhismus in dem durch den maßgeblichen Kommentator Buddhaghosa im 5. Jh. n. Chr. definierten Sinn. Zusammen mit Nettippakarana und Petakopadesa gehört er zu den wenigen uns erhaltenen nicht-kanonischen Lehrwerken aus der Zeit vor den großen Pāli-Kommentatoren, deren Tätigkeit im 5. Jahrhundert einsetzte. Die drei genannten Texte genießen bei allen Theravāda-Buddhisten so hohes Ansehen, daß sie durchaus in die Nähe der eigentlichen kanonischen Tradition gerückt werden können.
Entscheidend für die Einordnung des Milindapañha in die Geschichte der indischen und der buddhistischen Literatur sowie für die Erforschung der Entwicklung des Textes war jedoch die Entdeckung chinesischer Versionen des Milindapañha. Im Jahre 1893 haben Edouard Specht und Sylvain Lévi beim Neunten Internationalen Orientalistenkongreß in London diese Entdeckung zum ersten Mal bekannt gemacht. In den folgenden Jahren ist eine größere Anzahl von Studien darüber veröffentlicht worden. Paul Demiéville hat 1924 die bis heute maßgebliche Arbeit über diese Texte veröffentlicht («Les versions chinoises du Milindapañha», Bulletin de l’Ecole Francaise d’Extrême-Orient 24, S. 1-258). Unter den aus neuerer Zeit stammenden Studien darüber sei noch eine von dem vietnamesischen Bhikkhu Thich Minh Chau verfaßte Abhandlung genannt Milindapañha and Nāgasenabhikshusūtra, A Comparative Study through Pāli and Chinese Sources, Calcutta 1964.
Der Leser der Übersetzung des uns vorliegenden Pāli-Textes wird bemerken, daß der Text nicht ganz einheitlich ist. In seiner Vorrede zur ersten Auflage (S. XII) merkte Nyānatiloka an, daß dem Leser auffallen müsse, «daß so manche Stellen gar nicht recht in den Zusammenhang hineinpassen wollen, ja, ihm bisweilen geradezu widersprechen.» F. O Schrader nahm an, daß man in dem vorliegenden Milindapañha in Pāli die Hand von wenigstens fünf verschiedenen Autoren erkennen könne. Der Vergleich des Pāli-Textes mit den chinesischen Übersetzungen hat bestätigt, daß die den letzteren zugrunde liegende Fassung nicht mit dem vorliegenden Pāli-Text identisch gewesen ist. Sehr wohl aber lassen sich alle vorhandenen Versionen auf einen gemeinsamen Grundtext zurückführen. Dieses ursprüngliche Werk umfaßte nur Abschnitte, die den Teilen I bis III des uns vorliegenden Pāli-Textes entsprechen. Daß der Milindapañha ursprünglich mit Teil III abschloß, läßt sich sogar noch deutlich am Wortlaut des Schlußabschnittes dieses Teils des Pāli-Textes erkennen.
Der Urtext des Milindapañha war vermutlich in einem nordwestindischen Prākrit, also in einer dem Pāli zwar verwandten, aber doch merklich davon abweichenden mittelindoarischen Sprache abgefaßt. Alle uns erhaltenen Fassungen sind Überarbeitungen und Übersetzungen dieses Textes. Der den chinesischen Übersetzungen zugrunde liegende Text wurde aus der mittelindischen Sprache des Originals ins Sanskrit oder wahrscheinlicher in das sog. buddhistische hybride Sanskrit, eine Mischsprache aus altindischen und mittelindischen Sprachelementen, übersetzt. Er trug den Titel Nāgasenabhiksusūtra. Die in den Theravāda-Ländern überlieferte Pāli-Fassung ist natürlich ebenfalls eine Übersetzung. Sie ist vermutlich nicht in Indien, sondern erst in Sri Lanka zugleich mit einer inhaltlichen Bearbeitung und mit der Erweiterung des Textes um die Teile IV bis VII durch einen Mönch der dort herrschenden Theravāda-Schule angefertigt worden. Übrigens hat dieser Bearbeiter auch die älteren Teile des Werkes an einigen Stellen verändert und dabei beispielsweise allerlei Wundererzählungen hinzugefügt, die Angaben über die Zahl der Mönche in der Einleitung vervielfacht und andere, dem Geiste einer etwas späteren Zeit entsprechende Einfügungen im Text vorgenommen.
Die Geschichte des indischen Buddhismus berichtet uns nun bekanntlich über zahlreiche sog. Schulbildungen, durch die die ursprüngliche Einheit des Mönchsordens verloren ging. Diese oft fälschlich als «Sekten» bezeichneten Richtungen des frühen Buddhismus bildeten nun zunächst Gruppen im Sangha, die sich nur durch kleine Unterschiede in der Auslegung und Anwendung der Mönchsregeln voneinander unterschieden. Sie waren keineswegs häretische Gruppen, wie wir sie aus der frühen Geschichte des Christentums kennen. Erst sekundär entwickelten sich auch innerhalb des Buddhismus Schulrichtungen mit unterschiedlichen Auffassungen über einzelne Fragen der Auslegung buddhistischer Lehren. Zwar projiziert die Theravāda-Tradition dogmatischen Schulstreit innerhalb des Mönchsordens weit zurück bis in die Zeit der Herrschaft des Königs Asoka, also bis ins frühe dritte vorchristliche Jahrhundert, oder sogar noch weiter, doch spricht vieles dafür, daß erst verhältnismäßig spät dogmatische Fragen in den Vordergrund der Meinungsverschiedenheiten getreten sind.
So nimmt es nicht wunder, wenn in den alten Teilen des Milindapañha noch keine Lehrsätze gefunden worden sind, die eine eindeutige Zuordnung des Werkes zu einer bestimmten Schulrichtung mit Sicherheit erlauben. Thich Minh Chau vermutete sogar, daß der älteste Milindapañha-Text älter sei als der Beginn der Bildung der buddhistischen Schulrichtungen, aber dies ist doch unwahrscheinlich. Die in Indien überlieferte und später ins Chinesische übersetzte Textfassung wird von den meisten Gelehrten als Werk der in Kaschmir beheimateten Sarvāstivāda-Schule betrachtet. Die Sarvastivādin haben in den folgenden Jahrhunderten maßgebliche Beiträge zur Entwicklung der buddhistischen Philosophie geleistet. Es ist allerdings nach dem heutigen Stand unserer Kenntnisse auch nicht auszuschließen, daß der Verfasser des Textes einer anderen, nämlich der Dharmagupta-Schule angehört hat, deren Verbreitung in früher Zeit sich ebenfalls in jenen nordwestlichen Gebieten Indiens nachweisen läßt.
In jedem Fall darf behauptet werden, daß die in dem Text vorgetragenen Lehren, wenn auch vielleicht nicht in allen Einzelheiten die ursprüngliche Lehre des Buddha, so doch das Verständnis des Buddhismus, wie es im zweiten und ersten Jahrhundert v. Chr. in den meisten Teilen der damaligen buddhistischen Welt verbreitet war, genau und gut wiedergeben. Man wird, wenn man nur die alten Teile des Milindapañha in Betracht zieht und die späteren ceylonesischen Hinzufügungen einmal außer acht läßt, Nyānatilokas wohl in Betrachtung des Gesamttextes formulierte negative Äußerung in der Vorrede zur ersten Auflage, in der er an dem Text «Spitzfindigkeiten und sophistische Verdrehungen, vielleicht gar direkte Fehler und falsche Auslegungen der Lehre» kritisierte, heute nicht mehr ohne weiteres akzeptieren.
Was nun den Zeitpunkt der Abfassung des ursprünglichen Milindapañha betrifft, so kann man auch dazu nur Vermutungen anstellen. F. O. Schrader glaubte, daß die überlieferten Dialoge des alten Teiles des Milindapañha tatsächlich im wesentlichen eine Art Protokoll der Gespräche des Königs mit dem Mönch Nāgasena darstellen, so daß sie ins zweite Jahrhundert v. Chr. zu datieren sind. Erich Frauwallner meinte immerhin, der Text müßte aus einer Zeit stammen, «wo das Andenken an Menandros noch lebendig war, also vermutlich aus dem ersten Jahrhundert v. u. Z.» (Die Philosophie des Buddhismus, Berlin 1956, S. 66). Ein recht frühes Entstehungsdatum der Urfassung darf nach allem, was wir wissen, als wahrscheinlich gelten. Die älteste chinesische Übersetzung soll übrigens bereits im dritten Jahrhundert n. Chr. verfaßt worden sein.
Der Milindapañha ist - über die bereits erwähnten Studien hinaus Gegenstand zahlreicher wissenschaftlicher Arbeiten gewesen. Die älteren sind von Siegfried Behrsing in «Beiträge zu einer Milindapañha-Bibliographie» (Bulletin of the School of Oriental Studies, Bd. 7, 1933-35, S.335-348 und 517-539) angeführt worden. In neuerer Zeit hat sich nicht nur die europäische und die indische, sondern auch die japanische Forschung wiederholt mit unterschiedlichen Aspekten des Milindapañha befaßt. Gleichwohl darf festgestellt werden, daß einige wichtige Fragen philologischer, historischer und philosophiegeschichtlicher Natur, die für eine noch genauere Einordnung des Milindapañha in die Geschichte der buddhistischen Überlieferung geklärt werden müßten, noch nicht abschließend beantwortet werden konnten. Der Milindapañha zählt jedenfalls zu den bedeutendsten Zeugnissen der älteren buddhistischen Literatur und ist in besonderem Maße geeignet, auch dem abendländischen Leser ein tieferes Verständnis der Lehre des Buddha zu vermitteln.
Vorrede der ersten Auflage, Breslau 1914, Walter Markgraf
Unter allen uns überlieferten buddhistischen Werken dürfte wohl keines dazu bestimmt sein, die Massen des Volkes in solchem Maße zu gewinnen, wie der, von einem der größten Pāligelehrten Europas wohl nicht mit Unrecht als das Meisterwerk indischer Prosa bezeichnete "Milinda-Pañho", d.i. auf deutsch "Die Fragen des Milindo."
Es muß zwar zugegeben werden, daß dieses Werk keineswegs an allen Stellen durchweg den echten, ursprünglichen Geist der in dem Pālikanon niedergelegten Erlösungslehren atmet; auch nicht ganz frei sprechen kann man es von Spitzfindigkeiten und sophistischen Verdrehungen, vielleicht gar direkten Fehlern und falschen Auslegungen der Lehre, weshalb dasselbe denn auch, und das besonders in Ceylon, bereits zu scharfer Polemik herausgefordert und zur Entstehung einer ganzen Reihe von Schriften dafür und dagegen die Veranlassung gegeben hat.
Doch das alles wird dem Leser in reichlichem Maße vergolten durch die zumeist recht tiefsinnigen Ausführungen in den ersten Teilen, sowie die stets geistreiche, nie ermüdende Phantasie des Autors. Allerdings, ein vollkommener Genuß des Werkes wird nur dem vergönnt sein, der dasselbe in seiner Ursprache, dem Pali, zu lesen imstande ist. Nämlich hinsichtlich seiner Sprache - die einerseits die formale Steifheit der kanonischen Texte, andererseits den schwulstigen Stil der späteren Scholiasten vermeidet - dürfte sich weder in der kanonischen noch außerkanonischen Pāli-Literatur wohl kaum ein zweites Werk finden lassen, das dem Milinda-Pañho an Vornehmheit und Klarheit des Stiles als auch der Lieblichkeit der Sprache gleich käme.
Sicher ist, daß das Werk keineswegs, auch nur im entferntesten, ein einheitliches genannt werden kann, sodaß man wohl kaum umhin kann, die Möglichkeit mehrerer Verfasser zu postulieren. Dr. Schrader nimmt an, daß der Milinda-Pañho, so wie er uns heute vorliegt, zum mindestens von fünf Autoren stammt und daß das ursprüngliche Werk sich bloß auf einen ganz geraumen Umfang beschränkt.
Gewiß, schon beim bloßen, oberflächlichen Durchlesen muß es dem Leser auffallen, daß so manche Stellen gar nicht recht in den Zusammenhang hineinpassen wollen, ja, ihm bisweilen geradezu widersprechen. Auch fehlt der das Ganze beherrschende, einheitliche Ton, was besonders auffällt, wenn man die drei ersten Teile des Werkes mit dem bei weitem weniger wertvollen Reste vergleicht.
Nichtsdestoweniger habe ich, unbeachtet dieser Tatsachen, es dennoch nicht der Mühe für unwert erachtet, den Text einmal in seinem vollen Umfange, in dem wir ihn heute vorfinden, dem Leser darzubieten.
Wenn ich verschiedene Stellen der einleitenden Erzählung in kleinerem Drucke gegeben habe, so wollte ich indessen dadurch nicht etwa deren spätere Entstehung andeuten, sondern wurde dabei lediglich von der Absicht geleitet, mehr Einheitlichkeit in das Ganze zu bringen.
Deutliche, auch von Dr. Schrader angeführte Gründe gibt es, die uns zur Annahme berechtigen, daß das Werk, wenigstens in seiner ältesten Form, in Sanskrit abgefaßt war und daß dasselbe schon in der frühesten Zeit in die Pālisprache übertragen wurde.
Auch die bei weitem kürzere, uns in zwei Ausgaben erhaltene chinesische Version dürfte ebenfalls auf das Sanskrit-Original zurückgehen.
Wenn ich das Werk im Titelblatte einen Roman nenne, so tue ich dies lediglich mit Beziehung auf das uns heute vorliegende Werk, also nicht auf das Werk in seiner ursprünglichen Gestalt.
Daß das Werk aber auf einer historischen Begebenheit basiert und Milindo mit dem griechisch-baktrischen Könige Menandros identisch ist, darüber kann heute kaum mehr irgend welcher Zweifel bestehen, wenn wir uns auch über die Person des Mönches Nāgaseno noch nicht im Klaren sind.
Eine ausführliche geschichtliche Orientierung gibt uns bereits Schrader in seinem Werke, weshalb ich mich daher hier lediglich auf einen kurzen Auszug aus derselben beschränke, gleichzeitig aber den eingehender Interessierten auf Schraders Einleitung zu seinem Werke verweise.
Nach dem im Jahre 232 v. Ch. erfolgten Tode Alexanders des Großen, der auf seinen Eroberungszügen siegreich bis nach Indien vorgedrungen war und als letzte Waffentat die Zerstörung der in vorliegendem Werke den Schauplatz bildenden Feste Sāgalā (= Sangalā) vollbracht hatte, setzte sein General Seleukos den Raubzug noch weiter nach Osten fort, wo er aber schließlich von Chandragupta (hellenisiert: Sandrakottos), dem buddhistischen Könige des Magadha Reiches, besiegt wurde.
In der Folgezeit bildeten sich jedoch zwischen beiden dauernde, freundschaftliche Beziehungen heraus, sodaß selbst noch in späteren Zeiten der Großenkel des Chandragupta, der große König Asoko, in dem einst von Seleukos gegründeten Reiche ungestört für die Ausbreitung der buddhistischen Lehre wirken durfte.
Unter den Nachfolgern des Seleukos gingen die Satrapien Baktrien und Parthien dem von ihm gegründeten Seleukidenreiche verloren und wurden zu unabhängigen, selbständigen Königreichen. Baktrien nahm indessen unter Enthydemos aus Magnesia und seinem Sohne Demetrios einen großen Aufschwung und erstreckte sich damals im Süden bis zur Halbinsel Gujerat einschließlich. Das eigentliche, ursprüngliche Baktrien wurde ihm dagegen von dem Usurpator Eukratides entrissen, der sich zum Herren dieses Landes machte, sodaß nunmehr Demetrios bloß noch auf die südlichen Länderstriche angewiesen war. Er bezeichnete sich von da ab stets nur noch als "König von Indien" und machte Sāgalā, das er zur Erinnerung an seinen Vater "Euthydemeia" nannte, zur Hauptstadt seines "Griechisch-Indischen Reiches". Aber auch diese geriet vorübergehend in die Hände des Eukratides, wurde demselben doch bald wieder entrissen.
Nach Aussage des indischen Werkes Vāyupurāna, und den aufgefundenen Münzen zu entnehmen, haben acht Könige über dieses Land geherrscht, nämlich: Demetrios, Eukratides, Apollodotos, Strator I., Strator II., Zoilos, Menandros und Dionysios, in ihrer indianisierten Form: Demetriya, Evukrātida, Apaladata, Strata, Ihoila, Menandra und Diyanisiya. Der bedeutendste unter ihnen und der am meisten von den griechischen Geschichtsschreibern erwähnte ist zweifellos der Held unseres Werkes, Menandros, pālisiert: Milindo.
Nach dem Bericht Plutarchs soll derselbe wegen seiner gerechten Herrschaft beim Volke so sehr beliebt gewesen sein, daß nach seinem Tode die verschiedenen Städte des Reiches sich in seine Asche teilten und Grabdenkmäler darüber errichteten, genau wie es im Mahā-Parinibbāna-Suttam des Dīgha-Nikāyo von der Bestattung des Buddha, bezw. eines Weltherrschers, berichtet wird.
In unserem Werke wird außerdem gesagt, daß König Milindo nach einem Gespräche mit dem Mönche Nāgaseno sich als Anhänger der Lehre bekannte, späterhin gar selber dem Orden beitrat, um schließlich die vollkommene Heiligkeit und Erlösung zu erreichen. Wenn auch die erste Angabe - daß nämlich Milindo zu einem Anhänger Buddhas wurde - aller Wahrscheinlichkeit entspricht, sind doch beide letzteren Angaben kaum ernst zu nehmen und nur als eine in jüngerer Zeit entstandene Erdichtung aufzufassen, dazu bestimmt, dem ganzen Werke einen noch würdigeren Abschluß zu verleihen.
Über die genaue Entstehungszeit des Milinda-Pañho ist uns nichts Sicheres verbürgt, und auch unter den europäischen Gelehrten bestehen hinsichtlich dieses Punktes bis jetzt nichts als vage Mutmaßungen. Soviel läßt sich aber mit unumstößlicher Gewissheit sagen, daß die Entstehung der ältesten Fassung des Werkes nicht vor Menandros und nicht nach dem großen Scholiasten Buddhaghoso - der übrigens viermal aus dem Milinda-Pañho zitiert und denselben als unantastbare Autorität betrachtet - entstanden sein kann, also etwa zwischen 100 v. Ch. und 400 n. Ch. zu suchen ist.
Als Vorlage zu meiner Übersetzung diente mir die so vorzüglich edierte Ausgabe Trenkners. Die burmesische Ausgabe des Palitextes dagegen war dermaßen voller Fehler, daß ich dieselbe gar nicht gebrauchen konnte. Die sinhalesische Übersetzung von Hīnati-kumbure Sumangala, sowie die englische von Rhys Davids und die Teilübersetzungen von Schrader und Trenkner habe ich mit der meinigen verglichen und im Anhang alle die wesentlichsten Abweichungen vermerkt, vor allem aber die bei der englischen Übersetzung von Rhys Davids bisweilen unterlaufenen Mißverständnisse bzw. Fehler klargestellt.
Mein Hauptaugenmerk war darauf gerichtet, dem Leser die Lektüre des Werkes so leicht und angenehm wie möglich zu gestalten, weshalb ich denn auch alle, einen der Pali-Sprache unkundigen Leser bloß störenden rein wissenschaftlichen Anmerkungen innerhalb des Textes ausdrücklich vermieden und mir für den Anhang aufgespart habe.
Meine Übersetzung wollte ich eben durchaus nicht etwa bloß für die Wissenschaftler bestimmt wissen, wohl aber für den gesamten deutsch sprechenden Leserkreis, dem hier die buddhistischen Wahrheiten in einfacher Form und auf eine leicht verständliche Weise zugänglich gemacht werden sollen.
Ich war daher bemüht, wo immer ich es für nötig erachtete, der Übersetzung durchweg bloß sachliche, den Text erklärende Anmerkungen beizufügen oder aber auf bereits in anderen meiner Werke gegebene Erklärungen hinzuweisen, habe also keineswegs, wie das leider gar zu häufig geschieht, den Text mit wissenschaftlich klingenden Phrasen und wichtig erscheinenden, in Wirklichkeit aber seichten Spekulationen gespickt.
Da es mir infolge meines fernen Aufenthaltes in Ceylon nicht möglich war, die Druckbogen selber zu lesen, haben sich leider eine ganze Unmasse von Druckfehlern eingeschlichen, die ich den Leser dringend bitten möchte, schon vor Beginn der Lektüre an Hand der auf S. 337 und 338 gegebenen Berichtigungen auszumerzen.
Zum Schluss möchte ich es nicht versäumen, meinem Freunde Pandit Wagiswara, dem vielleicht größten, auf alle Fälle aber am unabhängigst denkenden Abhidhamma- und Pāligelehrten Ceylons, meinen herzlichsten Dank auszusprechen für eine Reihe wichtiger Erklärungen, die ich zum großen Teile im Anhang angeführt habe.
Auch dem für den verstorbenen Sri Sumangala eingetretenen Leiter des Vidyodaya Oriental College zu Colombo, Ehrw. Nānissara-thero, bin ich für mancherlei Anregungen und Winke zum Danke verpflichtet. Dank gebührt ebenfalls meinen edlen Freunden in Ceylon, die die Druckkosten dieses ersten Bandes des Milinda-Pañho bestritten haben, und denen ich deshalb an dieser Stelle einen Denkstein setzen möchte. Dieselben sind: Advokat F. R. Senanayaka; Gebr. Hewawitarana; F. L. Woodward, M. A.; C. W. Louis Perera; D. C. Senanayaka; D. D. Pedris; Mrs. U. D. S. Gunasekera; Dr. E. Roberts; Proctor:Jayasundera; H. Amarasuriya; L. B. Perera; Arthur de Silva; W. Wijayatileke.
"lsland Hermitage", Dodanduwa (Ceylon, Oktober 1913. ) Nyānatiloka Thero.
Obzwar vorliegendes Werk bereits Herbst 1913 in Lieferungen ausgegeben wurde, hat sein Erscheinen in Buchform infolge des Weltkrieges leider eine Verzögerung von über 5 Jahren erlitten.
Blankenese b. Hamburg, 25. Mai 1919.
Nyānatiloka Thero.
Milindapañha 2.1.1-2.1.14
1. Kapitel - 1. Mahā Vagga
Fragen über charakteristische Merkmale
Mil. 2.1.1. Unpersönlichkeit - 2.1.1. Paññattipañho
Der König ging nun auf den ehrwürdigen Nāgasena zu, begrüßte sich freundlich mit ihm, und nach Austausch höflicher und zuvorkommender Worte setzte er sich zur Seite nieder. Und der ehrwürdige Nāgasena erwiderte seinen freundlichen Gruß, wodurch er des Königs Herz zufrieden stimmte.
Darauf wandte sich der König Milinda an den ehrwürdigen Nāgasena und sprach:
"Wie heißt du, Ehrwürdiger? Welchen Namen trägst du?"
"Ich bin als Nāgasena bekannt, o König, und mit Nāgasena reden mich meine Ordensbrüder an. Ob nun aber die Eltern einem den Namen Nāgasena geben oder Sūrasena oder Vīrasena oder Sīhasena, immerhin ist dies nur ein Name, eine Bezeichnung, ein Begriff, eine landläufige Ausdrucksweise, ja weiter nichts als ein bloßes Wort, denn eine Person ist da nicht vorzufinden."
(Mit der hier geleugneten
puggala ist lediglich eine beharrende Ichsubstanz gemeint, eine beständige und in jeder Hinsicht identische Persönlichkeit)
Der König aber sprach: "Hört mich an, ihr fünfhundert Griechen und zahlreichen Mönche! Dieser Nāgasena behauptet, eine Person gebe es nicht. Wie kann man dem beipflichten?"
Und der König sprach zu dem ehrwürdigen Nāgasena:
"Wenn es, ehrwürdiger Nāgasena, keine Person gibt, wer ist es denn, der euch da die Bedarfsgegenstände, wie Gewand, Almosenspeise, Lagerstatt, Heilmittel und Arzneien spendet?
Wer ist es, der davon Gebrauch macht?
Wer ist es, der die Sittenregeln erfüllt, die Geistespflege übt, Pfad, Ziel und Erlösung verwirklicht?
(Über die vier Pfade und Ziele der Heiligkeit siehe B. Wtb: ariya-puggala)
Wer ist es, der tötet, stiehlt, ehebricht, lügt, trinkt und die unmittelbar nach dem Tode zur Hölle führenden Verbrechen (ānantarika kamma) begeht?
So gäbe es also weder etwas Heilsames oder etwas Unheilsames, noch einen Täter oder Verursacher guter und schlechter Taten, noch eine Frucht oder ein Ergebnis guter und schlechter Taten, und selbst derjenige, der dich töten würde, beginge keinen Mord.
Und auch du, Nāgasena, hättest weder einen Lehrer noch Berater noch überhaupt die Mönchsweihe. Nun behauptest du aber andererseits, daß deine Ordensbrüder dich mit Nāgasena anreden.
Wer ist denn dieser Nāgasena? Sind da etwa die Kopfhaare dieser Nāgasena, oder sind es Körperhaare, Nägel, Zähne, Haut, Fleisch, Sehnen, Knochen, Knochenmark, Niere, Herz, Leber, Zwerchfell, Milz, Lunge, Eingeweide, Gekröse, Mageninhalt, Kot, Galle, Schleim, Eiter, Blut, Schweiß, Fett, Tränen, Lymphe, Speichel, Rotz, Gelenköl, Urin oder das im Schädel befindliche Gehirn?"
"Nicht doch, o König!"
"Oder sind etwa der Körper, oder das Gefühl, oder die Wahrnehmung, oder die Geistesformationen, oder das Bewußtsein dieser Nāgasena?"
"Nicht doch, o König!"
"Dann sollen wohl vielleicht Körper, Gefühl, Wahrnehmung, Geistesformationen und Bewußtsein (zusammen genommen), dieser Nāgasena ein?"
"Nicht doch, o König!"
"Oder soll dieser Nāgasena gar außerhalb von Körper, Gefühl, Wahrnehmung, Geistesformationen und Bewußtsein existieren?"
"Nicht doch, o König!"
"Ich mag dich fragen, wie ich will, Verehrter: den Nāgasena aber kann ich
nicht entdecken. Soll etwa das bloße Wort
"Nicht doch, o König!"
"Nun, wer ist denn dieser Nāgasena? Eine Unwahrheit sprichst du, o Herr, eine Lüge, denn der Nāgasena existiert ja gar nicht!"
Und der ehrwürdige Nāgasena wandte sich zum Könige und sprach: "Du bist, o König, fürstlichen Luxus und äußerste Bequemlichkeit gewöhnt. Wenn du daher zur Mittagsstunde im heißen Sande zu Fuße gehst und mit den Füßen auf den harten, steinigen Kiessand trittst, bekommst du wehe Füße, dein Körper ermattet, dein Geist wird verstimmt, und körperliche Schmerzgefühle machen sich geltend. Bist du denn zu Fuße gekommen oder mit einem Gefährt?"
"Nein, o Herr, ich bin nicht zu Fuße gekommen, sondern mit dem Wagen."
"Nun, wenn du mit dem Wagen gekommen bist, o König, so erkläre mir denn, was ein Wagen ist! Ist wohl vielleicht die Deichsel der Wagen?"
"Nicht doch, o Herr!"
"Oder die Achse?"
"Nicht doch, o Herr!"
"Oder sind die Räder, oder der Wagenkasten, oder der Fahnenstock oder das Joch, oder die Speichen, oder der Treibstock der Wagen?"
"Nicht doch, o Herr!"
"Dann sollen wohl diese Dinge, alle zusammen genommen, der Wagen sein?"
"Nicht doch, o Herr!"
"Oder soll etwa gar der Wagen außerhalb dieser Dinge existieren?"
"Nicht doch, o Herr!"
"Ich mag dich fragen, wie ich will, o König: den Wagen aber kann ich nicht
entdecken. Soll etwa das bloße Wort
"Nicht doch, o Herr!"
"Nun, was ist denn dieser Wagen? Eine Unwahrheit sprichst du, o König, eine Lüge, denn der Wagen existiert ja gar nicht. Du bist doch, o König, der oberste Herr über ganz Indien. Aus Furcht vor wem lügst du denn da? Hört mich an, ihr fünfhundert Griechen und zahlreichen Mönche! Dieser König Milinda behauptet, mit einem Wagen gekommen zu sein, doch auf meine Bitte hin, mir zu erklären, was ein Wagen ist, kann er mir einen solchen nicht nachweisen. Kann man so etwas wohl billigen?"
Auf diese Worte spendeten die fünfhundert Griechen dem ehrwürdigen Nāgasena ihren Beifall und sprachen zum König Milinda: "Nun antworte, o König, wenn es dir möglich ist!"
Und der König sprach zum ehrwürdigen Nāgasena:
"Ich spreche durchaus keine Lüge, ehrwürdiger Nāgasena. Denn in Abhängigkeit
von Deichsel, Achsel, Rädern usw. entsteht die Benennung, die Bezeichnung, der
Begriff, die landläufige Ausdrucksweise, das bloße Wort
"Ganz richtig, o König, hast du erkannt, was ein Wagen ist. Gerade so aber
auch, o König, entsteht in Abhängigkeit von Kopfhaaren, Körperhaaren, Zähnen,
Nägeln usw. die Benennung, die Bezeichnung, der Begriff, die landläufige
Ausdrucksweise, das bloße Wort
Auch die Nonne Vajirā, o König, hat in Gegenwart des Erhabenen gesagt:
(Dieser Text findet sich im S.5.10, dort spricht allerdings die Nonne Vajirā zu Māra, nicht zum Buddha)
"Wunderbar ist es, ehrwürdiger Nāgasena; außerordentlich ist es, ehrwürdiger Nāgasena, wie du so ausgezeichnet meine Fragen beantwortet hast. Ja, wenn der Erleuchtete noch am Leben wäre, möchte er dir ebenfalls seinen Beifall geben. Gut, gut, Nāgasena! Ganz vorzüglich hast du meine Fragen beantwortet!"
Mil. 2.1.2. Seniorität - 2.1.2. Vassagaṇanapañho
"Wie viele Ordensjahre hast du, ehrwürdiger Nāgasena?"
"Sieben Ordensjahre, o König."
"Wer ist denn nun eigentlich diese Sieben, ehrwürdiger Nāgasena? Bist du diese Sieben, oder ist diese Sieben die Zahl (der Jahre)?"
In diesem Augenblicke fiel gerade der Schatten des Königs auf den Boden, und seine ganz mit Juwelen bedeckte, prächtig geschmückte Gestalt spiegelte sich in einem großen Topfe voll Wasser wider. Und der ehrwürdige Nāgasena sprach zum Könige Milinda: "Deinen Schatten erblickt man da auf dem Boden, und deine Gestalt spiegelt sich in jenem Gefäße voll Wasser wider. Wie denn, o König, bist du der König, oder ist dieses Spiegelbild der König?"
"Ich, ehrwürdiger Nāgasena, bin der König, und nicht dieses Spiegelbild ist der König. Doch von mir ist die Entstehung des Spiegelbildes abhängig."
"Ebenso auch, o König, ist die Zahl der Ordensjahre sieben, und nicht bin ich diese Sieben. Von mir aber ist - genau so wie das Spiegelbild - die Entstehung der Sieben abhängig."
"Wunderbar ist es, ehrwürdiger Nāgasena, erstaunlich ist es, wie du so vorzüglich meine Fragen beantwortet hast!"
Mil. 2.1.3. Diskussion nach Art eines Weisen - 2.1.3. Vīmaṃsanapañho
Der König sprach: "Ehrwürdiger Nāgasena, möchtest du noch weiter mit mir diskutieren?"
"Wenn du nach Art der Weisen diskutieren willst, o König, dann wohl; willst du aber nach Art der Könige diskutieren, dann nicht."
"Wie diskutieren denn Weise, ehrwürdiger Nāgasena?"
"Bei den Diskussionen der Weisen, o König, zeigt sich ein Auf- und Abwickeln (des Themas), Widerlegung und Entgegnung, Differenzierung und Gegendifferenzierung (Dies sind Stadien und Methoden der Disputierkunst, auf deren genaue Erklärung hier verzichtet wurde). Und doch geraten die Weisen dabei nicht außer sich. So, o König, diskutieren Weise."
"Wie diskutieren nun aber Könige, ehrwürdiger Nāgasena?"
"Wenn Könige während einer Diskussion etwas behaupten und da irgend einer widerspricht, so geben sie den Befehl, diesen Menschen zu bestrafen. So, o König, diskutieren Könige."
"So will ich denn, Ehrwürdiger, nach Art eines Weisen diskutieren und nicht nach der eines Königs. Mögest du, Ehrwürdiger, ganz unbefangen mit mir diskutieren! Mögest du genau so frei mit mir reden, wie du es etwa mit einem Mönche, Novizen, Anhänger oder Klosterdiener tun würdest! Du hast nichts zu befürchten."
"Nun gut, König", stimmte der Ordensältere bei.
Der König sprach: "Darf ich dich etwas fragen, ehrwürdiger Nāgasena?"
"Ja, König, du magst mich fragen."
"Ich habe dich etwas gefragt, Ehrwürdiger."
"Das habe ich ja bereits beantwortet."
"Was hast du denn geantwortet, Ehrwürdiger?"
"Was hast du denn überhaupt gefragt?"
Da dachte der König Milinda: "Wahrlich, dieser Mönch ist weise und ist imstande, mit mir zu diskutieren. Und über gar viele Punkte habe ich ihn zu befragen. Doch die Sonne möchte untergehen, bevor ich ihm all diese Fragen gestellt hätte. Wie, wenn ich morgen im Palaste meine Diskussion mit ihm fortsetzte?" Und der König sprach zu Devamantiya: "Devamantiya, teile dem Ehrwürdigen mit, daß die Diskussion mit dem Könige morgen im Palaste fortgesetzt werden solle!"
Mit diesen Worten erhob sich der König von seinem Sitze und verabschiedete sich vom Ordensälteren Nāgasena. Darauf bestieg er sein Pferd und ritt davon, indem er beständig das Wort "Nāgasena, Nāgasena" vor sich hin murmelte.
Und Devamantiya teilte dem ehrwürdigen Nāgasena den Auftrag des Königs mit. "Gut!" versetzte der Ordensältere, indem er seine Einwilligung gab.
Und nach Ablauf jener Nacht begaben sich Devamantiya, Anantakāya, Mankura und Sabbadinna zum Könige Milinda und sprachen: "Soll nun der verehrte Nāgasena kommen, o König?"
"Ja, laßt ihn kommen!"
"Mit wie vielen Mönchen aber soll er kommen?"
"Mit so vielen, wie er will."
Sabbadinna aber sprach: "Laß ihn mit zehn Mönchen kommen, o König!"
Doch der König blieb bei seinem Wort. Als ihn indessen Sabbadinna zum zweitenmale und drittenmale mit seinem Vorschlage anging, sprach der König: "Jede Art Fürsorge ist getroffen. Also, ich sage, er mag mit so vielen Mönchen kommen, wie er will, wenn auch Sabbadinna etwas anderes sagt. Sollten wir denn wirklich nicht imstande sein, so viele Mönche zu speisen?"
Durch diese Worte aber wurde Sabbadinna ganz eingeschüchtert.
Darauf begaben sich Devamantiya, Anantakaya und Mankura zum ehrwürdigen Nāgasena und teilten ihm mit, was ihnen der König aufgetragen hatte. Und es kleidete sich der ehrwürdige Nāgasena am frühen Morgen an und begab sich, mit Gewand und Schale versehen, in Begleitung zahlreicher Mönche nach Sāgalā.
Mil. 2.1.4. Keine Seele - 2.1.4. Anantakāyapañho
Und Anantakāya, der ihm zur Seite ging, sprach zu ihm: "Wenn ich da das Wort
"Was meinst du denn wohl, was da
"Ich denke mir, o Herr, daß diese Seele (jīva, Lebensgeist, Lebenskraft), die da als innerliche (Atem-) Luft ein- und ausströmt, der Nāgasena ist."
"Wenn nun aber dieser Atem ausströmt, ohne zurückzukehren, oder einströmt ohne wieder auszuströmen, wird wohl da der Mensch noch leben können?"
"Gewiß nicht, Ehrwürdiger."
"Wenn nun aber ein Muschel-Trompeter oder ein Pfeifer oder Hornbläser in ihre Instrumente blasen, kehrt da etwa deren Wind wieder zu ihnen zurück?"
"Gewiß nicht, Ehrwürdiger."
"Und warum sterben sie dann nicht?"
"Ich bin nicht imstande mit einem solchen Gegner, wie dir, zu diskutieren. So erkläre mir denn, bitte, die Sache, Ehrwürdiger!"
"Das ist keine Seele. Ein- und Ausatmung sind körperliche Funktionen." Damit gab er ihm einen Ausspruch aus dem Abhidhamma.
Und Anantakāya erklärte sich alsbald als einen Anhänger (upāsaka).
Mil. 2.1.5. Ziel der Weltentsagung - 2.1.5. Pabbajjapañho
Der ehrwürdige Nāgasena traf nun im Palaste des Königs Milinda ein und setzte sich auf dem angewiesenen Sitze nieder. Und der König bewirtete ihn samt seinem Gefolge, indem er ihnen eigenhändig mit vorzüglichen harten und weichen Speisen aufwartete. Auch beschenkte er einen jeden der Mönche mit einem Gewänderpaar (das ist Ober- und Untergewand; bei den "drei Gewändern" kommt noch das Doppelgewand hinzu), den ehrwürdigen Nāgasena aber mit den drei Gewändern, und sprach: "Mögest du, ehrwürdiger Nāgasena, mit zehn Mönchen hier bleiben. Die übrigen lasse gehen."
Und sobald der König bemerkte, daß der ehrwürdige Nāgasena mit dem Mahle fertig war und seine Hand von der Almosenschale zurückgezogen hatte, nahm er einen niedrigen Sitz und setzte sich zur Seite hin. Darauf sprach er zu ihm: "Worüber sollen wir diskutieren, ehrwürdiger Nāgasena?"
"Da wir alle nach einem Ziele streben, o König, so laß uns von diesem Ziele sprechen!"
Und der König sprach: "Welches Ziel verfolgt ihr denn bei eurem Mönchtum (pabbajjā), ehrwürdiger Nāgasena? Was ist euer höchstes Ziel?"
"Was anderes als dieses (gegenwärtige) Leiden eben schwinden und kein anderes (neues) Leiden mehr aufkommen zu lassen, dies ist das Ziel unseres Mönchstums, o König. Hanglose Erlösung (anupādā-parinibbāna, siehe nibbāna): das ist unser höchstes Ziel."
"Sag, ehrwürdiger Nāgasena, ziehen wohl alle dieses Zieles wegen ins Mönchtum hinaus?"
"Nicht doch, o König. Einige zwar tun es dieses Zieles wegen, andere aber aus Furcht vor der Strafe des Königs, wieder andere, da sie von Schulden bedrückt sind, und manche tun es gar, um sich dadurch ihren Lebensunterhalt zu erwerben. Wer aber auf rechte Weise Mönch wird, der tut es eben dieses höchsten Zieles wegen."
"Du aber, ehrwürdiger Nāgasena, bist doch wohl dieses höchsten Zieles wegen Mönch geworden?"
"Ich war noch ein Knabe, o König, als ich ins Mönchstum hinauszog. Ich konnte
daher noch nicht wissen, daß ich dieses Zieles wegen Mönch werden sollte. Ich
sagte mir nur:
"Gar klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 2.1.6. Wiedergeburt - 2.1.6. Paṭisandhipañho
Der König sprach: "Gibt es wohl irgend einen, ehrwürdiger Nāgasena, der nach dem Tode nicht mehr wiedergeboren wird?"
"Der eine wird wiedergeboren, der andere nicht."
"Wer aber wird wiedergeboren und wer nicht?"
"Der mit Leidenschaften Befleckte, o König, wird wiedergeboren, der Fleckenlose aber nicht."
"Wirst du wohl aber wiedergeboren, Ehrwürdiger?"
"Wenn ich (in der Sterbestunde) noch an der Welt hänge, werde ich wiedergeboren, sonst nicht."
"Gar klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 2.1.7. Aufmerksamkeit und Weisheit - 2.1.7. Yonisomanasikārapañho
Der König sprach: "Daß einer nicht wiedergeboren wird, ist dies, ehrwürdiger Nāgasena, etwa eine Folge gründlicher Aufmerksamkeit (yoniso manasikāra)?"
"Eine Folge gründlicher Aufmerksamkeit sowohl, o König, als auch eine Folge der Weisheit und anderer guter Eigenschaften."
"Ist denn aber nicht, o Ehrwürdiger, gründliche Aufmerksamkeit dasselbe wie Weisheit?"
"Nein, o König. Eines ist Aufmerksamkeit, ein anderes aber Weisheit. Denn auch die Schafe, Ochsen, Büffel, Kamele und Esel zeigen Aufmerksamkeit, Weisheit aber besitzen sie nicht!"
"Gar klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Der König sprach: "Was, o Ehrwürdiger, ist das charakteristische Merkmal der Aufmerksamkeit (manasikāra), und was dasjenige der Weisheit (paññā)?"
"Die (geistige) Einstellung ist das charakteristische Merkmal der Aufmerksamkeit, o König, das Abtrennen aber dasjenige der Weisheit."
"Inwiefern aber? Gib mir ein Beispiel!"
"Weißt du wohl, o König, wie es die Schnitter machen, wenn sie die Gerste mähen?"
"Gewiß weiß ich das, Ehrwürdiger."
"Nun, wie machen sie es denn, o König?"
"Mit der linken Hand, o Herr, faßt der Schnitter die Gerste zu einem Büschel zusammen, und mit der rechten Hand schneidet er sie vermittelst einer Sichel ab."
"Genau so, o König, faßt der in der Geistessammlung sich Übende vermittelst der Aufmerksamkeit seinen Geist zusammen, und vermittelst der Weisheit schneidet er die Leidenschaften ab. Insofern also, o König, ist die (geistige) Einstellung das charakteristische Merkmal der Aufmerksamkeit und das Abtrennen dasjenige der Weisheit."
"Ja, gar klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena."
? - 2.1.8. Manasikāralakkhaṇapañho
Mil. 2.1.8. Sittlichkeit - 2.1.9. Sīlalakkhaṇapañho
Und der König fuhr fort: "Du hattest da eben, ehrwürdiger Nāgasena, noch von anderen guten Eigenschaften gesprochen, Welche sind dies?"
"Sittlichkeit, o König, Vertrauen, Willenskraft, Achtsamkeit und Sammlung: dies sind jene guten Eigenschaften."
"Welches charakteristische Merkmal aber, o Ehrwürdiger, besitzt die Sittlichkeit (sīla)?"
"Daß sie als Grundlage dient, o König, denn die Sittlichkeit bildet die Grundlage zu sämtlichen guten Geisteszuständen:
- den geistigen Fähigkeiten (bala) und Kräften,
- den Erleuchtungsgliedern (bojjhanga),
- dem (achtfachen) Pfad (magga),
- den Grundlagen der Achtsamkeit (satipatthāna),
- den rechten Anstrengungen (sammā-padhāna),
- den Machtfährten (iddhi pāda),
- den Vertiefungen (jhāna),
- den Freiungen, (vimokhā)
- der Sammlung (samādhi) und den Errungenschaften.
Solange einer die Sittlichkeit zur Grundlage hat, geht er all dieser guten Geisteszustände nicht verlustig."
"Gib mir eine nähere Erläuterung!"
"Gleichwie, o König, sämtliche Arten von Keim- und Pflanzenleben, bei denen sich ein Gedeihen, Wachsen und Entfalten zeigt, eben alle in Abhängigkeit von der Erde, eben dadurch, daß sie die Erde zur Grundlage haben, gedeihen, wachsen und sich entfalten: genau so, o König, bringt der in Sammlung des Geistes sich Übende - eben indem er sich auf Sittlichkeit stützt, die Sittlichkeit zur Grundlage nimmt - die fünf geistigen Fähigkeiten zur Entfaltung, nämlich Vertrauen, Willenskraft, Achtsamkeit, Sammlung und Weisheit."
"Gib mir noch ein anderes Gleichnis!"
"Gleichwie, o König, alle Kraft erfordernden Arbeiten eben in Abhängigkeit von der Erde ausgeführt werden, die Erde zur Grundlage haben: genau so, o König, bringt der in Sammlung sich Übende - eben indem er sich auf Sittlichkeit stützt, die Sittlichkeit zur Grundlage nimmt - die fünf geistigen Fähigkeiten zur Entfaltung."
"Gib mir noch ein Gleichnis!"
"Gleichwie ein Stadtbaumeister, o König, wenn er eine Stadt bauen will, zuerst einen Platz für die Stadt lichten läßt, sodann denselben von Baumstümpfen und Dornen befreit, ebnet und nach einiger Zeit daran geht, denselben in Straßen, Plätze, Kreuzungspunkte usw. einzuteilen und auf diese Weise die Stadt baut: genau so, o König, bringt der in Sammlung sich Übende - eben indem er sich auf Sittlichkeit stützt, die Sittlichkeit zur Grundlage nimmt - die fünf geistigen Fähigkeiten zur Entfaltung."
"Gib mir noch ein weiteres Gleichnis!"
"Gleichwie, o König, ein Akrobat, wenn er seine Kunststücke zeigen will, erst die Erde umgräbt, dann die Steine und den harten Kies entfernt, den Boden ebnet und so auf weichem Boden seine Kunststücke vorführt: genau so, o König, bringt der in Sammlung sich Übende - eben indem er sich auf Sittlichkeit stützt, die Sittlichkeit zur Grundlage nimmt - die fünf geistigen Fähigkeiten zur Entfaltung. Auch der Erhabene, o König, hat gesagt:
Der Weise, der, auf Sittlichkeit gestützt,
Den Geist entfaltet, sich in Weisheit übt,
Ein solch entschlossener und weiser Jünger
Mag dieses Lebens Wirrsal einst entwirren.
(Diese Verse finden sich im Samyutta-Nikāya [S.1.23]. Buddhaghosa gebraucht dieselben als Motto und Richtschnur für sein großes Fundamentalwerk Visuddhi-Magga, Der Weg zur Reinheit.)
Gleichwie da alles Leben auf der Erde fußt,
So ist die Sittensatzung, die befreiende,
Der Grund und Boden zur Entfaltung alles Guten,
Der Ausgangspunkt der Lehre der Erleuchteten."
"Gar klug bist du, Ehrwürdiger Nāgasena."
Mil. 2.1.9. Vertrauen - 2.1.10. Sampasādanalakkhaṇasaddhāpañho
Der König sprach: "Welches charakteristische Merkmal, o Herr, besitzt das Vertrauen (saddhā)?"
"Die Läuterung (sampasādana), o König, und das Vorwärtsstreben: dies sind die charakteristischen Merkmale des Vertrauens."
"Inwiefern aber, o Ehrwürdiger, ist die Läuterung ein charakteristisches Merkmal des Vertrauens?"
"Sobald das Vertrauen aufsteigt, o König, bringt es die geistigen Hemmungen (nīvarana) zum Schwinden. Der ungehemmte Geist aber ist klar, lauter, ungetrübt. Insofern, o König, ist die Läuterung ein charakteristisches Merkmal des Vertrauens."
"Gib mir ein Beispiel!"
"Angenommen, o König, ein Weltherrscher durchschreitet mit seiner vierfachen Heeresmacht auf dem Marsche ein kleines Gewässer, und durch die Elefanten, Pferde, Wagen und Soldaten aufgewühlt, wird das Wasser trübe, schmutzig und schlammig. Der Herrscher aber ist bei seiner Ankunft am anderen Ufer durstig und befiehlt seinen Leuten, Trinkwasser für ihn zu besorgen. Und nimm an, der Herrscher besitzt einen wasserreinigenden Zauberstein, und die Leute werfen auf seinen Befehl jenen Zauberstein in das Wasser. So würden im selben Augenblicke die Muscheln und Wasserpflanzen verschwinden und der Schlamm sich setzen. Das Wasser aber würde hell, durchsichtig und klar sein. Und von diesem Wasser würde man dem Herrscher zum Trinken bringen. -
Unter dem Wasser nun hat man den Geist zu verstehen, unter den Leuten den in der Sammlung sich Übenden, unter den Muscheln, Pflanzen und dem Schlamme die geistigen Trübungen (kilesa) und unter dem wasserreinigenden Zauberstein das Vertrauen. Insofern nun, o König, ist die Läuterung ein charakteristisches Merkmal des Vertrauens."
"Inwiefern aber, o Ehrwürdiger, ist das Vorwärtsstreben ein charakteristisches Merkmal des Vertrauens?"
"Wenn, o König, der in der Sammlung sich Übende merkt, wie andere die Erlösung des Geistes gewinnen, so strebt er alsbald ebenfalls nach dem Ziele des Stromeintrittes, der Einmal-Wiederkehr, der Nie-Wiederkehr oder der Vollkommenen Heiligkeit (arahatta, siehe ariya-puggala). Und er strengt sich an, um das Unerreichte zu erreichen, das Unerrungene zu erringen, das Unverwirklichte zu verwirklichen. Insofern, o König, ist das Vorwärtsstreben ein charakteristisches Merkmal des Vertrauens."
"Gib mir eine Erläuterung hierzu!"
"Gesetzt, o König, oben im Gebirge entlüde sich eine mächtige Regenwolke und das Wasser füllte beim Herabfließen die Gebirgstäler und verzweigten Schluchten und ergösse sich alsdann in einen Bach, so daß dessen beide Ufer überschwemmt würden. Und eine große Schar von Menschen käme des Wegs daher und bliebe furchtsam und zaudernd am Ufer stehen, da sie nicht weiß, ob der Bach seicht oder tief ist. Es käme aber ein Mann dazu, der sich seiner eigenen Kraft und Stärke bewußt ist. Der bände sein Lendentuch fest zum Schurze zusammen und setzte in einem Sprunge zum anderen Ufer über. Sobald ihn aber die Menschen am anderen Ufer erblickten, sprängen sie ebenfalls hinüber. Genau so, o König, ist es mit dem in der Sammlung sich Übenden. Sobald er nämlich merkt, wie andere die Erlösung des Geistes gewinnen, strebt er alsbald ebenfalls nach dem Ziele des Stromeintrittes, der Einmal-Wiederkehr, der Nie-Wiederkehr oder der Vollkommenen Heiligkeit. Insofern, o König, ist das Vorwärtsstreben ein charakteristisches Merkmal des Vertrauens. Auch der Erhabene, o König, sagt in der trefflichen Gruppierten Sammlung (Samyutta-Nikaya):
Mit Hilfe des Vertrauens kreuzt man den Strom,
Vermittelst Unermüdlichkeit das große Meer.
Durch Willenskraft stößt man das Leiden von sich ab;
Durch Weisheit wird vollkomm’ne Lauterkeit erreicht.
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
? - 2.1.11. Sampakkhandanalakkhaṇasaddhāpañho
Mil. 2.1.10. Willenskraft - 2.1.12. Vīriyalakkhaṇapañho
Der König sprach: "Welche charakteristische Eigenschaft, o Herr, besitzt die Willenskraft (vīriya)?"
"Die Eigenschaft, daß sie als Stütze dient, denn solange die guten Eigenschaften alle durch Willenskraft gestützt sind, können sie nicht schwinden."
"Erläutere mir dies!"
"Wie ein Mann, o König, sein Haus, wenn es einzustürzen droht, durch einen Balken stützt und so vor dem Einstürzen bewahrt: genau so, o König, besitzt die Willenskraft die Eigenschaft, daß sie als Stütze dient, denn solange die guten Eigenschaften alle durch Willenskraft gestützt sind, können sie nicht schwinden."
"Gib mir noch ein weiteres Gleichnis!"
"Wenn, o König, ein großes Heer ein kleines gesprengt hat, der König des
kleinen Heeres aber darauf andere Truppen hinzuzieht und zur Verstärkung
nachschickt, so mag wohl, mit jenen vereint, das kleine Heer das große besiegen.
In gleicher Weise, o König, besitzt die Willenskraft die Eigenschaft, daß sie
als Stütze dient, denn solange die guten Eigenschaften alle durch Willenskraft
gestützt sind, können sie nicht schwinden. Auch der Erhabene, o König, hat
gesagt:
"Ja, gar klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 2.1.11. Achtsamkeit - 2.1.13. Satilakkhaṇapañho
Der König sprach: "Welche charakteristische Eigenschaft, o Herr, hat die Achtsamkeit?"
"Die Eigenschaft, nichts aus dem Gedächtnis entfahren zu lassen, o König, und die Eigenschaft des Festhaltens."
"Inwiefern aber, Ehrwürdiger, hat die Achtsamkeit die Eigenschaft, nichts aus dem Gedächtnis entfahren zu lassen?"
"Solange die Achtsamkeit gegenwärtig ist, o König, läßt sie nichts von allen den Dingen aus dem Gedächtnisse entfahren, weder gute noch schlechte, tadelige noch untadelige, gemeine noch edle, noch die Gegensätze von Gut und Böse, und man erkennt:
- Dies sind die Vier Grundlagen der Achtsamkeit, (satipatthana)
- dies die Vier Großen Anstrengungen, (padhāna)
- dies die Vier Machtfährten, (iddhi-pāda)
- dies die Fünf Geistigen Fähigkeiten und Kräfte, (bala)
- dies die Sieben Glieder der Erleuchtung, (bojjhanga)
- dies ist der heilige Achtfache Pfad, (magga)
- dies die Gemütsruhe, (samatha)
- dies der Klarblick, (vipassana)
- dies das Wissen, (pañña)
- dies die Erlösung. (nibbana)
- Auf diese Weise hegt der in Sammlung sich Übende die zu hegenden Eigenschaften, und die nicht zu hegenden hegt er nicht, pflegt die zu pflegenden Eigenschaften, und die nicht zu pflegenden pflegt er nicht. Insofern, o König, hat die Achtsamkeit die Eigenschaft, nichts aus dem Gedächtnisse entfahren zu lassen."
"Erläutere mir dies!"
"Es ist gerade so, o König, wie wenn der Schatzmeister eines Weltherrschers
seinen Fürsten früh und spät an seine Macht erinnern möchte, indem er spräche:
"Inwiefern aber, o Ehrwürdiger, hat die Achtsamkeit die Eigenschaft des Festhaltens?"
"Wenn die Achtsamkeit gegenwärtig ist, o König, erforscht man den Ausgang der heilsamen und schädlichen Dinge - ob diese oder jene Dinge heilsam oder unheilsam, nützlich oder schädlich sind. Darauf läßt der in der Sammlung sich Übende die unheilsamen und schädlichen Dinge fahren, und die heilsamen und nützlichen hält er fest. Insofern, o König, hat die Achtsamkeit die charakteristische Eigenschaft des Festhaltens."
"Gib mir eine Erläuterung!"
"Es ist gerade so, o König, wie wenn der höchste Ratgeber (wörtlich:
"Ratgeber-Juwel"; das ist eines der sieben Juwelen oder kostbaren Besitztümer
eines Weltherrschers) eines Weltherrschers genau weiß, wer seinem Fürsten
wohlgesinnt und wer ihm übelgesinnt ist:
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mit Achtsamkeit (sati), dem sechsten Glied des Achtfachen Pfades (magga), ist das beständige Klarsein und bei der Sache sein des Geistes gemeint, das geistige Gewärtighaben eines Objektes, das Gedenken, sich Erinnern usw. Auf dieser Eigenschaft beruht der ganze Fortschritt in der geistigen und moralischen Entwicklung des Menschen. Die meditative Entfaltung der Achtsamkeit wird in der "Lehrrede von den Grundlagen der Achtsamkeit" (satipatthāna-sutta) dargestellt. Hierüber siehe Geistestraining durch Achtsamkeit von Nyanaponika (Verlag Christiani, Konstanz 1979).
Mil. 2.1.12. Sammlung - 2.1.14. Samādhipañho
Der König sprach: "Welche charakteristische Eigenschaft, o Herr, besitzt die Sammlung (samādhi)?"
"Die Eigenschaft, daß sie als Führer dient, o König, denn die guten Eigenschaften haben alle die Sammlung zum Führer, haben eine Neigung und einen Hang zu ihr, haben sie alle zum Treffpunkte."
"Mache mir dies durch ein Gleichnis verständlich!"
"Wie, o König, die Dachsparren eines Giebelhauses sämtlich zum Giebel hinführen, zum Giebel geneigt sind, im Giebel sich treffen und der Giebel da als Höchstes gilt: ebenso, o König, haben die guten Eigenschaften alle die Sammlung zum Führer, haben eine Neigung und einen Hang zu ihr, haben sie zum Treffpunkte."
"Gib mir noch ein weiteres Gleichnis!"
"Gleich wie, o König, wenn ein Fürst mit seiner vierfachen Heeresmacht in die Schlacht zieht, ihn seine sämtlichen Truppen - Elefanten, Pferde, Wagen und Schützen - zum Führer haben, zu ihm hinstreben, ihn zur Richtung nehmen und sich alle um ihn versammeln: ebenso, o König, haben die guten Eigenschaften alle die Sammlung zum Führer, haben eine Neigung und einen Hang zu ihr, haben sie zum Treffpunkte. Insofern, o König, hat die Sammlung die Eigenschaft, daß sie als Führer dient. Auch der Erhabene, o König, sagt:
<Übt Sammlung, ihr Mönche, denn der Gesammelte erkennt alle Dinge der Wirklichkeit gemäß.>"
"Ja, gar klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 2.1.13. Weisheit - 2.1.15. Paññālakkhaṇapañho
Der König sprach: "Welche charakteristische Eigenschaft, o Herr, besitzt die Weisheit (paññā)?"
"Ich habe dir ja, o König, bereits erklärt, daß die Weisheit die charakteristische Eigenschaft des Abtrennens besitzt. Sie besitzt auch außerdem die Eigenschaft des Aufhellens."
"Inwiefern aber, o Herr, besitzt die Weisheit die Eigenschaft des Aufhellens?"
"Die Weisheit, o König, zerstreut bei ihrem Aufsteigen das Dunkel des Nichtwissens und gebiert die Helligkeit des Wissens. Sie sendet der Erkenntnis Strahlen aus und offenbart die Edlen Wahrheiten, so daß der in der Sammlung sich Übende mit vollkommener Weisheit die Vergänglichkeit (Anicca), das Leiden (Dukkha) und die Ichlosigkeit (Anattā) zu schauen vermag."
"Gib mir ein Gleichnis hiefür!"
"Gleichwie, o König, wenn ein Mann eine Lampe in ein dunkles Gemach bringt, die Lampe das Dunkel zerstört, Helle erzeugt und Licht verbreitet, so daß die Gegenstände sichtbar werden: in derselben Weise, o König, besitzt die Weisheit die Eigenschaft der Erleuchtung."
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!
Mil. 2.1.14. Der Zweck aller guten Eigenschaften - 2.1.16. Nānādhammānaṃ ekakiccaabhinipphādanapañho
Der König sprach: "Erfüllen, ehrwürdiger Nāgasena, diese so verschiedenen Eigenschaften wohl alle einen und denselben Zweck?"
"Ja, o König, alle diese Eigenschaften erfüllen trotz ihrer Verschiedenheit dennoch alle den einen Zweck, daß sie die geistigen Trübungen (Leidenschaften) zerstören."
"Inwiefern, Ehrwürdiger? Erläutere mir dies!"
"Gleichwie, o König, die Truppenteile - Elefanten, Pferde, Wagen und Schützen - trotz ihrer Verschiedenheit dennoch alle das eine Ziel haben, in der Schlacht das Feindesheer zu besiegen: genau so, o König, erfüllen diese Eigenschaften trotz ihrer Verschiedenheit dennoch alle den einen Zweck, daß sie die geistigen Trübungen zerstören."
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Milindapañha 2.2.1-2.3.1
Mil. 2.2.1. Wiedergeburt - 2.2.1. Dhammasantatipañho
Der König sprach: «Derjenige, ehrwürdiger Nāgasena, der wiedergeboren wird, ist dies wohl derselbe (wie derjenige, der stirbt) oder ein anderer?»
«Weder derselbe noch ein anderer.»
«Gib mir ein Beispiel!»
«Was meinst du, o König: bist du wohl jetzt, als Erwachsener, noch eben derselbe, der du damals als kleiner, junger, unmündiger Säugling warst?»
«Das nicht, o Herr! Denn eines war ja jener kleine, junge, unmündige Säugling, und ein anderer bin ich jetzt als Erwachsener.»
«Wenn dies wirklich so wäre, o König, so hättest du (der Erwachsene) ja weder Vater noch Mutter noch Lehrer und somit könnte es niemanden geben, der Kenntnisse, Sittlichkeit und Weisheit besitzt. Dann hatte wohl auch jeder der vier embryonalen Zustände eine andere Mutter und das Kind eine andere Mutter als der Erwachsene? Und derjenige, der eine Wissenschaft erlernt, sollte wohl gar eine andere Person sein als derjenige, der die Wissenschaft ausgelernt hat, und der Übeltäter eine andere Person als derjenige, dem zur Strafe dafür Hände und Füße abgehauen werden?»
«Nicht doch, o Herr! Wie würdest du aber die Sache erklären?»
«Ich, o König, war damals der kleine, junge, unmündige Säugling, und ich bin jetzt der Erwachsene. Denn basierend auf eben diesen Körper werden alle diese (Zustände des Kindes und des Erwachsenen) einheitlich zusammengefasst.»
«Gib mir ein Gleichnis!»
«Sagen wir, o König, ein Mann zündet eine Lampe an. Würde wohl diese Lampe die ganze Nacht hindurch brennen?»
«Gewiß, o Herr!»
«Wie aber, o König: ist die Flamme in der ersten Nachtwache dieselbe wie die Flamme in der mittleren, und die Flamme in der mittleren Nachtwache dieselbe wie die Flamme in der letzten?»
«Gewiß nicht, o Herr.»
«Dann brennt wohl, o König, eine Lampe in der ersten Nachtwache, eine andere in der mittleren und wieder eine andere in der letzten Nachtwache?»
«Das nicht, o Herr! Denn das Licht war während der ganzen Nacht abhängig von ein und derselben Lampe.»
«Genau in derselben Weise, o König, schließt sich die Kette der Erscheinungen (Oder: "die Kontinuität der Daseinsvorgänge" dhamma-santati) aneinander. Eine Erscheinung entsteht, eine andere schwindet. Dies verläuft als gäbe es kein Vorher oder Nachher. Daher ist (das Kind) nicht dasselbe (wie der Erwachsene), aber ist auch kein anderer. In (seinem) früheren Bewußtsein ist das spätere Bewußtsein einbegriffen.»
Note:
Das ist als ein rein konventioneller Ich-begriff. - Diese Stelle kann auch auf die anfängliche Frage nach dem Vorgang der Wiedergeburt bezogen werden und wäre dann wie folgt zu übersetzen:
«Daher ist (der Wiedergeborene) nicht derselbe (wie der Verstorbene), aber auch kein anderer. Im früheren Bewußtsein (als Bedingung) ist das spätere (Wiedergeburts-) Bewußtsein einbegriffen.»
«Gib mir noch ein weiteres Gleichnis!»
«Es ist genau derselbe Vorgang, o König, wenn die frische Milch nach einiger Zeit zu Dickmilch wird, die Dickmilch zu Butter und die Butter zu Butteröl. Wenn da nun einer sagen sollte, daß Milch und Dickmilch, oder Butter und Butteröl ein und dasselbe seien, spräche der wohl die Wahrheit?»
«Gewiß nicht, o Herr! Denn erst durch Abhängigkeit von dem einen Zustand ist der andere ins Dasein getreten.»
«Genau in derselben Weise, o König, schließt sich die Kette der Erscheinungen aneinander. Eine Erscheinung entsteht, eine andere schwindet. Dies verläuft, als gäbe es kein Vorher oder Nachher. Daher ist es weder derselbe noch ein anderer, (der wiedergeboren wird). Im früheren Bewußtsein ist das spätere Bewußtsein einbegriffen.»
«Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!»
Mil. 2.2.2. Gewissheit hinsichtlich des Nichtwiedergeborenwerdens - 2.2.2. Paṭisandahanapañho
Der König sprach: «Ist wohl derjenige, ehrwürdiger Nāgasena, der nicht mehr wiedergeboren wird sich dessen bewußt (das ist der vom Begehren befreite Vollkommen-Heilige, arahatta)?»
«Gewiß, o König.»
«Woher aber weiß er das, o Herr?»
«Weil eben der Grund und die Bedingung zum Wiedergeborenwerden aufgehoben sind.» (Die Ursache der Wiedergeburt ist nämlich das in den Leidenschaften sich äußernde Begehren, tanhā)
«Erläutere mir dies!»
«Gesetzt, ein Landmann, o König, hätte sein Feld bestellt und gesät, und er füllt nun seine Scheune mit dem Korne. In der Folgezeit aber stellt er seine Arbeit ganz ein und lebt von dem aufgespeicherten Korne, oder er gibt es weg, oder verwendet es nach Bedarf. Wäre sich wohl da, o König, jener Landmann bewußt, daß seine Kornspeicher nicht mehr voll werden?»
«Gewiß, o Herr.»
«Woher aber weiß er das, o König?»
«Weil eben der Grund und die Bedingung, die erforderlich sind, daß sich seine Kornspeicher füllen, aufgehoben sind.»
«Genau so, o König, weiß man, wenn der Grund und die Bedingung zum Wiedergeborenwerden aufgehoben sind, daß man nicht mehr wiedergeboren wird.»
«Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!»
Mil. 2.2.3. Erkenntnis und Weisheit - 2.2.3. Ñāṇapaññāpañho
Der König sprach: «Hat wohl derjenige, ehrwürdiger Nāgasena, dem Erkenntnis (ñāna) aufsteigt, ebenfalls Weisheit (paññā)?»
«Ja, o König.»
«Wie? Dann ist wohl, o Herr, Erkenntnis und Weisheit dasselbe?»
«Ja, o König.»
«Wer aber Erkenntnis oder - was dasselbe ist - Weisheit besitzt, kann der wohl noch Ungewißheit haben oder nicht?»
«In manchen Dingen wohl, in anderen nicht.»
«Worin aber, o Herr, kann er ungewiß sein?»
«In Gebieten des Wissens, die er nicht gelernt hat, oder hinsichtlich einer Gegend, in der er noch nicht war, oder in Namen und Begriffen, die er noch nie gehört hat.»
«Worin aber, o Herr, kann er nicht mehr ungewiß sein?»
«In der durch die Weisheit gewonnenen Überzeugung von der Vergänglichkeit, dem Leiden und der Ichlosigkeit des Daseins: darin kann er nicht mehr ungewiß sein.»
«Was wird nun aus seiner Verblendung, ehrwürdiger Nāgasena?» (Wörtlich: «Wohin geht seine Verblendung?» So auch in der folgenden Frage über die Weisheit).
«Im Augenblicke, wo die Erkenntnis aufsteigt, schwindet die Verblendung.»
«Erläutere mir dies!»
«Gleichwie, o König, sobald ein Mann in einem finsteren Gemache ein Licht anzündet, das Dunkel verschwindet und Helle eintritt: gerade so, o König, schwindet die Verblendung im Augenblick, wo die Erkenntnis aufsteigt.»
«Und was, o Herr, wird aus der Weisheit?»
«Im Augenblicke, o König, wo die Weisheit ihren Zweck erfüllt hat, schwindet sie. Die aber durch diese Weisheit gewonnene Überzeugung von der Vergänglichkeit, dem Leiden und der Ichlosigkeit des Daseins, die schwindet nicht.»
«Gib mir eine Erläuterung für das, was du da eben sagtest, ehrwürdiger Nāgasena!»
«Nimm an, o König, ein Mann wolle noch des Nachts einen Brief senden. Und er ruft seinen Schreiber, läßt die Lampe anzünden und diktiert ihm den Brief. Darauf läßt er die Lampe wieder auslöschen. Obwohl nun die Lampe erloschen ist, ist doch der Brief keineswegs vernichtet. In derselben Weise, o König, schwindet die Weisheit in dem Augenblicke, wo sie ihren Zweck erfüllt hat. Die aber durch diese Weisheit gewonnene Überzeugung von der Vergänglichkeit, dem Leiden und der Ichlosigkeit des Daseins, die schwindet nicht.»
«Gib mir ein weiteres Gleichnis!»
«In den östlichen Ländern, o König, haben die Leute die Sitte, längs ihrer Hütten je fünf Töpfe voll Wasser aufzustellen, um ein ausbrechendes Feuer sofort löschen zu können. Sobald nämlich eine Hütte Feuer gefangen hat, schütten sie diese fünf Töpfe voll Wasser darüber, so daß das Feuer alsbald erlischt. Wie nun aber, o König? Möchten darauf wohl jene Leute sich noch längerhin mit diesen Wassertöpfen abgeben?»
«Gewiß nicht, o Herr. Die Töpfe haben ja ihren Zweck erfüllt. Was haben sie dieselben denn noch weiter nötig?»
«Die fünf Töpfe voll Wasser nun, o König, bedeuten die fünf geistigen Fähigkeiten, nämlich: Vertrauen, Willenskraft, Achtsamkeit, Sammlung und Weisheit. Unter den Leuten aber ist der in der Sammlung sich Übende zu verstehen. Das Feuer sind die Leidenschaften. Und wie nun vermittelst jener fünf Töpfe voll Wasser das Feuer gelöscht wird, so werden vermittelst dieser fünf geistigen Fähigkeiten die Leidenschaften zum Erlöschen gebracht, sodaß dieselben, wenn sie einmal erloschen sind, künftighin nicht mehr entstehen können. Ebenso, o König, schwindet die Weisheit im Augenblicke, wo sie ihren Zweck erfüllt hat. Die aber durch diese Weisheit gewonnene Überzeugung von der Vergänglichkeit, dem Leiden und der Ichlosigkeit des Daseins: die schwindet nicht.»
«Gib mir noch ein weiteres Gleichnis!»
«Es verhält sich hiermit, o König, wie mit einem Arzt. Nehmen wir an, dieser geht mit fünf Arten von Arzneiwurzeln zu einem Kranken, preßt diese aus und gibt den Saft dem Kranken zu trinken, so daß dadurch alsbald seine Beschwerden schwinden. Möchte wohl, o König, daraufhin jener Arzt noch daran denken, für ihn längerhin diese Arzneien zu verwenden?»
«Gewiß nicht, o Herr. Die Arzneiwurzeln haben ja ihren Zweck erfüllt. Was hat er sie denn noch länger nötig?»
«Unter den fünf Arzneiwurzeln nun, o König, sind die fünf geistigen Fähigkeiten zu verstehen, unter dem Arzt der in Sammlung des Geistes sich Übende, unter der Krankheit die Leidenschaften und unter dem Kranken der Weltling. Wie nun vermittelst jener fünf Arzneiwurzeln die Beschwerden gestillt werden und der Kranke geheilt wird, so werden vermittelst dieser fünf geistigen Fähigkeiten die Leidenschaften gestillt, so daß dieselben, wenn sie einmal gestillt sind, künftighin nicht mehr entstehen können. Ebenso, o König, schwindet die Weisheit in dem Augenblicke, wo sie ihren Zweck erfüllt hat. Die aber durch diese Weisheit gewonnene Überzeugung von der Vergänglichkeit, dem Leiden und der Ichlosigkeit des Daseins, die schwindet nicht.»
«Gib mir noch ein weiteres Gleichnis!»
«Nimm an, o König, ein schlachtenkundiger Krieger ziehe mit seinen fünf Wurfspeeren versehen in den Zweikampf, um seinen Gegner zu besiegen. Wenn dieser nun während des Kampfes jene Wurfspeere geschleudert und seinen Gegner besiegt hat, wird er wohl dann noch daran denken, irgendwie länger von diesen Speeren Gebrauch zu machen?»
«Gewiß nicht, o Herr. Die Wurfspeere haben ja ihren Zweck erfüllt. Welchen Zweck sollten sie noch weiter haben?»
«Unter den fünf Wurfspeeren nun, o König, hat man die fünf geistigen Fähigkeiten zu verstehen, unter dem schlachtenkundigen Krieger den in der Sammlung sich Übenden und unter dem Gegner die Leidenschaften. Wie nun vermittelst der fünf Wurfspeere der Gegner besiegt wird, so werden vermittelst dieser fünf geistigen Fähigkeiten die Leidenschaften besiegt, so daß dieselben, wenn sie einmal besiegt sind, künftighin nicht mehr entstehen können. Ebenso, o König, schwindet die Weisheit im Augenblicke, wo sie ihren Zweck erfüllt hat. Die aber durch diese Weisheit gewonnene Überzeugung von der Vergänglichkeit, dem Leiden und der Ichlosigkeit des Daseins, die schwindet nicht.»
«Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!»
Mil. 2.2.4. Schmerzen beim Heiligen - 2.2.4. Paṭisandahanapuggalavediyanapañho
Der König sprach: «Mag wohl, ehrwürdiger Nāgasena, einer, der nicht mehr wiedergeboren wird (das ist ein Vollkommen-Heiliger), noch irgend ein Schmerzgefühl empfinden?»
«Eine Art des Schmerzgefühls mag er wohl noch empfinden, eine andere aber nicht.»
«Welche aber sind dies?»
«Körperliches Schmerzgefühl, o König, mag er wohl noch empfinden, geistiges Schmerzgefühl aber nicht mehr.»
«Wieso aber, o Herr?»
«Da der Grund und die Bedingung zur Entstehung des körperlichen Schmerzgefühls noch nicht aufgehoben sind (denn die Entstehung körperlicher Schmerzen ist abhängig vom Körper, nicht vom Willen), darum mag er noch körperliches Schmerzgefühl empfinden. Da aber der Grund und die Bedingung zur Entstehung des geistigen Schmerzgefühls aufgehoben sind, darum mag er geistiges Schmerzgefühl nicht mehr empfinden.
[Die Entstehung geistiger Schmerzen ist bedingt durch die Willensverfassung des Einzelnen. Geistiges Schmerzgefühl (Kummer, Gram, Trübsal, Melancholie und Verzweiflung) ist stets mit einem Triebe des sich Widersetzens, Widerstrebens, Grollens oder Hassens (dosa, patigha vyāpāda) verbunden und wird daher im Buddhismus als unheilsam betrachtet. Wie kann man da den Buddhismus eine pessimistische Lehre nennen, wo bereits jede geistig trübe Stimmung schon als unheilsam verworfen wird und eine der Hauptmeditationen diejenige der universalen Freude (muditā-bhāvanā) ist?]
Auch der Erhabene, o König, sagt:
«Wenn er noch Schmerzen empfindet, warum erlöst er sich dann nicht völlig?» (parinibbāyati; d.h. warum zieht er dann nicht den Tod vor, denn durch den Eintritt des Todes tritt bei dem von Wiedergeburt befreiten Vollkommen-Heiligen die Erlösung vom Dasein (khandha-parinibbāna) ein.)
«Der Vollkommen-Heilige, o König, kennt weder Neigung noch Widerwillen. Die Vollkommen-Heiligen pflücken nicht die unreife Frucht. Weise warten sie ab die Zeit der Reife (*1). Sagt doch, o König, auch der Ordensältere Sāriputta, der Fürst der Wahrheitslehre:
Nicht wünsch’ ich mir den Tod herbei,
Nicht hänge ich ans Leben mich:
Ich warte eben ab die Zeit,
Gleich wie der Söldner seinen Lohn.
Nicht wünsch’ ich mir den Tod herbei,
Nicht hänge ich ans Leben mich:
Ich warte eben ab die Zeit,
Besonnen und im Geiste klar.» (*2)
«Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!»
(*1) Im Falle unheilbarer intensiver Körperschmerzen wird zwar der Heilige es vorziehen, seinem Leben ein Ende zu machen, wie auch von verschiedenen Heiligen berichtet wird. Der Freitod ist nach buddhistischer Auffassung keineswegs ein Verbrechen. Bei dem von Begehren noch Unerlösten ist er allerdings eine ganz zwecklose und törichte, auf Unwissenheit des Wiedergeburtsgesetzes beruhende Handlung. Vgl. Majjhima-Nikāya, Nr. 144: «Wer da, Sāriputta, einen Körper ablegt und einen anderen (neuen) Körper annimmt, der, sag ich, ist tadelhaft.»
(*2) Vgl. Theragāthā («Lieder der Mönche»), Verse 1002-1003, wo diese dem ehrw. Sāriputta zugeschriebenen Verse in umgekehrter Reihenfolge und in etwas anderem Wortlaut stehen. Der genaue Wortlaut unserer Stelle hat seine Parallele in den Versen des ehrw. Sankicca (Theragāthā 606-607).
Mil. 2.2.5. Moralische Relativität der Gefühle - 2.2.5. Vedanāpañho
Der König sprach: «Sind wohl, ehrwürdiger Nāgasena, die angenehmen Gefühle heilsam oder sind sie unheilsam oder moralisch neutral?»
«Sie mögen entweder heilsam sein, o König, oder unheilsam oder moralisch (karmisch) neutral.»
«Wenn nun, o Herr, die heilsamen Gefühle nicht leidvoll sind und die leidvollen Gefühle nicht heilsam, dann kommt es nicht vor, daß Heilsames leidvoll ist.»
«Was meinst du, o König? Wenn da ein Mann in der einen Hand eine heiße Eisenkugel hält und in der anderen einen kalten Schneeball, möchten dem da nicht, o König, beide Hände vor Schmerzen brennen?»
«Gewiß, o Herr.»
«So sind wohl beide heiß, o König?»
«Das nicht, o Herr.»
«Oder beide kalt?»
«Das auch nicht, o Herr.»
«So siehe denn deinen Fehlschluss ein! Wenn es die Hitze ist, die das schmerzliche Brennen verursacht, aber nicht beide Hände heiß sind, so tritt der Schmerz nicht dadurch in Erscheinung. Ist es aber die Kälte, doch nicht beide Hände sind kalt, so ist es auch nicht die Kälte, durch die der Schmerz in Erscheinung tritt. Wo rühren denn nun, o König, die Schmerzen der beiden Hände her? Sie sind doch weder beide kalt, noch beide heiß, sondern die eine ist heiß und die andere kalt?»
«Ich bin nicht imstande, mit einem solchen Gegner wie dir, eine Diskussion zu führen. Erkläre mir also, bitte, die Sache!»
Und der Ordensältere Nāgasena unterwies den König in einer mit der höheren Lehre (*1) verbundenen Darstellung, indem er sprach: «Sechs mit der Weltlichkeit verbundene Freudgefühle gibt es, o König, und sechs mit der Weltentfremdung verbundene, sechs mit der Weltlichkeit verbundene Leidgefühle und sechs mit der Weltentfremdung verbundene, sechs mit der Weltlichkeit verbundene Gleichmutsgefühle und sechs mit der Weltentfremdung verbundene. Somit gibt es sechs Gruppen zu je sechs Gefühlen. Das macht sechs und dreißig Arten der vergangenen Gefühle, sechs und dreißig Arten der gegenwärtigen Gefühle und sechs und dreißig Arten der zukünftigen Gefühle. Wenn man nun diese zu einer Summe zusammenzählt, so erhält man hundert und acht Arten der Gefühle.»
«Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!
(*1) abhidhamma sainyuttāya kathāya. - Das Wort abhidhamma bezieht sich hier wohl kaum auf das Abhidhamma-Pitaka, die dritte kanonische Textsammlung, sondem hat wahrscheinlich die hier wiedergegebene allgemeine Bedeutung einer «höheren Lehre». Derselbe Ausdruck wird auch auf Seite 83 gebraucht.
Die hier folgende Einteilung der Gefühle findet sich in M.137.
Siehe auch die Vedanā-Samyutta, S.36.21.
Mil. 2.2.6. Wiedergeburt - 2.2.6. Nāmarūpaekattanānattapañho
Der König sprach: «Wer ist (es), ehrwürdiger Nāgasena, der wiedergeboren wird?»
«Eine geistig-körperliche Verbindung (nāma-rūpa).»
(Da es im absoluten Sinne keine «Ich-Wesenheit" attā, keine Persönlichkeit, gibt - sondern eben nur einen beständig wechselnden Prozeß geistiger und körperlicher Elemente, der irrtümlicherweise mit einer Wesenheit oder Person identifiziert wird - so kann es natürlich auch keine Person sein, die wiedergeboren wird. Es handelt sich eben bloß um diesen, jeden Augenblick eine andere Verbindung bildenden psycho-physischen Prozeß, der an einer Stelle abgeschnitten wird (Tod), um unmittelbar darauf anderswo sich wieder fortzusetzen (Wiedergeburt))
«Wie? Ist es eben diese (gegenwärtige)?»
«Nein, o König. Sondern durch diese gegenwärtige geistig-körperliche Verbindung wird ein gutes oder böses Wirken (kamma) betätigt, und zufolge dieses Wirkens wird wiederum eine neue geistig-körperliche Verbindung geboren.»
«Wenn es aber, o Herr, nicht diese gegenwärtige Geist-Körperlichkeit ist, die wiedergeboren wird, wird man dann nicht von der Folge böser Taten frei sein?»
(Der König meint dies offenbar, weil die nach dem Tode bestehende körperlich-geistige Verbindung eine ganz andere ist als diejenige, durch welche die bösen Taten gezeugt wurden. Er faßt beide irrtümlicherweise als Wesenheiten auf)
«Ja, wenn man nicht wiedergeboren wird, dann wohl; wird man aber wiedergeboren, o König, so entgeht man nicht der Folge böser Taten.»
«Gib mir eine Erläuterung hierfür!»
«Nimm an den Fall, ein Mann habe von einem anderen Mangofrüchte gestohlen und
der Eigentümer der Mangofrüchte ergreife ihn und bringe ihn vor den König mit
der Anklage, seine Mangofrüchte gestohlen zu haben. Jener aber sage:
«Gewiß, o Herr!»
«Und aus welchem Grunde?»
«Was jener auch immer vorbringen mag, so verdient er eben Strafe wegen der letzten Mangofrüchte, denn diese konnten ohne die früheren Mangofrüchte nicht da sein.»
«Genau in derselben Weise nun, o König, wird durch diese gegenwärtige geistig-körperliche Verbindung ein gutes oder böses Wirken betätigt, und zufolge jenes Wirkens wird wiederum eine neue geistigkörperliche Verbindung geboren.»
(Das gleiche Argument wird hier noch mit Reis und Zuckerrohr wiederholt.)
«Gib mir noch ein weiteres Gleichnis!»
«Gesetzt, o König, ein Mann zünde sich zur Zeit des Frostes ein Feuer an. Und
nachdem er sich gewärmt habe, gehe er weg, ohne das Feuer auszulöschen. Jenes
Feuer aber ergreife das Feld eines anderen. Und der Eigentümer jenes Feldes
nehme ihn fest und bringe ihn vor den König mit der Anklage, ihm sein Feld
eingeäschert zu haben. Jener aber sage:
«Gewiß, o Herr!»
«Und aus welchem Grunde?»
«Was jener auch immer vorbringen mag, so verdient er eben Strafe wegen des letzten Feuers, denn dieses konnte ohne das frühere Feuer nicht entstehen.»
«Genau in derselben Weise nun, o König, wird durch diese gegenwärtige körperlich-geistige Verbindung ein gutes oder böses Wirken betätigt, und zufolge jenes Wirkens wird wiederum eine neue körperlichgeistige Verbindung geboren.»
«Gib mir noch ein weiteres Gleichnis!»
«Sagen wir, o König, ein Mann begebe sich mit einer Lampe hinauf in eine
Dachkammer, um dort sein Mahl einzunehmen. Die brennende Lampe aber setze das
Strohdach in Flammen, das Strohdach aber das Haus und das Haus das Dorf. Und
gesetzt, die Dorfbewohner nehmen jenen Menschen fest und fragen ihn, warum er
denn ihr Dorf in Brand gesetzt habe, worauf er ihnen erwidere:
«Für die Dorfbewohner, o Herr!»
«Und warum?»
«Was jener Mann auch immer vorbringen mag, so nahm doch auf alle Fälle das Feuer seinen Ursprung in jener brennenden Lampe.»
«Ebenso auch ist, obgleich die mit dem Tode endende körperlich-geistige Verbindung eine andere ist als die im Momente der Wiedergeburt bestehende, dennoch diese aus der früheren entstanden. Und darum entgeht man nicht der Folge böser Taten.»
«Gib mir ein weiteres Gleichnis!»
«Gesetzt, o König, ein Mann wähle sich ein junges Mädchen zum Weibe und ginge
dann hinweg, indem er das Brautgeld hinterlegte. Jenes Mädchen aber wachse im
Laufe der Zeit heran und werde volljährig. Und ein anderer Mann gebe ihr darauf
das Brautgeld und heirate sie. Der erstere aber komme zurück und frage ihn,
warum er ihm denn sein Weib entführt habe. Jener aber spreche:
«Für die Sache des ersteren, o Herr.»
«Und warum?»
«Was der andere auch immer vorbringen mag, so ist doch auf alle Fälle das erwachsene, volljährige Mädchen die Fortsetzung des früheren.»
«Ebenso auch ist, obgleich die mit dem Tode endende körperlich-geistige Verbindung eine andere ist als die im Momente der Wiedergeburt bestehende, dennoch diese aus der früheren entstanden. Und darum entgeht man nicht der Folge böser Taten.»
«Gib mir noch ein anderes Gleichnis!»
«Nimm an, o König, ein Mann kaufe von einem Kuhhirten einen Topf süße Milch.
Beim Weggehen aber übergebe er diesem den Topf Milch zum Aufbewahren mit der
Bemerkung, daß er morgen die Milch abholen wolle. Nehmen wir nun an, die Milch
werde am nächsten Tage zu Dickmilch. Und der Mann komme zurück und verlange nach
seinem Topfe Milch. Der andere aber zeige ihm die Dickmilch, worauf der erstere
ihm entgegne:
«Für die des Kuhhirten, o Herr.»
«Und warum?»
«Was jener andere auch immer vorbringen mag, so ist doch auf alle Fälle die Dickmilch aus der anderen Milch entstanden.»
«Ebenso auch ist, obgleich die mit dem Tode endende körperlich-geistige Verbindung eine andere ist als die im Momente der Wiedergeburt bestehende, dennoch diese aus der früheren entstanden. Und darum entgeht man nicht der Folge böser Taten.»
«Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!»
Mil. 2.2.7. Ungehörige Frage - 2.2.7. Therapaṭisandahanāpaṭisandahanapañho
Der König sprach «Wirst du wohl noch wiedergeboren, ehrwürdiger Nāgasena?»
«Genug damit, o König! Was willst du denn mit jener Frage wieder? Habe ich dir denn nicht bereits schon erklärt, daß ich, falls ich (in der Sterbestunde) noch an der Welt hänge, wiedergeboren werde, im anderen Falle aber nicht?»
«Gib mir ein Gleichnis!»
«Nimm an, o König, irgend einer leiste dem Könige einen Dienst. Und der König sei mit ihm zufrieden und gebe ihm ein Amt, das ihn in den Stand setze, im Besitze und Genusse aller fünf Sinnesfreuden sein Leben zu verbringen. Wenn nun jener den Leuten sagen möchte, daß ihm der König nichts vergüte, würde da wohl jener Mann richtig handeln?»
«Gewiß nicht, o Herr.»
«Genau aber so steht es mit dir, o König. Denn was soll deine Frage? Habe ich dir denn nicht bereits schon erklärt, daß ich, falls ich (in der Sterbestunde) noch an der Welt hänge, wiedergeboren werde, im anderen Falle aber nicht?»
«Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!»
Mil. 2.2.8. Die körperlich-geistige Verbindung - 2.2.8. Nāmarūpapaṭisandahanapañho
Der König sprach: «Was du da eben, ehrwürdiger Nāgasena,
«Was da, o König, grob (stofflich) ist, das gilt als das Körperliche (rūpa); und was es da an feinen (unstofflichen) Erscheinungen, wie Bewußtsein und Geistesfaktoren gibt, das gilt als das Geistige (nāma).»
«Aus welchem Grunde aber, ehrwürdiger Nāgasena, wird nie das Geistige allein oder das Körperliche allein wiedergeboren?»
«In gegenseitiger Abhängigkeit, o König, stehen diese Erscheinungen, und ganz gleichzeitig entstehen sie.»
«Erläurere mir dies!»
«Gleich wie, o König, es ohne Dotter kein Ei geben kann - da nämlich beide sich gegenseitig bedingen und eine ganz gleichzeitige Entstehung haben -: ebenso auch, o König, kann ohne das Geistige das Körperliche nicht existieren, denn beide stehen in gegenseitiger Abhängigkeit und entstehen ganz gleichzeitig; und so war es seit undenkbaren Zeiten.»
«Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!»
Mil. 2.2.9. Zeit - 2.2.9. Addhānapañho
Der König sprach: «Du sprachst da eben von undenkbaren Zeiten, ehrwürdiger
Nāgasena. Was hat man denn unter dem Worte
«Vergangene, gegenwärtige und zukünftige Zeit, o König.»
«Wie nun, o Herr, existieren alle diese Zeiten?»
[sabbe addhā atthī’ti. Dies ist die Lehre einer frühbuddhistischen Schule, der Sarvastivādins, deren Namen von eben dieser Formulierung abgeleitet ist: Sanskrit, sarvam asti, Pāli, sabbam atthi, d.h. «Jede (Zeitphase) existiert». Eine ausführliche Polemik dagegen vom Standpunkt des Theravāda enthält das Abhidhamma-Werk Kathā-Vatthu («Diskussionsthemen»)]
«Die eine Zeit existiert, die andere nicht.»
«Welche aber, o Herr, existiert und welche nicht?»
«Diejenigen Gebilde (sankhārā), o König, die vergangen, entschwunden, aufgelöst und verändert sind, deren Zeit existiert nicht. Diejenigen Erscheinungen (dhamma) aber, die (jetzt) Kamma-Ergebnisse sind oder fähig sind, Kamma-Ergebnisse zu haben (*) oder anderswo Wiedergeburt geben, deren Zeit existiert. Diejenigen Wesen (sattā), die gestorben und anderswo wiedergeboren sind, deren Zeit existiert. Für solche Wesen aber, die gestorben und anderswo nicht wiedergeboren sind, existiert Zeit nicht mehr. Ja, für diejenigen Wesen, welche die vollkommene Daseinslösung erreicht haben, existiert Zeit nicht mehr, da sie eben vollkommen erloschen sind.»
«Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!»
(*)ye dhammā vipākā ye ca vipākadhammadhammā. Der letztgenannte Begriff bezieht sich vor allem auf das heilsame und unheilsame Wirken (kamma), welches imstande ist, Ergebnisse zu zeitigen. Es ist dies ein charakteristischer Abhidhamma-Begriff, der sich im Dhammasangani 988 (PTS) findet. Die Nicht-Existenz zukünftiger Gebilde kann als hier impliziert angenommen werden.
Milindapañha 3.1.1-3.3.7
1. Kapitel, Lösungen der Zweifel
Mil. 3.1.1. Ursachen der Sinnengrundlagen - 2.4.3. Pañcāyatanakammanibbattapañho
Der König sprach: "Sind wohl, ehrwürdiger Nāgasena, die fünf Sinnengrundlagen (āyatana, umfaßt sowohl die Sinnenorgane wie auch die entsprechenden Sinnenobjekte) das Ergebnis verschiedener Taten oder aber das Ergebnis nur einer einzigen Tat (kamma)?"
"Das Ergebnis verschiedener Taten, o König, und nicht bloß einer einzigen Tat."
[Die Beschaffenheit der Sinnenorgane sowie der erwünschte oder unerwünschte Charakter der Sinnenobjekte ist die Wirkung (d.i. das Kamma-Ergebnis; vipāka des entsprechenden heilsamen oder unheilsamen Wirkens (kamma). Die "Verschiedenheit der Taten" ergibt sich also 1) aus den verschiedenen Sinnengrundlagen, auf die sich das verursachende Kamma beziehen mag, und 2) auf die moralische Differenziertheit jenes karmischen Wirkens.]
"Erläutere mir dies!"
"Was meinst du, o König: wenn man in einem Felde fünferlei Samen säen sollte, würden da nicht wohl aus diesen verschiedenen Samen verschiedene Keime entstehen?"
"Gewiß, o Herr."
"Genau so, o König, sind diese fünf Sinnesorgane das Ergebnis verschiedener Taten und nicht bloß einer einzigen Tat."
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.1.2. Grund der Ungleichheit in der Welt - 2.4.4. Kammanānākaraṇapañho
Der König sprach: "Aus welchem Grunde wohl, o Herr, sind sich die Menschen nicht alle gleich? Warum sind zum Beispiel die einen kurzlebig und die anderen langlebig, die einen kränklich und die anderen gesund, die einen hässlich und die anderen schön, die einen machtlos und die anderen mächtig, die einen arm und die anderen reich, die einen von niedriger Abstammung und die anderen von hoher Abstammung, die einen dumm und die anderen weise?"
"Warum sind wohl, o König, nicht alle Kräuter gleich?" - fragte der Ordensältere- "sondern einige sauer, einige salzig, einige bitter, einige scharf, einige herb und einige süß?"
"Ich denke wohl wegen der Verschiedenheit des Samens, o Herr."
"Genau so, o König, sind wegen der Verschiedenheit ihrer (in früherem Leben
verübten) Werke nicht alle Menschen gleich, sondern die einen kurzlebig und die
anderen langlebig, die einen kränklich und die anderen gesund, die einen
hässlich
und die anderen schön, die einen machtlos und die anderen mächtig, die einen arm
und die anderen reich, die einen von niedriger Abstammung und die anderen von
hoher Abstammung, die einen dumm und die anderen weise. Auch der Erhabene, o
König, hat gesagt:
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.1.3. Zeitiges Kämpfen - 2.4.5. Vāyāmakaraṇapañho
Der König sprach: "Du sagtest mir da, o Herr, eure Weltentsagung habe zum Ziele, dieses gegenwärtige Leiden eben schwinden und kein anderes (neues) Leiden mehr aufkommen zu lassen."
"Ja, o König, das ist das Ziel unserer Weltentsagung."
"Wie nun aber: ist dieses Ziel das Ergebnis früherer Anstrengung, oder hat man wohl, wenn die Zeit herangekommen ist, immer noch zu kämpfen?"
"Ist einmal die Zeit herangekommen, o König, so hat das Kämpfen keinen Zweck mehr; die frühere Anstrengung hat ja dann bereits ihren Zweck erfüllt."
"Erläutere mir dies!"
"Was meinst du, o König: wenn du Durst hast und Wasser zu trinken wünschtest, wirst du da wohl zu diesem Zwecke erst einen Brunnen oder eine Zisterne graben?"
"Gewiß nicht, o Herr!"
"Ebenso auch, o König, hat, sobald die Zeit erst einmal herangekommen ist, das Kämpfen keinen Zweck mehr; die frühere Anstrengung hat ja dann bereits ihren Zweck erfüllt."
"Gib mir ein weiteres Gleichnis!"
"Was meinst du, o König: wenn du Hunger hast und zu essen wünschest, wirst du da wohl zu diesem Zwecke es für nötig halten, erst das Feld zu pflügen, den Samen zu säen oder das Getreide herbeischaffen zu lassen?"
"Gewiß nicht, o Herr."
"Ebenso auch, o König, hat, sobald die Zeit erst einmal herangekommen ist, das Kämpfen keinen Zweck mehr; die frühere Anstrengung hat ja dann bereits ihren Zweck erfüllt."
"Gib mir noch ein weiteres Gleichnis!"
"Was meinst du, o König: wenn dir eine Schlacht bevorsteht, wirst du wohl erst dann Festungsgräben ziehen, Wälle aufwerfen, Verschanzungen und Warten errichten, Proviant herbeischaffen und damit anfangen, mit den Elefanten, Pferden und Streitwagen umgehen zu lernen und dich mit Schießen und Fechten vertraut zu machen?"
"Gewiß nicht, o Herr."
"Ebenso auch, o König, hat sobald die Zeit erst einmal heran gekommen ist, das Kämpfen keinen Zweck mehr; die frühere Anstrengung hat ja dann bereits ihren Zweck erfüllt. Auch der Erhabene, o König, sagt:
Was als heilsam man erkannt hat,
Das verrichte man beizeiten,
Denke nicht wie manch ein Kärrner,
Sondern kämpfe klug und stark.
G’rade wie so mancher Kärrner,
Der, den ebnen Weg verlassend,
Holperig-schlechtem Pfade folgt,
Klagt, wenn seine Achse bricht:
So auch klagt, wer’s Rechte flicht
Und wess’ Herz dem Bösen folgt,
In des Todes Schlund geraten,
Wie der Kärrner über seine Achse."
(S.2.23)
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.1.4. Höllenfeuer - 2.4.6. Nerayikaggiuṇhabhāvapañho
Der König sprach: "Ihr behauptet da, ehrwürdiger Nāgasena, daß das Höllenfeuer stärker brenne als das gewöhnliche Feuer, und daß, obgleich selbst schon ein winziges Steinchen, das man in das gewöhnliche Feuer wirft, einen Tag glühen möge ohne sich aufzulösen, aber trotzdem ein Felsen so groß wie ein Giebeldach, in das Höllenfeuer geworfen, in einem Augenblicke zergehe. Solcher Behauptung mag ich keinen Glauben schenken. Und daß ihr da ferner behauptet, daß die dort wiedergeborenen Wesen, trotzdem sie für manche Jahrtausende in der Hölle zu brennen haben, nicht zergehen sollten: auch das kann ich nicht glauben."
Der Ordensältere aber erwiderte: "Was meinst du, o König? Fressen die weiblichen Haifische, Krokodile, Schildkröten, Pfauen und Tauben nicht wohl auch harte Steine und Kies? Und verzehren die weiblichen Löwen, Tiger, Leoparden und Hunde nicht wohl harte Knochen und Fleisch?"
"Gewiß, o Herr."
"Und zersetzen sich nicht wohl diese Dinge, sobald sie in ihren Leib gelangt sind?"
"Gewiß, o Herr."
"Löst sich aber der Embryo, der sich in ihrem Leibe befinden mag, ebenfalls auf?"
"Das freilich nicht, o Herr."
"Und warum nicht?"
"Ich denke, wohl zufolge des vorgeburtlichen Wirkens, o Herr."
"Genau so, o König, mögen die Wesen zufolge des vorgeburtlichen Wirkens gar manche Jahrtausende in der Hölle brennen, ohne daß sie sich auflösen."
"Gib mir ein weiteres Gleichnis!"
"Was meinst du, o König? Essen die zarten Weiber der Griechen und der Adeligen, Brahmanen und Hausleute nicht wohl bisweilen harte, Kauen erfordernde Speisen und Fleisch?"
"Gewiß, o Herr."
"Löst sich nun aber der Embryo, der sich in ihrem Leibe befinden mag, ebenfalls auf?"
"Das freilich nicht, o Herr."
"Und warum nicht?"
"Ich denke, wohl zufolge des vorgeburtlichen Wirkens, o Herr."
"Genau so, o König, mögen die Wesen zufolge des vorgeburtlichen Wirkens gar
manche Jahrtausende in der Hölle brennen, ohne daß sie sich auflösen. Auch der
Erhabene, o König, hat gesagt:
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
7. Pathavisandhārakapañho
Mil. 3.1.5. Erlösung gleich Erlöschung - 2.4.8. Nirodhanibbānapañho
Der König sprach: "Ist wohl, o Herr, Erlösung (Nibbāna) dasselbe wie Erlöschung?"
"Ja, o König. Die Erlösung besteht in der Erlöschung."
"Inwiefern nun aber, ehrwürdiger Nāgasena, besteht die Erlösung in der Erlöschung?"
"All die törichten Weltlinge, o König, finden Lust und Freude an den Sinnen und deren Objekten und hängen sich daran. Daher werden sie von jenem Strome der Leidenschaften fortgerissen und nicht erlöst von Geburt, Altern und Sterben, von Sorge, Klage, Schmerz, Trübsal und Verzweiflung, werden nicht erlöst vom Leiden: das sage ich. Der kundige, heilige Jünger aber, o König, findet keine Lust und Freude an den Sinnen und deren Objekten und hängt sich nicht daran. Da er aber keine Lust und Freude daran findet und sich nicht daran hängt, so erlischt das Begehren. Durch Erlöschen des Begehrens erlischt der Daseinshang, durch Erlöschen des Daseinshanges der Tatenprozeß. Durch Erlöschen des Tatenprozesses aber kommt es künftighin zu keiner Geburt mehr. Und mit Aufhebung der Geburt schwinden Alter und Tod, Sorge, Klage, Schmerz, Trübsal und Verzweiflung. Auf diese Weise kommt es zur Erlöschung dieser ganzen Leidensfülle. Insofern, o König, besteht die Erlösung in der Erlöschung."
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.1.6. Werden alle erlöst? - 2.4.9. Nibbānalabhanapañho
Der König sprach: "Erlangen wohl alle die Erlösung, ehrwürdiger Nāgasena?"
"Nicht alle, o König. Nur, wer recht wandelt, die zu erkennenden Dinge klar erkennt, die zu durchdringenden Dinge völlig durchdringt, die zu überwindenden Dinge überwindet, die zu erweckenden Dinge erweckt und die zu verwirklichenden Dinge verwirklicht: nur der erlangt die Erlösung."
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.1.7. Vorkenntnis von der Erlösung - 2.4.10. Nibbānasukhajānanapañho
Der König sprach: "Mag wohl einer, o Herr, ohne die Erlösung selber erlangt zu haben, wissen, daß diese Glück bedeutet?"
"Freilich, o König."
"Wie kann er denn solches wissen, ohne selber die Erlösung erlangt zu haben?"
"Was meinst du, o König: kann man wohl wissen, daß das Abhacken von Händen und Füßen schmerzhaft ist, ohne daß einem zuvor selber Hände und Füße abgehackt wurden?"
"Gewiß, o Herr."
"Woher aber kann man das wissen?"
"Weil man das Jammergeschrei derer vernommen hat, denen Hände und Füße abgehackt wurden: daher weiß man es."
"Genau so, o König, weiß man, daß die Erlösung Glück bedeutet, da man den Freudenruf derer vernommen hat, die die Erlösung geschaut haben."
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.2.1. Buddha eine historische Persönlichkeit - 2.5.1. Buddhassa atthinatthibhāvapañho
Der König sprach: "Hast du wohl, ehrwürdiger Nāgasena, den Erleuchteten schon gesehen?"
"Nein, o König."
"Oder haben ihn vielleicht deine Lehrer gesehen?"
"Nein, o König."
"Somit hat der Erleuchtete wohl gar nicht gelebt, o Herr?"
"Wie? Hast du denn schon wohl den Uhāfluß im Himalaja gesehen?"
"Nein, o Herr."
"So existiert der Uhāfluß wohl gar nicht?"
"Doch, o Herr! Wenn auch weder ich noch mein Vater ihn gesehen haben, so existiert er dennoch."
"Ebenso auch, o König, hat der Erhabene gelebt, obgleich weder ich noch meine Lehrer ihn gesehen haben."
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.2.2. Buddhas Unübertroffenheit - 2.5.2. Buddhassa anuttarabhāvapañho
Der König sprach: "Ist wohl, ehrwürdiger Nāgasena, der Erleuchtete unübertroffen?"
"Ja, o König, der Erleuchtete ist unübertroffen."
"Woher aber weißt du denn das, wenn du den Erleuchteten gar nicht gesehen hast?"
"Was meinst du, o König? Mag wohl einer, ohne je zuvor das Meer gesehen zu haben, wissen, daß dasselbe tief, unermeßlich und unergründlich ist; dieses Meer, in das die fünf großen Ströme, wie Ganges, Jumnā, Aciravatī, Sarabhū und Mahī, beständig und unaufhörlich sich ergießen, ohne daß irgend welche Zu- oder Abnahme zu bemerken wäre?"
"Gewiß, o Herr. Das kann man wissen."
"Ebenso auch, o König, weiß ich, wenn ich die großen Jünger, die vom Wahn Erlösten, sehe, daß der Erhabene unübertroffen ist."
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.2.3. Buddha in der Lehre nachweisbar - 2.5.3. Buddhassa anuttarabhāvajānanapañho
Der König sprach: "Kann man wohl wissen, ehrwürdiger Nāgasena, daß der Buddha unübertroffen ist?"
"Freilich kann man das wissen, o König."
"Wieso denn, o Herr?"
"Einst, o König, lebte ein Ordensälterer namens Tissa, der ein großer Schriftsteller war. Viele Jahre sind nun aber seit dessen Tode verflossen. Wie kann man da etwas von ihm wissen?"
"Durch seine Schriften, o Herr."
"Ebenso auch, o König, sieht der den Erhabenen, wer seine Lehre sieht; denn die Lehre ward vom Erhabenen verkündet."
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.2.4. Das Schauen der Lehre - 2.5.4. Dhammadiṭṭhapañho
Der König sprach: "Hast du wohl, ehrwürdiger Nāgasena, die Lehre geschaut?"
"Mit dem Erleuchteten als Führer, o König, mit dem Erleuchteten als Künder haben doch seine Jünger zeitlebens zu leben!"
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.2.5. Wiedergeburt ohne Seelenwanderung - 2.5.5. Asaṅkamanapaṭisandahanapañho
Der König sprach: "Vollzieht sich wohl, ehrwürdiger Nāgasena, die Wiedergeburt ohne eine Seelenwanderung?" (Wörtl.: "geht man nicht hinüber und wird (doch) wiedergeboren")
"Gewiß, o König."
"Wieso aber, o Herr, kann es Wiedergeburt geben ohne eine Seelenwanderung? Erkläre mir dies."
"Wenn zum Beispiel, o König, ein Mann eine Lampe an einer anderen Lampe anzündet, würde da wohl das Licht der einen Lampe zur anderen Lampe hinüberwandern?"
"Nicht doch, o Herr."
"Ebenso auch, o König, wird man wiedergeboren, ohne daß dabei irgend etwas hinüberwandert."
"Gib mir ein weiteres Gleichnis!"
"Erinnerst du dich vielleicht, o König, daß du als Knabe von deinem Lehrer irgend ein Gedicht gelernt hast?"
"Gewiß, o Herr."
"Wie nun aber, o König: ist etwa jenes Gedicht von deinem Lehrer (während er es rezitierte) zu dir hinübergewandert?"
"Nicht doch, o Herr."
"Ebenso auch, o König, wird man wiedergeboren, ohne daß dabei irgend etwas hinüberwandert."
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.2.6. Keine Seele - 2.5.6. Vedagūpañho
Der König sprach: "Gibt es wohl, ehrwürdiger Nāgasena, ein erkennendes Seelenwesen (vedagu)?"
"Im höchsten Sinne, o König, gibt es kein erkennendes Seelenwesen."
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.2.7. Identität des Täters - 2.5.7. Aññakāyasaṅkamanapañho
Der König sprach: "Gibt es wohl ehrwürdiger Nāgasena, irgend ein Wesen, das beim Tode von dem einen Körper in einen anderen Körper hinüberwandert?"
"Nein, o König."
(Im absoluten Sinne (paramattha-vasena) gibt es überhaupt kein Wesen, also auch kein Wesen, das von einem Körper in einen anderen hinüberwandert, sondern eben bloß einen den Tod überdauernden psycho-physischen Prozeß).
"Wenn dies sich aber so verhält, o Herr, entgeht man denn dadurch nicht der Folge böser Taten?"
"Wenn man nicht mehr wiedergeboren wird, (Genauer: wenn der psycho-physische Daseinsprozeß zum Stillstande gelangt ist, also nach dem Tode des Vollkommen-Heiligen) dann wohl. Solange man aber noch wiedergeboren wird, entgeht man nicht der Folge böser Taten."
"Erkläre mir dies!"
"Wenn da irgend ein Mann vom Baum eines anderen Mangos gestohlen hätte, verdiente der wohl Strafe?"
"Gewiß verdiente er Strafe, o Herr."
"Wieso denn? Er hat doch gar nicht jene Mangos gestohlen, die der andere gepflanzt hat?"
"Jenen (gepflanzten) Mangos aber zufolge sind diese (gestohlenen) Mangos entstanden. Darum eben verdient er Strafe."
"Ebenso auch, o König, werden durch diese geistig-körperliche Verbindung gute oder böse Taten gewirkt, und zufolge jener Taten entsteht eine neue geistig-körperliche Verbindung. Darum eben entgeht man nicht der Folge böser Taten."
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.2.8. Unaufzeigbarkeit verübter Taten - 2.5.8. Kammaphalaatthibhāvapañho
Der König sprach: "Durch diese geistig-körperliche Verbindung, ehrwürdiger Nāgasena, werden also die guten und bösen Taten gewirkt. Was wird nun aber aus jenen Taten?"
"Jene Taten, o Herr, folgen einem nach, gleich wie ein Schatten, der nicht schwindet."
"Kann man wohl aber, o Herr, angeben, wo sich jene Taten befinden?"
"Nein, o König."
"So gib mir denn eine Erklärung hierfür!"
"Was meinst du wohl, o König: kann man wohl bevor die Bäume Früchte tragen aufzeigen, daß sich hier und dort die Früchte befinden?"
"Gewiß nicht, o Herr."
"Ebensowenig, o König, kann man jene Taten in ununterbrochener Reihenfolge aufzeigen und sagen, daß sie hier oder dort seien."
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.2.9. Wissensmöglichkeit des Wiedergeborenwerdens - 2.5.9. Uppajjatijānanapañho
Der König sprach: "Ehrwürdiger Nāgasena! Weiß wohl einer, dem noch Wiedergeburt bevorsteht, daß er wiedergeboren wird?"
"Gewiß weiß er das, o König."
"Gib mir einen Vergleich!"
"Nimm an, o König, ein Landmann hätte sein Feld bestellt und ein richtiger Regen gösse hernieder würde der wohl da wissen, daß sein Korn aufgehen wird?"
"Gewiß wüßte er das, o Herr."
"Ebenso auch, o König, weiß einer, dem noch Wiedergeburt bevorsteht, daß er wiedergeboren wird."
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.2.10. Buddhas Nachweisbarkeit - 2.5.10. Buddhanidassanapañho
Der König sprach: "Gibt es denn den Buddha, ehrwürdiger Nāgasena?"
"Gewiß gibt es den Buddha, o König."
"Kann man aber, ehrwürdiger Nāgasena, zeigen, daß der Buddha hier oder dort da ist?"
"Nein, o König, völlig erloschen ist ja der Erhabene in dem von jeder Daseinsspur freien Element der Erlösung (Nibbāna). Und es ist unmöglich, den Erhabenen irgendwo aufzuzeigen."
"Gib mir einen Vergleich!"
"Was meinst du, o König: kann man wohl, nachdem die Flamme einer großen brennenden Feuermasse erloschen ist, diese Flamme noch irgendwo aufzeigen?"
"Nein, o Herr, erloschen ist ja jene Flamme, ist unsichtbar geworden." (appaññattim gatā, wörtlich: "zur Unerkennbarkeit gegangen")
"Ebenso auch, o König, ist der Erhabene in dem von jeder Daseinsspur freien Elemente der Erlösung völlig erloschen und verschwunden. Und es ist unmöglich, den Erhabenen irgendwo aufzuzeigen. Im Körper seiner Lehre aber (Dhamma-kāya), o König, da kann man den Erhabenen nachweisen, denn vom Erhabenen, o König, wurde die Lehre verkündet."
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
2.6. Sativaggo
Mil. 3.3.1. Der Körper eine Wunde - 2.6.1. Kāyapiyāyanapañho
Der König sprach: "Ist wohl, o Herr, den Hauslosen (Mönchen) ihr Körper lieb?"
"Nein, o König, Hauslose lieben nicht ihren Körper."
"Warum aber hegt und pflegt ihr dann euren Körper, o Herr?"
"Hat dich wohl, o König, schon einmal in der Schlacht ein Pfeil getroffen?"
"Freilich, o Herr, das kam schon vor."
"Und hat man da wohl nicht, o König, die Wunde mit Salbe bestrichen und eingeölt und einen weichen Verband angelegt?"
"Ja, o Herr."
"So war dir wohl die Wunde lieb, o König?"
"Nein, o Herr, die Wunde war mir nicht lieb. Sondern bloß, damit das Fleisch wieder nachwachse, hat man dieselbe mit Salbe bestrichen und eingeölt und einen Verband angelegt."
"Ebensowenig aber auch, o König, ist den Hauslosen ihr Körper lieb. Ohne irgendwie daran zu hängen, pflegen die Hauslosen ihren Körper, und zwar bloß um dem heiligen Wandel eine Stütze zu bieten. Auch der Erhabene hat den Körper mit einer Wunde verglichen. Und so pflegen denn die Hauslosen diesen Körper gleichsam wie eine Wunde, ohne irgendwie daran zu hängen. Auch der Erhabene, o König, hat folgendes gesagt:
Ganz von feuchter Haut umwickelt
Ist hier diese große Wunde
Und aus den neun Löchern allen
Strömet Kotgestank und Fäule."
(In den kanonischen Schriften nicht ermittelt. Dieser Vers erscheint jedoch, mit anderen, im Visuddhi-Magga, Übersetzung s. 229)
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.3.2. Buddhas Allwissenheit - 2.6.2. Sabbaññūbhāvapañho
Der König sprach: "War wohl, ehrwürdiger Nāgasena, der Buddha wirklich allwissend und allerkennend?"
"Freilich, o König, war der Erhabene allwissend und allerkennend." "Warum hat er denn da für seine Jünger bloß ganz allmählich (und nicht gleich auf einmal) die Ordensregeln festgelegt?"
"Mag es wohl, o König, irgend einen Arzt geben, der alle Arzneien auf dieser Erde kennt?"
"Einen solchen mag es schon geben, o Herr."
"Sage, König! Verschreibt wohl jener Arzt seine Arzneien zu einer Zeit, wo man krank ist, oder zu einer Zeit, wo man nicht krank ist?"
"Zu einer Zeit, wo man krank ist, o Herr."
"Ebenso auch, o König, war der Erhabene allwissend und allerkennend. Und nur zur rechten, nicht zur unrechten Zeit verschrieb er seinen Jüngern die Ordensregeln, die man zeitlebens nicht zu übertreten hat."
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.3.3. Buddhas Eigenart - 2.6.3. Mahāpurisalakkhaṇapañho
Der König sprach: "Ist es wohl wahr, ehrwürdiger Nāgasena, daß der Buddha die zweiunddreißig Merkmale eines großen Mannes und die achtzig kleineren Merkmale besaß und daß seine Haut von goldener Farbe war und gleichsam wie Gold leuchtete, und daß ihn ein Schein umgab, der sechs Ellen Ausdehnung hatte?"
"Ja, o König, das ist wahr."
"Dann besaßen wohl, o Herr, auch seine Eltern diese Eigenschaften?"
"Nein, keineswegs, o König."
"Wenn dem so ist, o Herr, dann erscheint ein Buddha nicht mit diesen Eigenschaften. Denn ein Sohn gleicht doch seiner Mutter oder ihren Verwandten, oder dem Vater oder dessen Verwandten."
Der Ordensältere sprach: "Gibt es wohl, o König, irgend eine Lotusblume mit hundert Blütenblättern?"
"Gewiß, o Herr."
"Wo aber entsteht dieselbe?"
"Im Schlamme entsteht sie und gedeiht im Wasser."
"Gleicht nun etwa, o König, diese Lotusblume in Farbe oder Geruch oder Saft dem Schlamme?"
"Nein, o Herr."
"Oder dem Wasser?"
"Auch das nicht, o Herr."
"Ebenso auch, o König, besaß der Erhabene die zweiunddreißig Merkmale eines großen Mannes sowie die achtzig kleineren Merkmale, und seine Haut war von goldener Farbe und leuchtete gleichsam wie Gold, und ein Schein umgab ihn, der sechs Ellen Umfang hatte, obzwar seine Eltern keineswegs diese Eigenschaften besaßen.
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.3.4. Buddha und Gott - 2.6.4. Bhagavato brahmacāripañho
Der König sprach: "Führt wohl, ehrwürdiger Nāgasena, der Erleuchtete einen göttlichen Wandel (brahma-cariya)?"
"Freilich, o König."
"Dann war er wohl ein Schüler Gottes?"
"Besitzest du wohl, o König, einen Paradeelefanten?"
"Gewiß, o Herr."
"Und stößt nicht wohl jener Elefant dann und wann einen Reiherton (dies bezeichnet den Trompetenton des Elefanten) aus?"
"Ja, o Herr, das tut er."
"Dann ist wohl jener Elefant ein Schüler des Reihers?"
"Nicht doch, o Herr."
"Nun aber sage du mir, o König: ist Gott (Brahmā) verständnis-voll (sa-buddhiko) oder nicht?"
"Freilich, o Herr, er ist verständnisvoll."
"Dann ist wohl Gott ein Schüler des Erhabenen (des Buddha)?"
(Hiermit, wie auch vorher mit dem "Reiherton", weist Nāgasena daraufhin, daß Wortgleichheit oder Wortverwandtschaft nicht immer Bedeutungsgleichheit einschließt)
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!
Mil. 3.3.5. Buddhas Mönchsweihe - 2.6.5. Bhagavato upasampadāpañho
Der König sprach: "Ist wohl, ehrwürdiger Nāgasena, die Weihe als Mönch etwas Gutes?"
"Freilich ist die Weihe etwas Gutes."
"Besaß denn aber, o Herr, der Buddha die Weihe oder nicht?"
"Der Erhabene, o König, wurde am Fuße des Bodhibaumes, gleichzeitig mit der Erlangung der Allwissenheit, der Weihe teilhaftig. Nicht aber haben andere dem Erhabenen die Weihe verliehen, so wie der Erhabene für seine Jünger die Ordensregel festsetzte, die zeitlebens nicht übertreten werden darf."
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.3.6. Zweierlei Tränen - 2.6.6. Assubhesajjābhesajjapañho
Der König sprach: "Es mag da, ehrwürdiger Nāgasena, einer über den Tod seiner Mutter weinen, und es mag einer in Wahrheitsverzückung weinen. Für welchen aber von diesen beiden Weinenden sind die Tränen ein Heilmittel, und für welchen nicht?"
"Bei dem einen, o König, sind die Tränen infolge von Gier, Haß und Verblendung getrübt und voll Hitze, bei dem anderen dagegen infolge der Freude und Verzückung ungetrübt und kühlend. Die Kühle aber, o Herr, ist ein Heilmittel, die Hitze nicht."
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.3.7. Eßgier - 2.6.7. Sarāgavītarāganānākaraṇapañho
Der König sprach: "Wodurch, ehrwürdiger Nāgasena, unterscheidet sich der Gierbehaftete von dem Gierlosen?"
"Der eine, o König, ist anhänglich, der andere nicht anhänglich."
"Was soll das heißen, o Herr?"
"Daß der eine Begehren hat, o König, und der andere nicht."
"Ich, o Herr, betrachte die Sache folgendermaßen. Der Gierbehaftete wie der Gierlose, beide finden Gefallen an guten Speisen, seien’s harte oder weiche. Einen schlechten Wunsch hegt darum keiner von beiden."
"Der Gierbehaftete, o König, empfindet beim Essen nicht nur den angenehmen Geschmack, sondern auch Gier. Der Gierlose empfindet dagegen bloß den angenehmen Geschmack, aber keine Gier."
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Milindapañha 4.1.1-4.1.7
1. Kapitel
Ein Disputant und ein Sophist,
Von Einsicht und von Witz erfüllt,
Ging zum Asketen hin der Fürst,
Daß ihm Erkenntnis werd’ zuteil.
Und in seinem Schatten (in seiner Nähe) weilend
Stellt er ihm gar viele Fragen,
Bis zuletzt, gereift an Wissen,
Er des Dreikorbs (Tipitaka) Kenner ward.
Die Neunersatzung (sāsana) dacht er durch
Zur Nachtzeit, in der Einsamkeit,
Und fand manch schwieriges Problem,
Schwer lösbar, wie geeicht zum Streit.
Aussagen gibt es viererlei
In des Wahrheitsfürsten Satzung:
Die ausführlich oder knapp sind,
Den Sinn erklären oder nur den Kern erfassen. (*)
Ohne deren Sinn zu kennen
An den zweideutigen Stellen,
Möchte in zukünft’gen Zeiten
Streit darüber sich entspinnen.
Drum will dem Redner ich vertrauen,
Ihn lösen lassen die Probleme,
Damit nach seiner Weisung dann
Man sie erkläre künftighin.
(*) Die von der ersten Auflage abweichende Fassung dieses schwierigen Verses folgte dem in diesem Jahrhundert in Burma verfaßten Milinda-Kommentars des Ehrw. Mingun Jetava Sayadaw (Hamsavati Pitaka Press, Rangoon)
Als nun das Dunkel der Nacht gewichen war und der Morgen graute, wusch der König Milinda sein Haupt, hob darauf seine gefalteten Hände zur Stirne empor und gedachte der Buddhas der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Dann nahm er acht Observanzen auf sich, indem er sprach: "Von heute ab will ich sieben Tage lang in der Askese leben und die acht Observanzen befolgen. Darauf will ich dem Meister meine Aufwartung machen und ihn über zweischneidige Probleme befragen." Und der König zog seine beiden Alltagsgewänder aus, legte seinen Schmuck ab und kleidete sich in ein fahles Gewand. Den Kopf aber bedeckte er mit dem flachen Käppchen eines kahlhäuptigen Asketen. Darauf nahm er, wie ein Asket ausschauend, die acht Tugenden auf sich, indem er sprach: "Die nächsten sieben Tage darf ich kein Regierungsgeschäft unternehmen. Kein mit Gier verbundener Gedanke soll in mir aufsteigen, kein mit Haß verbundener Gedanke, kein mit Verblendung verbundener Gedanke. Desgleichen habe ich mich gegen meine Knechte und Arbeitsleute demütig zu erweisen. Körper und Wort habe ich zu bewachen, habe meine sechs Sinne vollkommen zu behüten, habe den Geist auf Erweckung der Allgüte (Mettā) zu richten."
Damit nahm er diese acht Tugenden auf sich, festigte sein Herz darin, und auf diese Weise, ohne sein Haus zu verlassen, verbrachte er volle sieben Tage. Am achten Tage aber nahm er bereits ganz in der Frühe, bei Tagesanbruch, sein Frühstück zu sich und begab sich darauf, mit gesenktem Blick, in Worten beherrscht, in seinen Körperhaltungen wohlbemessen, unzerstreuten Geistes, voll Freude, Begeisterung und Heiterkeit zum Ordensälteren Nāgasena. Und voller Ehrfurcht begrüßte er ihn, indem er mit dem Haupte seine Füße berührte. Darauf stellte er sich zur Seite hin und sprach:
"Ich habe da, ehrwürdiger Nāgasena, eine Sache mit dir zu besprechen Doch darf dabei kein Dritter zugegen sein. Im Walde oder an einsamer, abgeschiedener Stätte, die acht Eigenschaften besitzt und sich für Asketen eignet, da sollte dieses Problem vorgetragen werden. Auch darfst du mir dort nichts vorenthalten, nichts verheimlichen. Ich bin nun jetzt würdig, wenn wir in unsere edlen Diskussionen vertieft sein werden, alle Geheimnisse zu hören. Diese Tatsache ließe sich auch durch ein Gleichnis anschaulich machen. Gleichwie nämlich, ehrwürdiger Nāgasena, wenn man einen Schatz verbergen will, sich die Erde dazu am besten eignet, ihr denselben anzuvertrauen: ebenso auch, o Herr, bin ich nunmehr würdig, wenn wir in unsere edlen Diskussionen vertieft sein werden, die sämtlichen Geheimnisse zu hören."
Mil. 4.1.1. Zur Diskussion ungeeignete Plätze - Aṭṭhamantavināsakapuggalā
Der König begab sich daher zusammen mit seinem Meister an eine abgeschiedene Stelle im Walde und sprach: "Wer da eine Diskussion führen will, ehrwürdiger Nāgasena, der sollte acht Plätze meiden. Denn an solchen Plätzen mag kein verständiger Mensch eine Sache besprechen. Geschieht es aber dennoch, so gerät die Sache auseinander und führt zu nichts. Welches aber sind diese acht Plätze?
- Ein unebener Platz,
- ein Platz, der gefährlich ist
- oder zu windig
- oder versteckt
- oder den Göttern geweiht,
- eine Straße,
- eine Brücke und
- ein Badeplatz.
Diese acht Plätze sollten dabei gemieden werden."
"Welche Fehler besitzen denn derartige Plätze?" warf der Ordensältere ein.
"Auf unebenem Boden, ehrwürdiger Nāgasena, gerät die Diskussion auseinander, wird zerrissen, gestört, macht keinen Fortschritt.
In gefährlichen Plätzen ist der Geist aufgeregt und infolge der Aufregung bekommt man kein klares Bild.
- An einem windigen Platze kann man die Stimme nicht deutlich vernehmen.
- An einem versteckten Platze finden sich Lauscher ein.
- An einem den Göttern geweihten Platze wird die Sache leicht zu ernst genommen.
- Auf der Straße wird die Sache hinfällig,
- auf einer Brücke gerät sie gleichsam ins Schwanken, und
- an einem Badeplatze wird sie das Gemeingut aller.
Deshalb heißt es auch:
Sei’s Wind, Gefahr, Unebenheit,
Ein Heiligtum, sei s ein Versteck,
Ein Weg, ein Steg, ein Badeplatz:
Da meid man jede Diskussion."
Mil. 4.1.2. Zur Diskussion ungeeignete Menschen - Aṭṭhamantavināsakapuggalā
"Folgende acht Menschen, ehrwürdiger Nāgasena, bringen beim Diskutieren die besprochene Sache in Verwirrung. Welche acht? Derjenige, der einen begehrlichen oder gehässigen oder verblendeten oder dünkelhaften Charakter besitzt, der Habsüchtige, der Träge, der von einer fixen Idee Erfüllte und der Narr. Diese acht Menschen bringen den Gegenstand des Gespräches in Verwirrung."
"Worin besteht denn ihr Fehler?" fragte der Ordensältere.
"Der eine verdirbt die besprochene Sache infolge seiner Gier, der andere infolge seiner Gehässigkeit, der andere infolge seiner Verblendung, der andere infolge seines Dünkels, der andere infolge seiner Habsucht, der andere infolge seiner Trägheit, der andere infolge seiner fixen Idee, der andere infolge seiner Narrheit. Deshalb heißt es auch:
Der Mensch voll Gier, voll Haß und Wahn,
Voll Dünkel, Habsucht, Lässigkeit,
Der geistig Starre wie der Narr
Jedwede Diskussion verdirbt."
Mil. 4.1.3. Ausplauderer von Geheimnissen - Navaguyhamantavidhaṃsakaṃ
"Folgende neun Menschen gibt es, ehrwürdiger Nāgasena, die ein besprochenes Geheimnis verraten und nicht für sich behalten können. Und welche sind diese neun? Derjenige, der einen begehrlichen oder gehässigen oder verblendeten Charakter besitzt, der Feigling, der auf seinen Vorteil Bedachte, das Weib, der Trinker, der Eunuch und das Kind."
"Worin besteht denn deren Schwäche?" fragte der Ordensältere.
"Der eine verrät ein besprochenes Geheimnis aus Gier, der andere aus Gehässigkeit, der andere aus Verblendung, der andere aus Feigheit, der andere aus Gewinnsucht, das Weib aus mangelndem Verständnis (Obwohl betreffend des geistigen Fortschritts im Buddhismus den Frauen die gleichen Möglichkeiten wie den Männern zuerkannt werden, geben hier ’Die Fragen des Königs Milinda’ das zeitgenössische Verständnis der weiblichen Daseinsweise wieder. Zu jener Zeit erhielten die Frauen, mit wenigen Ausnahmen, eine minimale Erziehung, was einer abschätzigen Beurteilung Vorschub leistete), der Trinker in seiner Betrunkenheit, der Eunuch infolge seiner Zwiespältigkeit und das Kind in seiner Unstetigkeit. Deshalb heißt es auch:
Wer voller Gier und Haß und Wahn,
Ein Feigling ist, Gewinn erspäht,
Das Weib, der Trinker, der Eunuch,
Und dann als neuntes noch das Kind:
Neun Menschen sind dies in der Welt,
Die niedrig und zerfahren sind.
Durch die wird ein Geheimnis stets
Den Leuten allen bald bekannt!"
Mil. 4.1.4. Acht Fördernisse der Einsicht - Aṭṭha paññāpaṭilābhakāraṇaṃ
"Unter acht Umständen, ehrwürdiger Nāgasena, mag sich die Einsicht entfalten und Reife erlangen. Diese sind: die Altersreife, das Zunehmen an Ansehen, das Befragen, das Zusammenwohnen mit einem Meister, weise Erwägung, Zwiegespräch, Pflege der Freundschaft und der Aufenthalt an einem geeigneten Orte. Deshalb heißt es auch:
Alter, Anseh’n und Befragung,
Wie die Nähe eines Meisters,
Weiser Sinn, Gespräch und Freundschaft,
Und ein Wohnort, der sich eignet:
Dieses sind fürwahr acht Dinge,
Die die Einsicht lauter machen,
Denn wo immer sie sich finden,
Dort entfaltet sich die Einsicht!"
Mil. 4.1.5. Die Schülertugenden
"Diese Stätte nun, ehrwürdiger Nāgasena, ist frei von den acht für eine Diskussion störenden Umständen. Ich aber bin in aller Welt der beste Diskussionspartner. Ich kann ferner Geheimnisse für mich behalten, und ich werde auch solche zeitlebens hüten. Auch hat infolge der acht erwähnten Umstände meine Einsicht die nötige Reife erlangt. Schwerlich könnte man daher einen anderen Schüler finden, der mir gleich käme."
Mil. 4.1.6. Die Lehrertugenden - Ācariyaguṇaṃ
"Gegen einen Schüler aber, der sich richtig benimmt, hat der Meister sich in vollkommener Übereinstimmung mit den fünfundzwanzig Lehrertugenden zu benehmen. Und welche sind diese fünfundzwanzig Tugenden?
Der Meister, o Herr, soll den Schüler beständig und unablässig überwachen.
- Er soll wissen, was er zu tun und zu meiden hat, ob er träge oder fleißig ist, wann er zu schlafen hat, wann er krank ist, ob er Speise erhalten hat oder nicht, soll seine Eigenart kennen, soll das in der Almosenschale Erhaltene mit ihm teilen.
- Er soll ihn ermutigen und ihm sagen, daß er nichts zu befürchten habe und daß der Erfolg nicht ausbleiben werde.
- Er soll seinen Umgang kennen und wissen, mit wem er verkehrt, soll wissen, wie er sich in Dorf und Kloster zu benehmen hat, er soll sich auch mit ihm in keinerlei Scherze und Geplauder einlassen.
- Wenn er einen Fehler an ihm bemerkt, soll er Nachsicht üben.
- Er soll ihn gewissenhaft belehren, nichts übergehen, ihm nichts vorenthalten, alles vollständig mitteilen.
[In A.III.129, heißt es: "Drei Dinge, ihr Jünger, leuchten vor aller Welt, nicht im Geheimen: die Sonne, der Mond und die Lehre des Vollendeten." Esoterismus und Geheimnistuerei sind unvereinbar mit dem Geiste der für alle Wesen bestimmten Erlösungslehre des Erleuchteten.]
- Er soll gegen ihn eine väterliche Gesinnung hegen und denken, daß er ihn im Wissen gezeugt habe.
- Er soll die Absicht haben, ihn zu fördern und darüber nachdenken, was er zu tun habe, damit er nicht mehr zurückfalle.
- Er soll daran denken, ihn in der Schulung zu stärken, soll liebevolle Gesinnung gegen ihn hegen, ihn in der Not nicht im Stich lassen, seine Pflichten gegen ihn nicht vernachlässigen, und, wenn er fällt, soll er ihn durch die Lehre wieder aufrichten.
Dies, o Herr, sind die fünfundzwanzig Tugenden eines Lehrers. Und in Übereinstimmung mit eben diesen Tugenden mögest du mich recht behandeln. Zweifel sind mir da aufgestiegen, o Herr. In den Lehren des Siegreichen gibt es nämlich zweischneidige Probleme. Darüber möchte sich in späteren Zeiten Streit entspinnen, und Einsichtige deinesgleichen möchten dann wohl schwerlich zu finden sein. So verschaffe mir denn in diesen Fragen Klarheit, damit ich die Behauptungen der Gegner widerlegen kann."
Mil. 4.1.7. Die Tugenden eines Laienanhängers - Upāsakaguṇaṃ
"Gut", stimmte der Ordensältere bei und erklärte ihm sodann die zehn Tugenden eines Laienanhängers, indem er sprach: "Folgende zehn Tugenden eines Laienanhängers gibt es, o König. Welche zehn?
- Ein Laienanhänger, o König, teilt der Jüngerschaft Freuden und Leiden (Er nimmt tätigen Anteil an der Wohlfahrt des Klosters, mit dem er in Verbindung steht).
- Die Lehre nimmt er zum Führer (dhammādhipateyyo, er gibt der Lehre den Vorrang, sie ist das für ihn Bestimmende).
- Er findet Freude daran, nach Kräften Gaben zu verteilen.
- Bemerkt er einen Niedergang in der Lehre des Erhabenen, so strebt er nach ihrem erneuten Wachstum.
- Rechte Erkenntnis besitzt er.
- Er ist frei von Aberglauben (wie dem) an Vorzeichen und würde, selbst nicht für sein Leben, einen anderen Meister sich erwählen.
- Er beherrscht sich in Werken und Worten.
- Die Eintracht liebt er, an Eintracht findet er Freude.
- Keine Eifersucht kennt er, und führt nicht ein buddhistisches Leben in trügerischer, heuchlerischer Weise.
- Er hat seine Zuflucht genommen zum Erleuchteten, zur Lehre und zur Jüngerschaft (tiratana).
Dies, o König, sind die zehn Tugenden eines Laienanhängers. Und alle diese Tugenden sind in dir anzutreffen. Darum ist es richtig und in der Ordnung, dir angemessen und deine Pflicht, daß du, der du den Verfall der Lehre siehst, ihr erneutes Wachstum herbeisehnst. Ich gebe dir also die Erlaubnis, mir Fragen zu stellen, so viele du willst."
Milindapañha 4.2.1-4.2.8
2. Kapitel - Abhejja Vagga
Mil. 4.2.1. Abschaffung der kleinen Ordensregeln - 4.2.1. Khuddānukhuddakapañho
«Der Erhabene, o Herr sagt:
«Beides, o König, hat der Erhabene gesagt. Das letztere aber hat der
Vollendete gesagt, um seine Mönche auf die Probe zu stellen, ob sie, wenn er es
erlaubte, nach seinem Dahinscheiden die kleinen und nebensächlichen Ordensregeln
wirklich fahren lassen, oder daran festhalten möchten. Es ist hiermit gerade so,
o König, wie wenn ein Weltherrscher zu seinen Söhnen sprechen möchte:
«Gewiß nicht, o Herr. Herrscher sind gar habgierig. Die Prinzen möchten in ihrer Herrschgier am liebsten noch zwei- oder dreimal soviele Länder an sich reißen. Wie sollten sie da die bereits in ihren Besitz gelangten Gebiete preisgeben?»
«Ebenso auch, o König, hat der Erhabene bloß deshalb diese Worte gesprochen, weil er seine Mönche auf die Probe stellen wollte. Zum Zwecke der Leidenserlösung aber, o König, und aus Liebe zur Lehre (wörtl.: Lust an der Lehre, dhamma-lobhena; im Vergleich entsprechend der obigen «Herrschgier« rajja-lobhena) würden die Jünger des Erleuchteten am liebsten noch weitere einhundertundfünfzig Ordensregeln halten. Wie sollten sie da die ursprünglich festgesetzten Ordensregeln aufgeben?»
«Hinsichtlich dessen aber, ehrwürdiger Nāgasena, was der Erhabene als die kleinen und nebensächlichen Ordensregeln bezeichnet, da sind sich die Menschen im Unklaren, hegen Zweifel, sind uneinig und in Ungewißheit darüber verfallen, welches wohl die kleinen und nebensächlichen Ordensregeln sein mögen.»
«Die kleinen Ordensregeln, o König, beziehen sich auf
«Das also, was lange Zeit verborgen geblieben ist, ehrwürdiger Nāgasena, dieses Geheimnis des Siegers hast du nun heute der Welt enthüllt und klar gemacht.»
[In Vinaya, Cūlavagga, XI, I, 10, wird berichtet, daß auf dem Konzil zu Rājagaha die Ordensälteren es dem Ananda zum Vorwurfe machten, nicht den Erhabenen noch bei Lebzeiten um eine Erklärung dieser beiden Ausdrücke gebeten zu haben]
Mil. 4.2.2. Die Fragen des Mālunkyaputta - 4.2.2. Abyākaraṇīyapañho
«Der Erhabene, o Herr, hat einst von sich gesagt:
«Es ist wahr, o König, daß der Erhabene jenen Ausspruch getan hat. Daß er aber die Frage des Ordensälteren Mālunkyaputta unbeantwortet ließ, beruht weder auf Unwissenheit noch auf der Absicht, etwas zu verheimlichen. Es gibt nämlich, o König, viererlei Weisen, wie man Fragen zu beantworten hat.
- Es gibt da Fragen, die eine direkte Antwort zulassen;
- es gibt Fragen, die eine aufklärende Antwort verlangen,
- es gibt ferner Fragen, die durch Gegenfragen zu beantworten sind;
- und schließlich gibt es solche Fragen, die zu verwerfen sind.
- Auf die Frage zum Beispiel, ob Körper, Gefühl, Wahrnehmung, Geistesformationen und Bewußtsein vergänglich sind, da läßt sich bloß eine direkte Antwort geben.
- Auf die Frage aber, ob das, was vergänglich ist, wohl Körperlichkeit sei, oder ob es Gefühl sei, oder Wahrnehmung oder Geistesformation oder Bewußtsein, da läßt sich bloß eine aufklärende Antwort geben.
- Die Frage aber, ob es das Auge sei, mit dem man sich aller Dinge bewußt ist, das ist eine Frage, die sich durch Gegenfrage beantworten läßt.
- Die Fragen aber, ob die Welt ewig sei oder nicht ewig, endlich oder unendlich, oder teilweise endlich, teilweise unendlich oder weder endlich noch unendlich, ob Leben und Körper identisch seien oder etwas voneinander Verschiedenes, ob der Vollendete nach dem Tode fortbestehe oder nicht fortbestehe, oder teilweise fortbestehe, teilweise nicht fortbestehe, oder weder fortbestehe noch nicht fortbestehe: alles dies sind Fragen, die man zu verwerfen hat.
Weil aber die Frage des Ordensälteren Mālunkyaputta eine solche zu verwerfende Frage war, deshalb hat sie der Erhabene unbeantwortet gelassen. Und warum ist eine solche Frage zu verwerfen? Weil es keinen Grund, keine Ursache, geben kann, eine solche zu beantworten, deshalb ist sie zu verwerfen. Denn nicht ohne Grund und Ursache tun die Erleuchteten, die Erhabenen, irgend eine Äußerung.»
«Richtig, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es. Das gebe ich zu.»
Mil. 4.2.3. Die Furchtlosigkeit des Heiligen - 4.2.3. Maccubhāyanābhāyanapañho
«An einer Stelle, ehrwürdiger Nāgasena, sagte der Erhabene:
«Nicht hat, o König, der Erhabene mit Beziehung auf den Vollkommen-Heiligen
diesen Ausspruch getan:
Nimm an, o König, ein Fürst habe vier ergebene, geehrte vertraute Räte in
hoher, einflussreicher Stellung. Und bei irgendeinem aufgetretenen Umstand
erlasse er für alle Untertanen seines ganzen Reiches den Befehl:
«Das nicht, o Herr.»
«Und warum nicht?»
«Jene bekleiden ja die höchsten Ämter, haben mit Steuer gar nichts zu schaffen, sind der Steuerpflicht enthoben. Nur für die übrigen hat der Fürst den Befehl erlassen.»
«Ebenso auch, o König, hat der Erhabene nicht etwa angesichts der
Vollkommen-Heiligen diesen Ausspruch getan. Der Vollkommen-Heilige ist
ausgenommen in dieser Sache, denn in dem Vollkommen-Heiligen ist jeder Grund zur
Furcht zerstört. Nur mit Beziehung auf die mit Leidenschaften behafteten Wesen,
in denen starke Selbstverblendung lebt, die von Freude und Leid hin und her
gezerrt werden, nur mit Beziehung auf diese hat der Erhabene den Ausspruch
getan:
«Dieser Ausdruck
«Nimm an, o König, der Dorfherr in einem Dorfe befehle dem Ausrufer:
Es gibt eben, o König, begrenzte Begriffe, mit begrenztem Sinn; es gibt begrenzte Begriffe mit unbegrenztem Sinn; es gibt unbegrenzte Begriffe mit begrenztem Sinn; und es gibt unbegrenzte Begriffe mit unbegrenztem Sinn («Alles» wäre also in unserem speziellen Falle ein unbegrenzter Begriff mit begrenztem Sinn). Und durch den einen oder den anderen dieser Begriffe hat man jedesmal die Sache festzustellen. Und dies mag auf fünffache Weise geschehen: gemäß des Zusammenhanges, gemäß des inneren Gehaltes, gemäß der Überlieferung der Meister, gemäß der eigenen Auffassung und gemäß der Gewichtigkeit des Grundes. Dabei hat man unter dem Zusammenhang die Worte der Lehrreden zu verstehen, unter dem inneren Gehalte die innere Übereinstimmung mit den Lehrreden, unter der Überlieferung der Meister die Lehre der Meister, unter der eigenen Auffassung die eigene Meinung, und unter der Gewichtigkeit des Grundes die Übereinstimmung eben dieser Dinge miteinander. Auf diese fünffache Weise läßt sich der Sinn feststellen. Somit ist denn dieses Problem völlig gelöst.»
«Mag sein, ehrwürdiger Nāgasena; ich will es zugeben. So möge also der Vollkommen-Heilige in dieser Sache ausgenommen sein, alle übrigen Wesen aber noch Furcht empfinden. Doch wie steht es mit den Wesen in der Hölle, die da scharfe, bittere Schmerzen zu erleiden haben, am ganzen Körper und allen Gliedern von den Flammen verzehrt werden, das Antlitz erfüllt von Klagen, Erbarmungsschreien, Jammer und Wehe, von unerträglich heftigen Schmerzen übermannt, ohne Zuflucht, Schutz und Hilfe, von gewaltigem Kummer gepeinigt, auf unterster, niederster Daseinsstufe stehend und dazu noch zu lauter Qualen verdammt, in glühenden, heftigen, wilden, grausamen Feuersgluten brennend, Furcht und grauenerregenden Lärm und mächtiges Getöse erzeugend und in die verschlungenen sechsfachen Flammenkränze eingehüllt. Sollten denn diese Wesen, wenn sie aus der nach allen Seiten hundert Meilen weit dringende Flammenwogen aussendenden, elenden, feurigen Erzhölle endlich einmal abscheiden, sich noch vor dem Abscheiden fürchten?»
[Da alles vergänglich ist, muß auch das Leben in der Hölle einmal sein Ende erreichen, trotzdem das Kalpa (Äon) für das menschliche Denken eine Ewigkeit bedeuten mag; das aber berechtigt nicht dazu, das Wort «Äon» in der Bibel nun auch tatsächlich mit «Ewigkeit» zu übersetzen. Auch die christliche Hölle ist eben im letzten Grunde nicht mehr und nicht weniger ewig als die buddhistische.]
«Ja, o König.»
«Ist denn, o Herr, die Hölle nicht ganz und gar bloß eine Leidenserfahrung? Wie sollten da diese Wesen sich vor dem Sterben fürchten? Wie? Dann gefällt ihnen wohl die Hölle?»
«Nein, o König. Befreit möchten sie von ihr sein. Aber die Macht des Todes ist es, o König, vor der sie sich fürchten.»
«Das kann ich nicht glauben, ehrwürdiger Nāgasena, daß sie, die doch nach Befreiung lechzen, sich vor dem Tode noch fürchten sollten. Daß sie das Ersehnte endlich erlangen, müßte ihnen doch ein Grund zur Freude sein. So lege mir denn die Sache klar!»
«Der Tod, o König, ist für einen, der die Wahrheit noch nicht durchschaut hat, ein Grund zur Furcht; vor ihm ist alle Welt in Angst und Aufregung. Wer zum Beispiel Furcht hat vor schwarzen Schlangen, Elefanten, Löwen, Tigern, Leoparden, Bären, Hyänen, Büffeln, Rindern, Feuer, Wasser, Stacheln, Dornen oder Pfeilen, der fürchtet sich eben bloß deshalb davor, weil er Furcht hat vor dem Tode. Das, o König, ist die Macht der wahren Natur des Todes, und ihr zufolge haben die mit Leidenschaften befleckten Wesen Furcht und Angst vor ihm. Und daher kommt es auch, daß selbst die Wesen in der Hölle, trotzdem sie nach Befreiung lechzen, dennoch vor dem Tode in Furcht und Angst geraten.
Nimm an, o König, es habe einer an seinem Körper eine Fettgeschwulst. Und von jener Krankheit belästigt, bestelle er einen Wundarzt, um dieses Übel loszuwerden. Und der Wundarzt willige ein und mache sein Instrument zurecht, um das Übel zu beseitigen, sei es, daß er eine Lanzette scharf macht oder Ätzstifte im Feuer ausglüht oder Kalisalz auf einem Reibsteine zerreibt. Möchte da jener Kranke sich nicht wohl fürchten vor dem Schneiden mit der scharfen Lanzette oder dem Ausbeizen mit den zwei Stiften oder der Anwendung von Kalisalz?»
«Gewiß, o Herr.»
«So also, o König, steigt in jenem Kranken, trotzdem er der Krankheit entrinnen möchte, dennoch aus Furcht vor den Schmerzen die Angst auf. In derselben Weise aber auch, o König, geraten die Wesen in der Hölle, trotzdem sie ihr entrinnen möchten, dennoch aus Furcht vor dem Tode in Angst. Oder nimm an, o König, einen Staatsverbrecher, der mit Ketten im Kerker daliege, möchte es danach verlangen, frei gelassen zu werden. Der König aber, mit der Absicht ihm seine Freiheit zu schenken, lasse ihn zu sich rufen. Möchte da jener Verbrecher, im Bewußtsein seiner begangenen Schuld, beim Anblick des Herrschers nicht etwa doch in Angst geraten?»
«Gewiß, o Herr.»
«Somit also gerät der Verbrecher, trotzdem er nach seiner Befreiung verlangt, dennoch vor dem Könige in Angst.»
«Gib mir noch ein weiteres Beispiel, o Herr, um mich zu überzeugen!»
«Gesetzt, o König, ein Mann sei von einer giftigen Schlange gebissen worden; und unter der Einwirkung des Giftes stürze er zu Boden, springe alsbald empor um sich von neuem wieder auf dem Boden hin und her zu wälzen. Ein anderer aber zwinge durch das Hersagen einer mächtigen Zauberformel jene giftige Schlange zurückzukommen und das Gift wieder aus der Wunde auszusaugen (Auch noch heutzutage soll dies vielfach vorkommen, wie mir in Sri Lanka versichert wurde). Möchte da nicht wohl der Gebissene vor jener Schlange, die doch bloß seines eigenen Wohlseins wegen herankommt, dennoch in Angst geraten?» «Gewiß, o König.»
«Wie also jener Mensch, o König, vor einer Schlange, trotzdem sie bloß seines eigenen Wohlseins wegen kommt, in Angst geraten kann, ebenso auch sind die Wesen in der Hölle, trotzdem sie ihr entrinnen möchten, dennoch vor dem Tode in Furcht und Angst. Der Tod, o König, ist eben allen Wesen unerwünscht. Daher kommt es auch, daß selbst die Wesen in der Hölle, trotzdem sie nach ihrer Befreiung lechzen, sich dennoch vor dem Tode fürchten.»
«Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena. Es ist so. Das gebe ich zu.»
Mil. 4.2.4. Die Macht der Schutztexte - 4.2.4. Maccupāsamuttipañho
«Der Erhabene, o Herr, hat den Ausspruch getan:
Nicht in den Lüften, nicht in Meeresmitte,
Nicht im Verstecke wilder Bergesklüfte
Nicht ist in aller Welt der Ort zu finden,
Wo frei man würde von des Todes Fessel.
Andererseits aber wieder hat der Erhabene die Schutztexte (paritta) gelehrt, als wie:
- die Rede vom (dreifachen) Kleinod, (Ratana-Sutta)
- die Rede von der Allgüte, (Metta Sutta)
- das Khandhaparitta (A.IV.67),
- das Moraparitta, (Mora Jātaka 159)
- das Dhajaggaparitta, (S.11.3)
- das Ᾱtānātiyaparitta (D.32)
- das Angulimālaparitta. (M.86)
Wenn man also weder in den Lüften noch in des Meeres Mitte, noch in hohen Türmen, Gemächern, Verstecken, Höhlen, Grotten, Spalten, Klüften oder Öffnungen in den Bergen der Fessel des Todes entgehen kann, so ist eben das Rezitieren von Schutztexten widersinnig. Könnte man aber durch solches Rezitieren von der Fessel des Todes befreit werden, so müßte eben jener Vers des Erhabenen falsch sein. Dies ist wiederum ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle, verknüpfter denn ein Knoten. Das hast du nun zu lösen.»
«Zwar hat, o König, der Erhabene diesen Vers gesprochen und trotzdem die Schutztexte gelehrt. Doch sind diese bloß für einen solchen bestimmt, dem noch Lebensjahre bevorstehen, der noch lebenskräftig ist und auch nicht durch übles Wirken gehemmt ist. Ein Mittel oder eine Methode aber, das Leben eines bereits Abgelebten zu verlängern, das gibt es nicht, o König. Ebenso wenig nämlich, o König, wie an einem abgestorbenen Baume, das ausgedörrte, saftlose, leblose, aller Lebenskraft beraubte Holz jemals wieder frisch werden, sprossen oder grünen wird, selbst wenn man tausend Töpfe voll Wasser darüber gießen sollte: ebenso wenig auch, o König, enthält irgend eine Arznei oder Schutzformel das Mittel oder die Möglichkeit, das Leben eines Abgelebten zu verlängern. Alle Heilkräuter und Arzneien, die es in der ganzen Welt geben mag, sind für einen solchen nutzlos. Nur einem, dem noch Lebensjahre bevorstehen, der lebenskräftig ist und auch nicht durch übles Wirken gehemmt ist, nur diesem bietet ein Schutztext Hilfe und Schutz. Und nur ihm zuliebe hat der Erhabene die Schutztexte gelehrt. Gleichwie nämlich, o König, wenn das Korn reif ist und die Kornhalme abgestorben sind, der Bauer den Zufluss des Wassers abhält, obwohl doch das junge, grüne, grasartige, lebensfrische Korn gerade infolge des Wassers zum Wachsen gelangt: ebenso auch, o König, wird bei einem Abgelebten die Anwendung heilender Schutztexte vermieden und nur für diejenigen, denen noch Lebensjahre bevorstehen und die noch lebenskräftig sind, nur für diese werden heilende und Schutztexte vorgetragen. Denn nur solche mögen davon Nutzen haben.»
«Wenn aber, ehrwürdiger Nāgasena, der Abgelebte sterben muß und der, dem noch Lebensjahre bevorstehen, ohnehin am Leben bleibt, dann sind doch heilende und Schutztexte ganz zwecklos.»
«Hast du niemals gesehen, wie durch Arznei eine Krankheit zum Schwinden gekommen ist?»
«Gewiß, o Herr. Viele hundert Male.»
«So ist es also falsch, o König, zu behaupten, daß heilende Schutztexte zwecklos seien.»
«In der ärztlichen Methode, o Herr, bekommt man heilwirkende Getränke und Salben zu sehen. Durch eine solche Methode mag allerdings eine Krankheit zum Schwinden kommen.»
«Man kann aber doch, o König, beim Vortrag der Schutztexte die Stimme der Vortragenden vernehmen. Die Zunge der letzteren mag austrocknen, ihr Herz stille stehen, ihre Stimme heiser klingen. Dadurch nämlich werden Krankheiten aller Art geheilt, und jedwede Plage schwindet. (Das soll offenbar besagen, daß die Lebenskraft, die den Vortragenden infolge solcher Überanstrengung schwindet, auf die Anwesenden übergeht und ihrer Gesundheit zugute kommt, gerade wie es auch der Fall sein soll bei magnetischen Medien oder bis zum ohnmächtigen Zusammenbrechen tanzenden indischen Beschwörungstänzern) Hast du auch noch nie davon gehört, wie ein von einer Schlange Gebissener unter dem Einfluss einer Zauberformel das Schlangengift (durch die betreffende Schlange) hat wieder entfernen, ausscheiden, oberhalb und unterhalb aussaugen lassen?»
«Gewiß, o Herr. Noch heutzutage geschieht das in der Welt.»
«So ist es also falsch, o König, zu behaupten, daß heilende Schutztexte zwecklos seien. Wenn eine Schlange einen Mann beißen will, über den ein Schutztext gesprochen wurde, so kann sie das nicht, und ihr aufgerissener Rachen wird sich wieder schließen. Und selbst die bereits erhobene Keule eines Räubers wird einen solchen nicht berühren. Der Räuber wird die Keule fallen lassen und ihm Liebe erweisen. Ein wütender Elefant, der auf ihn losstürzt, wird stehen bleiben. Eine flackernde, gewaltige Feuersbrunst, die gegen ihn antreibt, wird verlöschen. Das Halāhala-Gift, das er verschluckt, wird unwirksam werden und ihm als Nahrung dienen. Mörder, die auf ihn stürzen, um ihn zu erschlagen, werden zu seinen Dienern. Und die Falle, in die er tritt, wird ihn nicht fangen.»
«Gewähren nun aber, o Herr, die Schutztexte allen Menschen Schutz?»
«Den einen wohl, o König, den anderen aber nicht.»
«Somit wäre also, o Herr, der Schutztext nicht für alle von Nutzen.»
«Erhält denn wohl, o König, die Nahrung etwa alle Menschen am Leben?»
«Die einen wohl, o Herr, die anderen aber nicht.»
«Und warum nicht?»
«Wenn da zum Beispiel die einen zu viel essen, mögen sie am Durchfall sterben.»
«Somit erhält also die Nahrung, o König, nicht alle Menschen am Leben.»
«Zwei Umstände, o Herr, bewirken, daß die Nahrung das Leben gefährden mag: Überessen und Verdauungsschwäche. Somit mag also selbst die lebensspendende Nahrung, o Herr, durch verkehrten Gebrauch einem das Leben kosten.»
«Ebenso auch, o König, gewährt der Schutztext für die einen Schutz, für die anderen aber nicht. Drei Umstände sind es eben, o König, unter denen die Schutztexte keinen Schutz gewähren:
- Hemmung durch unheilsames Wirken (kamma),
- Hemmung durch geistige Trübungen (kilesa) und
- Mangel an Vertrauen.
Der Schutztext, o König, der sich sonst als ein Schutz für die Wesen erweist, verliert durch das was man selber (an Schlechtem) tut, seine schützende Wirkung. Es ist hiermit gerade so wie mit einer Mutter und ihrem Kind. Die Mutter ernährt das in ihrem Leibe befindliche Kind in aller Liebe, und mit größter Sorgfalt bringt sie es zur Welt. Nach seiner Geburt entfernt sie von ihm alle Unsauberkeit, Schmutz und Schleim und salbt es mit den besten und feinsten wohlriechenden Salben. Solche, die es schimpfen oder schlagen, schleppt sie erregten Herzens vor ihren Gatten. Wenn ihr Sohn aber späterhin unartig ist oder sich verspätet, so schlägt sie ihn mit einem Stock oder einem Prügel, stößt ihn mit dem Knie, versetzt ihm Hiebe mit der Hand. Wird man nun wohl deshalb der Mutter des Kindes Gewalt antun, sie packen und vor ihren Gatten bringen?»
«Das wohl nicht, o Herr.»
«Und warum nicht?»
«Weil ja der Knabe es selber verschuldet hat.»
«Ebenso auch, o König, wird der Schutztext, der sich sonst als Schutz für die Wesen erweist, durch eigene Übeltat unwirksam gemacht.»
«Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! Gut gelöst hast du das Problem, das Dickicht gelichtet, die Finsternis erhellt, entwirrt das Netz der Ansichten, du, der du der beste und edelste bist unter allen den Meistern.»
Mil. 4.2.5. Buddhas Almosenempfang - 4.2.5. Buddhalābhantarāyapañho
«Ihr sagt da, ehrwürdiger Nāgasena, daß der Vollendete reichlich beschenkt wurde mit den Bedarfsgegenständen, als wie Gewand, Almosen, Lagerstatt, Heilmittel und Arzneien. Andererseits aber behauptet ihr wieder, daß der Vollendete bei dem Almosengange in dem Brahmanendorfe Pañcasāla nichts erhielt und mit einer wie frisch gewaschenen Schale weiterziehen mußte. Wenn nun die erste Behauptung wirklich zutrifft, so muß die zweite eben falsch sein; trifft aber die zweite zu, so muß die erste falsch sein. Dies ist wieder ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle, ein äußerst gewichtiges, schwer zu durchdringendes. Das magst du mir nun lösen.»
«Beide Aussagen, o König, sind richtig. Daß der Vollendete jedoch dieses eine Mal mit leerer Almosenschale weiterziehen mußte, das war das Werk Māras, des Bösen.»
«So war wohl, ehrwürdiger Nāgasena, das vom Erhabenen während unzähliger Weltzeitalter aufgespeicherte Verdienst damals gerade zu Ende gelangt? Oder konnte wohl der erst kürzlich erschienene Māra, der Böse, die Ausdehnung der Macht und Wirksamkeit seines Verdienstes abschneiden? Es ergibt sich also in dieser Sache an beiden Stellen ein Vorwurf, nämlich der, daß entweder das Böse mächtiger sei als das Gute oder daß die Macht des Māra die Macht des Erleuchteten übertreffe. Somit wäre also der Gipfel eines Baumes schwerer als dessen Wurzel, und der Böse mächtiger als der von Tugend Erfüllte.»
«Nein, o König. Das Böse ist darum nicht mächtiger als das Gute, und auch ist
die Macht des Māra nicht größer als die des Erleuchteten. Übrigens wäre hier ein
Beispiel erwünscht. Nimm an, o König, ein Mann brächte zum König Honig oder eine
Honigscheibe oder irgend ein anderes Geschenk. Der Torwächter des Königs aber
spräche zu ihm:
«Nicht doch, o Herr. Von Neid erfüllt hätte zwar der Torwächter jene Gabe verhindert, doch könnte durch ein anderes Tor ein hunderttausendmal wertvolleres Geschenk zum Könige gelangen.»
«Ebenso auch, o König, brachte zwar Māra, der Böse, von Neid erfüllt, die brahmanischen Hausleute in Pañcasāla in seine Gewalt; viele tausende unter den anderen Geistern aber begaben sich, mit ambrosischer, himmlischer Speise versehen, zum Erhabenen, um seinem Körper Nahrung zuzuführen. Und dem Erhabenen huldigend, blieben sie mit gefalteten Händen stehen.»
«Das mag sein, ehrwürdiger Nāgasena. Leicht ist es wohl für den Erhabenen, den edelsten Menschen in der Welt, die vier Bedarfsgegenstände zu erlangen; ja, stets bloß auf die Bitten der Götter und Menschen hin machte er davon Gebrauch. Aber immerhin ist dem Māra insofern sein Plan geglückt, als er den Erhabenen um sein Essen brachte. Hierin ist mein Zweifel noch nicht gelöst, o Herr. Hierüber bin ich noch in Ungewissheit und hege Bedenken, denn mein Geist gefällt sich nicht in dem Gedanken, daß Māra auf so abscheuliche, niederträchtige, kleinliche, boshafte und unheilige Weise es verhinderte, daß man dem Vollendeten Almosen reichte, dem Heiligen, Vollkommen-Erleuchteten, dem Besten unter den Edelsten in aller Welt mitsamt der Götter, dem von erhabenen heilsamen und guten Eigenschaften Erfüllten, dem Unvergleichlichen, Beispiellosen, Unerreichten.»
«Vier Arten des Verhinderns gibt es, o König:
- Hinderung einer noch nicht versprochenen Gabe,
- Hinderung einer versprochenen Gabe,
- Hinderung einer vorbereiteten Gabe und
- Hinderung eines Genusses.
- Wenn zum Beispiel einer eine Gabenspende hindert, für die noch niemand
bestimmt und ausersehen wurde, etwa mit den Worten:
- so gilt dies als Hinderung einer noch nicht versprochenen Gabe. - Wenn man dagegen einen Menschen ausersehen und die für ihn bestimmte Speise vorbereitet hat, und ein anderer legt dem ein Hindernis in den Weg, so gilt dies als Hinderung einer versprochenen Gabe.
- Wenn da aber einer irgend eine Gabe verhindert, die vorbereitet aber noch nicht in Empfang genommen wurde, so gilt dies als Hinderung einer vorbereiteten Gabe.
- Und wenn da einer dem Gebrauche irgendwelcher empfangenen Gabe ein Hindernis in den Weg legt, so gilt dies als Hinderung eines Genusses.
Diese vier Arten des Verhinderns gibt es, o König. Damals aber, als Māra, der Böse, in die brahmanischen Hausleute von Pañcasāla gefahren war, wurde der Erhabene weder am Genusse einer Gabe gehindert, noch wurde einer für ihn zubereiteten oder versprochenen Gabe ein Hindernis in den Weg gelegt. Denn bevor noch irgend jemand herangekommen war, ohne daß schon irgend jemand da war oder ausersehen wurde, geschah die Hinderung. Diese aber galt nicht etwa bloß dem Erhabenen, sondern von allen denen, die zu jener Zeit ausgingen und dorthin kamen, erhielt an jenem Tage auch nicht ein einziger irgendwelche Nahrungsspende. Ich sehe nämlich niemanden, o König, in der Welt mitsamt der Götter, Māras und Brahmas noch unter der Schar der Asketen, Priester, Geister und Menschen, der etwas, was für jenen Erhabenen bestimmt oder vorbereitet ist, oder was der Erhabene gerade genießt, zu verderben imstande wäre. Denn wenn einer in seinem Neide dies wirklich zu tun vermöchte, so würde ihm sein Haupt in hundert und tausend Stücke zerspringen.
Folgende vier Dinge, o König, kann keiner dem Vollendeten rauben, nämlich:
- die für den Erhabenen bestimmte, vorbereitete Gabe,
- den sechs Fuß breiten von seinem Körper ausgehenden Lichtschein,
- den Wissensschatz und die Allweisheit des Erhabenen,
- das Leben des Erhabenen.
Diese vier Dinge, o König, kann keiner dem Vollendeten rauben. Diese Dinge, o König, sind alle gleich in ihrer Beschaffenheit, sie sind frei von Hinfälligkeit, unzerstörbar, nicht gefährdet durch andere, sind unversehrbar durch irgend welche Handlung. Ungesehen, o König, und heimlich fuhr Māra, der Böse, in die brahmanischen Hausleute von Pañcasāla. Wenn da zum Beispiel, o König, in einer unzugänglichen Gegend im Grenzlande ungesehen Räuber im Hinterhalte liegen und die Straßen unsicher machen und der König die Räuber zu Gesicht bekommen sollte, würde es da wohl jenen Räubern gut ergehen?»
«Gewiß nicht, o Herr. Mit einer Axt würde man sie in hundert und tausend Stücke zerspalten.»
«Ebenso auch, o König, fuhr Māra, der Böse, ungesehen und heimlich in die Brahmanen und Hausleute von Pañcasāla. Es möchte auch eine verheiratete Frau sich wohl ungesehen und heimlich mit einem anderen Manne abgeben. Wenn sie dies aber angesichts ihres Mannes tun möchte, würde es ihr da wohl gut ergehen?»
«Gewiß nicht, o Herr. Ihr Gatte möchte sie schlagen, umbringen, binden oder versklaven.»
«Ebenso auch, o König, fuhr Māra, der Böse, ungesehen und heimlich in die brahmanischen Hausleute von Pañcasāla. Hätte aber Māra, der Böse, irgend etwas, was für den Erhabenen bestimmt oder vorbereitet war, oder das der Erhabene gerade genoß, verhindert, so wäre ihm sein Haupt in hundert und tausend Stücke zersprungen.»
«So ist es, ehrwürdiger Nāgasena. Wie ein Dieb hat Māra, der Böse, gehandelt, denn ganz heimlich ist er in die brahmanischen Hausleute von Pañcasāla gefahren. Wenn er aber irgend etwas, das für den Erhabenen bestimmt oder vorbereitet war, oder das der Erhabene gerade genoß, verwehrt hätte, so wäre ihm sein Haupt in hundert und tausend Stücke zersprungen oder sein Körper wäre zerstoben wie eine Handvoll Streu. Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena, so ist es, und so nehme ich es an.»
Mil. 4.2.6. Unwissentliches Vergehen - 4.2.6. Apuññapañho
«Ihr sagt da, ehrwürdiger Nāgasena:
«Beide Aussprüche, o König, hat der Erhabene allerdings getan. Doch hat man in letzterem zweierlei Gesichtspunkte zu unterscheiden. Es gibt nämlich, o König, Vergehen (gegen die Ordensdisziplin), wo (gegenwärtiges) Unwissen freispricht und solche, wo es nicht freispricht. Und eben mit Beziehung auf die ersteren hat der Erhabene gesagt, daß bei Unwissenheit ein Vergehen nicht rechnet.»
«Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena. So ist es, und so nehme ich es an.»
Mil. 4.2.7. Die Leitung der Mönchsgemeinde - 4.2.7. Bhikkhusaṅghapariharaṇapañho
«Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, hat einst den Ausspruch getan:
«Beide Aussprüche, o König, hat zwar der Erhabene getan. In diesem Probleme
jedoch, o König, hat die eine Aussage einen begrenzten Sinn, die andere aber
einen unbegrenzten. Nicht, o König, läuft etwa der Vollendete den Anhängern
nach, sondern die Anhänger laufen dem Vollendeten nach. Der Ausdruck
«Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena. Gut gelöst hast du das Problem durch mancherlei Beispiele. Du hast dieses tiefsinnige Problem offenbar gemacht, den Knoten zerteilt, das Dickicht gelichtet, die Finsternis erhellt. Die Behauptungen der Gegner aber hast du zerschmettert und den Jüngern des Siegers die Augen geöffnet.»
Mil. 4.2.8. Unentzweibare Anhängerschaft - 4.2.8. Abhejjaparisapañho
«Ihr sagt da, ehrwürdiger Nāgasena, daß die Anhängerschaft des Vollendeten nicht entzweit werden könne. Andererseits aber sagt ihr, daß Devadatta auf einen Schlag fünfhundert Mönche abtrünnig machte. Wenn also die erste Aussage richtig ist, so muß eben die zweite falsch sein; ist aber die zweite richtig, so ist die erste falsch. Dies ist wiederum ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle, tiefsinnig, schwer zu enthüllen, verknüpfter denn ein Knoten. In diesem Punkte ist nämlich der Menschen Blick beschränkt, gehemmt, gehindert, verschlossen, gänzlich verhüllt. So beweise denn hier die Fähigkeit deiner Einsicht angesichts der Behauptungen der Gegner!»
«Die Anhängerschaft des Vollendeten, o König, kann nicht entzweit werden. Und doch hat Devadatta auf einen Schlag fünfhundert Mönche abtrünnig gemacht. Dies geschah aber bloß unter dem Einfluss dieses Zwiespaltstifters. Denn wo ein Zwiespaltstifter ist, da gibt es nichts, was nicht entzweit werden könnte. Da entzweit sich gar die Mutter mit ihrem Sohne, der Sohn mit seiner Mutter, der Vater mit seinem Sohne, der Sohn mit seinem Vater. Da entzweit sich Bruder mit Schwester, Schwester mit Bruder, Freund mit Freund. Auch ein aus vielerlei Hölzern gezimmertes Schiff muß infolge der Gewalt und des Anpralles der Wogen zerschellen. Und ein mit nektargleichen, reifen Früchten beladener Baum muß brechen, wenn er gerüttelt wird unter dem Einfluss und der Gewalt des Sturmes. Ja, selbst das feinste Gold zerbricht unter dem Einfluss des Erzes. Aber dennoch, o König, ist es nicht die Absicht der Verständigen, hat nicht die Zustimmung der Erleuchteten, ist nicht der Wunsch der Weisen, daß die Anhängerschaft des Vollendeten entzweit werden könne. Denn es gibt einen gewissen Grund, weshalb man die Anhängerschaft des Vollendeten unentzweibar nennt. Man hat nämlich noch nie davon gehört, daß irgendwie durch das Verhalten des Vollendeten - sei es durch Mangel an Freigebigkeit, freundlichen Worten, wohlwollendem Benehmen oder Unparteilichkeit - seine Anhängerschaft entzweit wurde. In diesem Sinne eben heißt es, daß die Anhängerschaft des Vollendeten unentzweibar ist. Und es dürfte dir, o König, auch dies bekannt sein, ob es irgendwo im neungliedrigen Buddha-Wort einen Lehrtext (Sutta) gibt, wonach durch das von einem Anwärter auf die Buddhaschaft (Bodhisatta) Getane des Vollendeten Anhängerschaft entzweit worden wäre.»
«Eine solche Stelle findet sich nicht, o Herr. Davon hat man in aller Welt noch nichts gesehen oder gehört. Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena. Es ist so. Ich gebe es zu.»
Milindapañha 4.3.1-4.3.11
3. Kapitel - 3. Paṇāmita Vagga
Mil. 4.3.1. Die Verehrungswürdigkeit des Mönchsstandes - 4.3.1. Seṭṭhadhammapañho
«Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, hat den Ausspruch getan:
«Beides, o König, hat seine Richtigkeit. Das aber hat seinen Grund. Es gibt nämlich, o König, zwanzig Eigenschaften und zwei äußere Kennzeichen, die einen zum Asketen machen und zufolge deren der Asket es verdient, daß man ihn ehrfurchtsvoll begrüßt, sich vor ihm erhebt und ihm Achtung und Ehre erweist. Und welche sind diese?
Die beste Art der Zügelung, höchste Selbstbeherrschung, rechter Wandel, rechtes Verweilen (vihāra), Zurückhaltung, Zügelung der Sinne, Geduld, Liebenswürdigkeit, Pflege der Einsamkeit, Gefallen an Einsamkeit, Abgeschiedenheit, Schamgefühl und sittliche Scheu, Tatkraft, Unermüdlichkeit, das Aufsichnehmen der geistigen Übung, Studium, Befragung über die Lehre, Freude an Sittlichkeit, Sammlung und Weisheit, Begehrlosigkeit, Erfüllung der Sittenregeln, sowie das Tragen des fahlen Gewandes und das Geschorensein. Diese Eigenschaften eignet sich der Mönch an und wenn ihm keines dieser Dinge fehlt und er darin vollkommen ist, sie besitzt und mit ihnen ausgerüstet ist, dann betritt er das Gebiet eines «Schulungsledigen» (asekha), eines Vollkommen-Heiligen, betritt er das höchste aller Bereiche.
Weil nun ein Mönch gleichsam in die Nähe der Heiligkeit gegangen, ist es auch für einen in den Strom (zur Heiligkeit) eingetretenen Laienanhänger angebracht, einen Mönch, sei dieser auch nur ein Weltling, ehrfurchtsvoll zu begrüßen und sich vor ihm zu erheben.
Und er soll dies auch tun, weil der Mönch in die Gemeinschaft der Triebbefreiten eingetreten ist, während er selber diese Gelegenheit nicht hatte;
weil der Mönch sich der Schar der Edelsten anschloß, ihm selber aber diese Möglichkeit sich nicht bot;
weil der Mönch den Vortrag der Ordenssatzung hören kann, er selber aber nicht;
weil der Mönch andere als Novizen oder voll ordinierte Mönche aufnehmen und so die Religion des Meisters verbreiten kann, während er selber dies nicht zu tun vermag;
weil der Mönch sich auch in den geringsten Übungsregeln vervollkommnet, er selber aber mit diesen nicht befaßt ist;
weil der Mönch die Kennzeichen eines Asketen trägt, gemäß der Absicht des Erleuchteten, während er selber davon weit entfernt ist;
weil der Mönch, mit langen Haaren in der Achselhöhle und ungepflegt und ungeschmückt, doch vom Tugendduft umgeben ist, er selber aber noch an Schmuck und Zierat Gefallen findet;
weil ferner alle diese zum Asketen gehörigen zwanzig Tugenden und zwei äußere Kennzeichen nur in einem Mönche angetroffen werden und nur der Mönch diese Eigenschaften besitzt und andere darin unterweist, er selber aber an solcher Disziplin und am Unterweisen keinen Anteil hat, -
deshalb eben hat selbst der in den Strom eingetretene Laienanhänger einen Mönch, sei dieser auch nur ein Weltling, ehrfurchtsvoll zu begrüßen und sich vor ihm zu erheben.
Gleichwie nämlich, o König, ein königlicher Prinz, der bei seinem Hauspriester die Wissenschaften und Pflichten eines Adeligen erlernt hat, noch in späteren Jahren, selbst wenn er bereits gekrönt ist, seinem Lehrer ehrfurchtsvollen Gruß darbietet und sich vor ihm erhebt, weil er ihn eben als seinen Lehrer betrachtet: ebenso auch, o König, hat selbst der in den Strom eingetretene Laienanhänger einen Mönch - und sei dieser auch nur ein Weltling - ehrfurchtsvoll zu begrüßen und sich vor ihm zu erheben, denn dieser ist der Lehrer und Erhalter der Überlieferung.
Aber auch aus folgender Tatsache, o König, magst du die Größe und unvergleichliche Erhabenheit des Mönchstandes ersehen. Wenn da nämlich, o König, ein in den Strom eingetretener Laienanhänger die Vollkommene Heiligkeit verwirklicht, so bleiben ihm bloß zwei Wege offen, kein anderer: entweder er stirbt noch an eben demselben Tage, oder aber er tritt in den Mönchstand ein. Denn der Gang in die Hauslosigkeit, nämlich der Mönchstand, o König, ist etwas Unerschütterliches, Gewaltiges und äußerst Erhabenes.»
«Dieses tiefsinnige Problem, ehrwürdiger Nāgasena, hast du trefflich gelöst, du mächtiger, hoher Weiser. Und kein anderer wäre imstande gewesen, auf eine solche Weise dieses Problem zu lösen, sei er denn selber so weise wie du.»
Mil. 4.3.2. Buddhas Wohlwollen - 4.3.2. Sabbasattahitapharaṇapañho
«Ihr behauptet da, ehrwürdiger Nāgasena, daß der Vollendete von allen Wesen das Unheilsame fernhielt und sie mit dem Heilsamen versah. Andererseits aber sagt ihr, daß während der Darlegung des Feuergleichnisses (A.VII.68) sechzig Mönchen das heiße Blut aus dem Munde quoll. Durch diesen Vortrag, o Herr, hielt der Vollendete von den Wesen doch gerade das Heilsame ab und brachte ihnen Unheil. Ist demnach die erste Behauptung richtig, so ist die zweite falsch; ist aber die zweite Behauptung richtig, dann muß die erste falsch sein. Dies ist wiederum ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle und das du mir zu lösen hast.»
«Beide Aussagen, o König, treffen zu. Doch geschah es nicht durch eine Handlung des Vollendeten, sondern bloß zufolge der eigenen Taten jener Mönche, daß ihnen das Blut aus dem Munde quoll.»
«Wenn nun aber, ehrwürdiger Nāgasena, der Vollendete nicht diesen Lehrvortrag gehalten hätte, wäre da wohl den Mönchen das heiße Blut aus dem Munde gequollen?»
«Gewiß nicht, o König. Doch wegen ihres schlechten Lebenswandels befiel sie beim Hören des Lehrvortrags ein Fieber im Körper und infolge dieses Fiebers quoll ihnen das heiße Blut aus dem Munde.»
«So geschah es also dennoch, o Herr, infolge der Handlung des Vollendeten, daß ihnen das heiße Blut aus dem Munde quoll, und der Vollendete war eben der Hauptgrund zu ihrem Verderben. Gesetzt, ehrwürdiger Nāgasena, eine Schlange kriecht in einen Termitenhaufen und ein Mann, der nach Lehmerde sucht, zerbricht denselben und nimmt sich den Lehm. Beim Nehmen des Lehmes aber verstopft sich das Loch des Termitenhaufens, und jene Schlange bekommt keine Luft mehr und geht zugrunde. Ist da nicht wohl, o Herr, die Schlange infolge der Handlung dieses Mannes umgekommen?»
«Gewiß, o König.»
«Ebenso aber auch, ehrwürdiger Nāgasena, war der Vollendete der Hauptgrund, daß jene Mönche zu Fall kamen.»
«Der Vollendete, o König, wies die Lehre, ohne irgendwelche Zuneigung oder Abneigung an den Tag zu legen. Frei von Zuneigung und Abneigung legte er die Lehre dar. Diejenigen unter den Hörern dieses Lehrvortrages, die einen guten Lebenswandel geführt hatten, gelangten zur Erkenntnis; diejenigen aber, die einen schlechten gehabt hatten, kamen zu Fall.
Gerade wie etwa, wenn ein Mann einen Mango-, Rosenapfel- oder Honig-Baum schüttelt, die gesunden, festhängenden Früchte noch daran bleiben ohne herabzufallen, während die lose hängenden Früchte, deren Stengel an einem Ende abgefault sind, zu Boden fallen. Oder wie ein Bauer, der Korn säen will, sein Feld pflügt und dabei viele hunderte und tausende von Gräsern umkommen: ebenso auch, o König, legte der Vollendete, während er die geistig reifen Wesen belehrte, frei von Zuneigung und Abneigung die Wahrheit dar, und während seiner Darlegung gelangten die gut Wandelnden zur Erkenntnis, während die schlecht Wandelnden wie die Gräser umkamen. Oder gleichwie, o König, wenn die Menschen zur Gewinnung von Zuckersaft das Zuckerrohr in einer Mühle pressen und die dabei in die Öffnung der Mühle geratenen Insekten zermalmt werden: ebenso auch, o König, drehte der Vollendete, während er die geistig reifen Wesen belehrte, die Wahrheitsmühle, und dabei kamen die schlecht Wandelnden wie die Insekten um.»
«Jene Mönche, ehrwürdiger Nāgasena, sind also doch wohl infolge jenes Lehrvortrages zu Fall gekommen.»
«Kann denn wohl, o König, ein Zimmermann einen Baumstamm gerade und glatt machen, wenn er ihn unangetastet liegen läßt?»
«Nein, o Herr. Dadurch, daß er die schlechten Stellen entfernt, macht er den Baumstamm gerade und glatt.»
«Ebenso auch, o König, kann der Vollendete, wenn er die Menschen unangetastet läßt, die erkenntnisfähigen Wesen nicht belehren. Sondern nur dadurch, daß er diejenigen mit schlechtem Wandel entfernt, kann er die erkenntnisfähigen Wesen zur Erkenntnis führen. Also durch ihre eigene Handlung, o König, kamen jene schlecht Wandelnden zu Falle.
Oder wie, o König, sowohl der Pisang als auch der Bambus als auch der Maulesel infolge ihrer eigenen Frucht zugrunde gehen: ebenso auch, o König, richten sich Menschen schlechten Wandels durch ihre eigenen Taten zugrunde und kommen um.
Oder gleichwie, o König, die Räuber infolge ihrer eigenen Taten sich die Blendung, die Pfählung und die Enthauptung selber zuziehen: ebenso auch, o König, gehen die Übelgesinnten infolge ihrer eigenen Taten zugrunde und fallen ab von der Lehre des Siegers. Daß also den sechzig Mönchen das heiße Blut aus dem Munde quoll, geschah weder infolge einer Handlung des Erhabenen noch infolge der Taten eines anderen, sondern war eben bloß eine Folge ihrer eigenen Taten.
Nimm an, o König, einer verabreichte aller Welt den Unsterblichkeitstrank, und diejenigen, die davon genössen, würden gesund, langlebig und von jedem Siechtum befreit, während einer unter ihnen durch dessen Mißbrauch beim Genusse sich den Tod zuzöge. Würde wohl deshalb, o König, jenen Spender des Unsterblichkeitstrankes irgendwelche Schuld treffen?»
«Gewiß nicht, o Herr.»
«Ebenso auch, o König, spendete der Vollendete den Menschen und Göttern des zehntausendfachen Weltsystems die unsterbliche Gabe der Wahrheit, so daß die Fähigen unter ihnen durch den Unsterblichkeitstrank der Wahrheit zur Erkenntnis gelangten, während die Unfähigen daran zugrunde gingen und erlagen. Die Nahrung, o König, ist zwar dasjenige, was alle Menschen am Leben erhält. Doch kommt es vor, daß einige nach ihrem Genusse an der Ruhr sterben. Trifft aber wohl deshalb den Spender der Speise irgendwelche Schuld?»
«Gewiß nicht, o Herr.»
«Ebenso auch, o König, spendete der Vollendete den Menschen und Göttern des zehntausendfachen Weltsystems die unsterbliche Gabe der Wahrheit, so daß die Fähigen unter ihnen durch den Unsterblichkeitstrank der Wahrheit zur Erkenntnis gelangten, während die Unfähigen daran zugrunde gingen und erlagen.»
«Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an.»
? 4.3.3. Vatthaguyhanidassanapañho
Mil. 4.3.3. Buddhas harte Worte - 4.3.4. Pharusavācābhāvapañho
«Der Ordensältere Sāriputta, o Herr, der Heerführer der Lehre, hat einstmals
folgenden Ausspruch getan:
[Das hier erwähnte erste «mit Ausstoßung verbundene Ordensvergehen» (pārājikā, wörtl.: «Niederlage») ist der Geschlechtsakt. Der Fall des Mönches Sudinna findet sich in dem dieses Vergehen behandelnden ersten Teil des Sutta-Vibhanga (Vinaya-Pitaka). Dort wird allerdings nicht erwähnt, daß Sudinna nach des Buddha strengen Worten «Furcht und Gewissensbisse» empfand, obwohl es psychologisch wahrscheinlich ist, daß sich in ihm die schon vorher empfundene Reue verstärkt hatte. Formell gesehen hatte er, wie die Kommentare bemerken, noch keine Ordensregel gebrochen, da die hierauf bezügliche erst durch seinen Fall veranlaßt wurde.]
Wenn nun der Vollendete wirklich ein lauteres Benehmen in Worten hatte, so muß diese letztere Behauptung falsch sein. Ist diese aber richtig, dann ist eben die erstere falsch. Auch dies ist wiederum ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle und das du mir nun lösen magst.»
«Beide Aussagen sind richtig, o König. Daß jedoch der Vollendete harte Worte gebrauchte, geschah nicht etwa erbosten Herzens oder aus Wut, sondern bloß um eine Tatsache festzustellen. Denn wer da, o König, in diesem Leben, die vier Wahrheiten nicht durchdringt, dessen Menschsein gilt eben als nichtig. Und was ein solcher auch immer unternimmt, das fällt stets anders aus. Deshalb heißt man ihn eben einen nichtigen Menschen. Somit hat also, o König, der Erhabene den Ehrwürdigen Sudinna, den Kalander, mit einem zutreffenden Wort angeredet, nicht mit einem unwahren.»
«Wenn aber, o Herr, jemand Tatsachen mit Schimpfworten vorbringt, so belegen wir ihn dennoch mit einem Groschen Strafe. Denn er macht sich schuldig, wenn er aus irgendeinem Anlaß die normale Sprechweise verläßt und ins Schimpfen gerät.»
«Hast du wohl schon jemals gehört, o König, daß man einen Verbrecher ehrfurchtsvoll begrüßt, sich vor ihm erhebt, ihm Achtung erweist und Geschenke darbringt?»
«Gewiß nicht, o Herr. Wie und wo auch immer ein Mensch ein Verbrechen begangen hat, da verdient er Tadel und Vorwurf. Und man enthauptet, foltert, bindet oder tötet ihn oder zieht ihm seine Güter ein.»
«Somit hat also der Erhabene, o König, etwas Rechtes getan und nichts Unrechtes.»
«Auch wenn jemand, ehrwürdiger Nāgasena, etwas Rechtes tut, hat er es auf
eine rechte und angemessene Weise zu tun. Daher, o Herr, werden die Menschen
samt den Göttern, selbst wenn sie nur von einem
«Möchte wohl, o König, wenn bei einem Kranken der ganze Organismus angegriffen ist und alle Säfte erregt sind, ein Arzt milde Arzneien verschreiben?»
«Nein, o Herr. Da der Arzt auf seine Gesundheit bedacht ist, verschreibt er dem Kranken scharfe, einschneidende Arzneien.»
«Ebenso auch, o König, gibt der Vollendete seine Unterweisung zur Stillung aller Übel der Leidenschaften. Auch selbst die scharfen Worte des Vollendeten, o König, machen die Wesen sanft und mild. Gleichwie etwa, o König, selbst das kochende Wasser einen zu erweichenden Gegenstand biegsam und weich macht: ebenso auch, o König, waren selbst die harten Worte des Vollendeten segensreich und voll von Mitleid. Oder gleichwie, o König, die Worte eines Vaters zu seinen Kindern segensreich und voll von Mitleid sind: ebenso auch, o König, waren selbst die harten Worte des Vollendeten segensreich und voll von Mitleid. Ja, auch die harten Worte des Vollendeten, o König, führen die Wesen zur Überwindung ihrer Leidenschaften. Gleichwie nämlich, o König, selbst durch das Trinken des übelriechenden Rinderurins oder das Einnehmen widerlich schmeckender Arzneien der Wesen Leiden geheilt werden mögen: ebenso auch, o König, waren selbst die harten Worte des Vollendeten segensreich und voll von Mitleid. Oder gleichwie, o König, selbst ein großer Knäuel Baumwolle, der jemandem auf den Körper fällt, keine Schmerzen hervorruft: ebenso auch, o König, gereichen selbst die harten Worte des Vollendeten keinem zum Leiden.»
«Gut gelöst, o Herr, hast du das Problem mit Hilfe vielartiger Beweisgründe. Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena. So ist es, und so nehme ich es an.»
[Rinderurin gilt in ganz Indien seit Jahrtausenden als eine wirksame Arznei. Es dürfte wohl hauptsächlich der Gehalt an Harnstoff sein - der auch in der europäischen medizinischen Wissenschaft eine große Rolle spielt - dem man die mitunter geradezu wunderwirkende Heilkraft des Urins zuzuschreiben hat. In Angereihter Sammlung, Vierer-Buch, Nr. 27, heißt es: «Fauler Rinderurin, ihr Jünger, ist unter den Arzneien unscheinbar, ist leicht zu erlangen und ist untadelhaft.»]
Mil. 4.3.4. Der redende Baum - 4.3.5. Rukkhaacetanābhāvapañho
(Dieser Abschnitt ist der ersten Auflage von 1914 entnommen. Ist in der 2. Auflage von 1985 nicht enthalten. WG)
"Der Vollendete, ehrwürdiger Nāgaseno, hat folgenden Ausspruch getan:
,Der du stets rüstig, stark und wohlgemut Und selber doch Verstand besitzest, Was fragst, Brahmane du den tauben Baum, Der weder Wissen noch Bewußtsein hat?
"An einer anderen Stelle dagegen heißt es:
,Darauf nun sprach der Espenbaum Und gab die Antwort ihm zurück:- ,Auch mir die Sprache eigen ist; So, Bhāradvājo, hör’ mich an!’
"Wenn, ehrwürdiger Nāgaseno, ein Baum ohne Bewußtsein ist, so ist die Behauptung, daß der Espenbaum zu Bhāradvājo gesprochen habe, eben falsch. Hat aber der Espenbaum wirklich zu Bhāradvājo gesprochen, dann muss die Behauptung, daß der Baum ohne Bewußtsein sei, falsch sein. Auch dies ist wiederum ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle und das du nun zu lösen hast." "Wohl hat, o König, der Erhabene den Baum als bewußtlos bezeichnet, und dennoch hat der Espenbaum zu Bhāradvājo gesprochen. Doch diese letzteren Worte sind nur im Sinne einer landläufigen Ausdrucksweise gebraucht, denn ein bewußt-loser Baum kann nicht reden, o König. Der Baum ist nämlich hierbei bloß eine Bezeichnung der auf ihm lebenden Gottheit. Wenn es also heißt, daß der Baum spreche, so ist dies bloß ein landläufiger Ausdruck. Es nennt ja auch das Volk einen mit Getreide beladenen Wagen einen Getreidewagen - obzwar der Wagen doch keineswegs aus Getreide sondern aus Holz besteht - eben weil derselbe mit Getreide beladen ist. Oder wenn jemand Milch schlägt, sagt man, daß er Butter schlage, obzwar es doch keine Butter ist, die er schlägt, sondern Milch. Oder wenn jemand etwas herstellen will - das also doch noch gar nicht da ist - und man sagt, daß er etwas noch nicht Daseiendes herstelle, also etwas Nichthergestelltes als etwas Hergestelltes bezeichnet, so ist dies eben bloß eine landläufige Ausdrucksweise. -
Ebenso auch, o König, kann ein Baum nicht reden, da er ohne Bewußtsein ist. Und der Baum ist hier bloß eine Bezeichnung der in ihm hausenden Gottheit. Wenn es also heißt, daß der Baum redet, so ist dies bloß eine landläufige Ausdrucksweise. Selbst bei Darlegung der Lehre machte der Erhabene Gebrauch von jener landläufigen Ausdrucksweise, deren sich das Volk im Verkehre miteinander bedient." "Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgaseno. So ist es, und so nehme ich es an."
Mil. 4.3.5. Buddhas letztes Mahl - 4.3.6. Piṇḍapātamahapphalapañho
«Von den Ordensälteren, o Herr, die die Rezitation der Lehre vornahmen (*), wurde folgendes vorgetragen:
Als Cundas Mahl beendet war,
Des Kupferschmieds - so hörte ich
Da wurd’ der Buddha plötzlich krank,
Und heftig litt er tödliche Schmerzen.
(*) [Das hier gemeinte erste Konzil (sangīti, wörtl. Rezitation) soll zu Rājagaha, unmittelbar nach des Buddhas Tode, von fünfhundert Vollkommen-Heiligen abgehalten worden sein, die unter dem Vorsitze des Ordensälteren Mahākassapa die jetzt in den Sammlungen der Ordensdisziplin und der Lehrreden (Vinaya- und Sutta-Pitaka) vorliegenden Texte vortrugen.]
Andererseits aber sagte der Erhabene:
Wenn nun, ehrwürdiger Nāgasena, nach dem Mahle des Cunda im Erhabenen wirklich eine heftige Krankheit ausbrach und starke tödliche Schmerzen sich einstellten, dann muß doch diese letzte Behauptung falsch sein. Sollte vielleicht gar, ehrwürdiger Nāgasena, jene letzte Almosenspende deshalb verdienstvoller sein, weil sie Giftiges enthielt, Krankheit erzeugte, lebensvernichtend wirkte und den Erhabenen das Leben kostete? Begründe mir denn diese Sache zur Überführung der Gegner. Denn die Leute denken törichterweise, daß diese Ruhr durch Überessen, also durch Gier, verursacht wurde. Dieses zweischneidige Problem sei dir gestellt. So löse es denn.»
«Die Ordensälteren haben tatsächlich jene erste Aussage gemacht. Und dennoch hat der Erhabene beide Almosenspenden gleichgestellt: diejenige vor seiner Erleuchtung und sein letztes Mahl. Diese letzte Almosenspende nämlich besaß viele Vorzüge und brachte mancherlei Segen. Erfreut und frohen Geistes, o König, flößten die Gottheiten himmlischen Saft in das Gericht Eberpilze, da sie wußten, daß dies des Erhabenen letztes Mahl war. Und jenes Gericht war völlig gar gekocht, lecker, äußerst schmackhaft und leicht verdaulich für den Magen. Nicht etwa wegen dieser Speise, o König, ist im Erhabenen die zuvor noch nicht bestehende Krankheit ausgebrochen, sondern nur, weil der Körper des Erhabenen schon an und für sich schwach und seine Lebenskraft gewichen war, konnte die ausgebrochene Krankheit sich stärker entwickeln. Gerade wie etwa ein gewöhnliches Feuer stärker brennt, sobald man frischen Brennstoff auflegt - oder wie ein gewöhnlicher Strom bei starkem Regen mächtig anschwillt und überfließt - oder auch wie einem der Leib von normalem Körperumfang bei neuer Nahrungszufuhr noch dicker anschwillt. So auch, o König, konnte sich die Krankheit des Erhabenen nur deshalb stärker entwickeln, weil sie in einem schon an und für sich schwachen Körper entstand, in dem die Lebenskraft bereits erschöpft war. Die Schuld liegt also nicht an jener Almosenspende, o König. Ihr kann man keinerlei Schuld zuschreiben.»
«Aus welchem Grunde, ehrwürdiger Nāgasena, zeitigen nun aber jene beiden Almosenspenden genau die gleichen Früchte, die gleiche Wirkung und sind bei weitem verdienstvoller als alle die anderen Almosenspeisen?»
«Wegen der damit verbundenen Erreichung des Eintritts in geistige Zustände.»
«Welcher geistigen Zustände, o Herr?»
«Wegen des fortschreitenden und rückschreitenden Eintretens in die Folge der neun meditativen Erreichungszustände.»
(anupubba-vihāra-samāpatti, die Folge dieser neun Erreichungszustände besteht aus den vier feinkörperlichen und den vier unkörperlichen Vertiefungen, jhāna, sowie dem Zustand der Erlöschung von Gefühl und Wahrnehmung, s. nirodha-samāpatti)
«Geschah denn solches, o Herr, bloß an diesen beiden Tagen in einem erhöhten Maße?»
«Ja, o König.»
«Wunderbar ist es, ehrwürdiger Nāgasena, unglaublich ist es, daß selbst die unvergleichlich erhabenste Gabe an den Buddha mit diesen beiden Almosenspenden sich nicht vergleichen läßt. Wunderbar ist es, o Herr, unglaublich ist es, wie gewaltig die Erreichungen der neun meditativen Folgezustände sind, insofern nämlich dadurch einer Gabe um so höhere Frucht und höherer Segen beschieden ist. Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena. So ist es, und so nehme ich es an.»
Mil. 4.3.6. Reliquienverehrung - 4.3.7. Buddhapūjanapañho
«Der Vollendete, o Herr, hat einst gesagt
Verehrt die Körperreste dessen,
Dem ihr Verehrung schuldet,
Denn solche Tat führt euch
Von hier hinauf zur Himmelswelt.
Wenn also die erste Behauptung richtig ist, dann muß die zweite falsch sein. Ist aber die zweite Behauptung richtig, so ist eben die erste falsch. Dies ist wiederum ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle und das du nun zu lösen hast.»
«Beide Aussprüche, o König, hat wohl der Erhabene getan. Doch nicht für alle,
sondern nur mit Bezug auf die Jünger des Siegreichen - die Mönche - hat der
Erhabene den Ausspruch getan:
Die königlichen Prinzen in aller Welt haben sich abzugeben mit Elefanten, Pferden, Wagen, Bogen und Schwertern, müssen das Schreiben und die Zeichensprache erlernen, sich bekannt machen mit der Staatsverwaltung, sowie den Traditionen und Konventionen der Adligen, sie haben auch zu kämpfen und Kriege zu führen; während Ackerbau, Handel und Viehzucht die Aufgabe ist für die übrige große Masse aus der Bürger- und Dienerkaste. Ebenso wenig wie dies ist (kultische) Verehrung eine Tätigkeit für Mönche.
Die Brahmanenjünglinge wiederum haben die Pflicht, sich bekannt zu machen mit dem Rigveda, Yajurveda, Sāmaveda und Atharvaveda, mit den Körpermerkmalen, den Volkssagen, den Purānas, dem Wörterverzeichnis, der Dichtkunst, Wortzergliederungslehre, Lautlehre, Grammatik, Etymologie, der Deutung von Omen, Träumen und Zeichen, mit den sechs Hilfsbüchern der Veden, der Sonnen- und Mondfinsternis, mit dem Fluge der Kometen, der Opposition von Mond und Planeten, dem Donnern der Götter, den Konjunktionen, dem Fallen von Sternschnuppen, dem Erdbeben, dem Wetterleuchten, mit irdischen und himmlischen (Vorzeichen), Astronomie, Naturphilosophie, der (astrologischen) Hund-Runde, Wild-Runde und Zwischen-Runde, (sā-cakka miga-cakka antara-cakka, der letztgenannte Begriff stammt aus der indischen Astrologie und dies dürfte daher auch für die beiden vorhergehenden zutreffen, die Wiedergabe von cakka mit «Runde» ist unsicher) mit gemischten Omen und mit dem Zwitschern und Schreien der Vögel. Die übrige große Masse aus der Bürger- und Dienerkaste aber hat sich mit Ackerbau, Handel und Viehzucht zu beschäftigen.
In derselben Weise nun aber auch, o König, ist das Darbringen von
(kultischer) Verehrung keine Beschäftigung für Mönche. Das Erfassen aller
Daseinsgebilde, weise Erwägung, Betrachtung der
«Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena. So ist es, und so nehme ich es an.»
Mil. 4.3.7. Buddhas Verletzung - 4.3.8. Pādasakalikāhatapañho
«Ihr behauptet da, ehrwürdiger Nāgasena: Wenn der Vollendete über diese bewußtlose Erde dahin schreitet, so bewirkt dieselbe, daß die Versenkungen sich heben und die Erhebungen sich senken. Andererseits aber behauptet ihr, daß der Erhabene von einem Steinsplitter am Fuße verletzt wurde. Warum konnte denn jener Steinsplitter, der den Erhabenen auf den Fuß traf, nicht ebenso gut von seinem Fuß abgeleitet werden? Wenn also die erste Behauptung richtig ist, so muß diese zweite Behauptung falsch sein. Ist diese aber richtig, so ist die erstere falsch. Dies ist wiederum ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle und das du nun zu lösen hast.»
«Beide Behauptungen treffen zu, o König. Doch ist jener Steinsplitter nicht etwa aus eigenem Antrieb herabgefallen, sondern durch den Eingriff Devadattas. Devadatta nämlich hegte durch viele hunderttausende von Geburten hindurch Haß gegen den Vollendeten. Und von jenem Haß erfüllt, nahm er einen mächtigen, schweren Steinblock in der Größe eines Giebelhauses und ließ ihn (den Berg) hinabrollen, damit er auf das Haupt des Vollendeten falle. Aber zwei andere Felsen erhoben sich aus der Erde und fingen jenen Steinblock auf, und infolge ihres Zusammenpralles sprang von dem Steinblock ein Splitter ab, und indem dieser hier und dorthin flog, traf er auch auf den Fuß des Erhabenen.»
«Gerade aber, ehrwürdiger Nāgasena, wie die beiden Felsen den Steinblock auffangen konnten, ebensogut hätte doch auch wohl der Steinsplitter aufgefangen werden können.»
«Auch aufgefangen mag etwas immerhin noch durchschlüpfen, entgleiten und entgehen. So mögen zum Beispiel Milch, Buttermilch, Honig, ausgelassene Butter, Fisch- oder Fleischbrühe, wenn man sie mit der Hand schöpft, wieder zwischen den Fingern durchsickern. Oder wenn man feinen, staubartigen Sand in der geschlossenen Hand hält, mag er zwischen den Fingern wieder durchrinnen. Oder von einer Handvoll Reis, die man in den Mund gesteckt hat, mag etwas wieder herausfallen. Genau so, o König, sprang infolge des Zusammenpralles des Steinblockes mit den beiden Felsen - die, um ihn aufzufangen, zusammengetroffen waren - ein Steinsplitter ab, und indem dieser hier und dorthin flog, traf er auf den Fuß des Erhabenen.»
«Gut, ehrwürdiger Nāgasena, es sei zugegeben, daß der Steinblock von den beiden Felsen aufgefangen wurde. Doch hätte der Steinsplitter dem Erhabenen nicht ebensogut Achtung erweisen können wie die Erde?»
«Folgende zwölf, o König, kennen keine Ehrfurcht, und zwar:
- der Begierige in seiner Gier,
- der Gehässige in seinem Hasse,
- der Betörte in seiner Torheit,
- der Aufgeblasene in seinem Dünkel,
- der Tugendlose in seiner Unedelkeit,
- der Hartnäckige in seiner Unbeugsamkeit,
- der Niedrige in seiner Niedrigkeit,
- ein Diener weil er nicht Meister ist,
- der Selbstsüchtige in seinem Geize,
- der Bedrückte in seiner Rachsucht,
- der Habsüchtige beherrscht von seiner Habsucht,
- der Besitz Anhäufende weil er auf seinen Vorteil bedacht ist.
Diese Zwölf, o König, kennen keine Ehrfurcht.
Jener Steinsplitter aber, der infolge des Zusammenpralles absprang, flog ganz unbestimmt in irgend eine Richtung und traf dabei den Erhabenen auf den Fuß, gleichwie etwa auch ganz feiner, dünner Staub, vom Winde fortgeweht, ganz unbestimmt in irgend einer Richtung zerstiebt. Wenn jener Steinsplitter, o König, sich nicht von dem Steinblock losgelöst hätte, so hätten auch ihn jene beiden emporragenden Felsen aufgefangen. Doch jener, Steinsplitter, o König, hatte weder am Boden noch in der Luft einen Halt und fiel, nachdem er durch die Gewalt des Anpralles abgesprungen war, ganz unbestimmt in irgend eine Richtung, wobei er den Erhabenen auf den Fuß traf, gleichwie etwa ein durch einen Wirbelwind aufgewehtes Blatt ganz unbestimmt in irgend eine Richtung fliegt. Ja, o König, nur zum Leiden gereichte es dem undankbaren, unedlen Devadatta, daß jener Steinsplitter den Erhabenen auf den Fuß traf.»
«Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena. So ist es, und so nehme ich es an.»
Mil. 4.3.8. Der wahre Asket - 4.3.9. Aggaggasamaṇapañho
«Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, hat gesagt:
Wem vier Bedingungen zu eigen sind,
Ja, der wird in der Welt Asket genannt.
Diese vier Bedingungen aber sind:
- Geduld,
- Mäßigkeit beim Mahle,
- Entsagung der Lust und
- innere Ledigung (ākiñcaññam).
Alle diese Eigenschaften aber mag auch einer besitzen, der noch nicht von den Trieben frei, also noch mit geistigen Trübungen behaftet ist. Wenn man somit, ehrwürdiger Nāgasena, erst nach dem Schwinden der Triebe zum Asketen wird, dann muß die Behauptung, daß nur der mit den vier Bedingungen Ausgerüstete ein Asket sei, eben falsch sein. Gilt aber nur der mit den vier Bedingungen Ausgerüstete als Asket, dann ist eben jene Behauptung falsch, daß man erst nach dem Schwinden der Triebe zum Asketen wird. Dies ist wiederum ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle und das du nun zu lösen hast.»
«Beide Aussagen, o König, hat der Erhabene wohl getan. Wenn er jedoch gesagt hat, daß man durch diese vier Eigenschaften zum Asketen wird, so hat er es nur mit Hinsicht auf gewisse Menschen gesagt. Die Behauptung aber, daß man nach dem Schwinden der Triebe zum Asketen wird, ist eine allumfassende Aussage. Denn wenn man alle die um Überwindung der geistigen Trübungen Kämpfenden der Reihe nach miteinander vergleicht, so gilt derjenige Asket als der beste, in dem die Triebe geschwunden sind. Auch unter den auf der Erde oder im Wasser wachsenden Blumen gilt der Jasmin als die beste; alle die übrigen zahlreichen Blumenarten gelten eben einfach als Blumen. Unter ihnen nämlich ist der Jasmin die bei den Menschen beliebteste und geschätzteste Blume. Auch gilt zum Beispiel unter allen den Kornarten der Reis als bestes. Denn wenn man den Reis mit allen den übrigen zahlreichen als Speisen zur Ernährung des Körpers dienenden Kornarten der Reihe nach miteinander vergleicht, so gilt eben der Reis als die beste Nahrung. Genau so auch, o König, gilt unter allen denen, die um Überwindung der Trübungen kämpfen, der triebfreie Asket als der beste.»
«Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena. So ist es, und so nehme ich es an.»
Mil. 4.3.9. Buddhas Selbstlob - 4.3.10. Vaṇṇabhaṇanapañho
«Der Erhabene, o Herr, hat einst folgenden Ausspruch getan:
Fürwahr, ein König bin ich, Sela,
Ein Wahrheitsfürst unübertroffen;
In Wahrheit lenke ich das Reich,
Das Reich, das keiner überwirft.
Wenn, o Herr, die erste Behauptung richtig ist, dann muß die zweite falsch sein; ist aber die zweite Behauptung richtig, dann ist eben die erste falsch. Dies ist ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle und das du nun lösen sollst.»
«Beide Aussprüche hat zwar der Erhabene getan, o König. Doch geschah der erste bloß deshalb, um die echte, unverfälschte, wirkliche, wahre, innere Natur, Beschaffenheit und Eigenart der Lehre zu beleuchten. Und es war nicht etwa des Gewinnes oder Ruhmes wegen oder um Anhänger und Schüler zu gewinnen, sondern bloß aus Wohlwollen, Mitleid und Liebe - damit nämlich dadurch jener Brahmane und weitere dreihundert Brahmanenjünglinge die Durchschauung der Wahrheit gewinnen möchten - daß er den Ausspruch tat:
Fürwahr, ein König bin ich, Sela,
Ein Wahrheitsfürst unübertroffen;
In Wahrheit lenke ich das Reich,
Das Reich, das keiner überwirft.»
«Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an.»
Mil. 4.3.10. Züchtigung - 4.3.11. Ahiṃsāniggahapañho
«Der Vollendete, o König, hat einst den Ausspruch getan:
Bring deinem Nächsten keine Leiden,
Sei mild und gut zu jedermann!
Andererseits aber sagt er:
Wer Strafe braucht, den strafe man,
Und schenke Gunst, wem Gunst gebührt.
Das Strafen, ehrwürdiger Nāgasena, besteht aber doch im Abschneiden von Händen und Füßen, im Schlagen, Binden, Foltern, Töten und in dauernder Schädigung. Solche Worte passen sich doch nicht für den Erhabenen, und nicht darf der Erhabene solche Rede führen. Wenn also die erste Behauptung richtig ist, dann ist die zweite falsch. Ist aber die zweite richtig, dann ist die erste falsch. Auch dieses ist ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle und das du mir nun lösen magst.»
«Beides, o König, hat zwar der Erhabene gesagt. Daß man nämlich seinem Nächsten nicht wehe tun, sondern zu jedermann mild und gut sein soll, das, o König, lehren alle Vollendeten. Das ist ihr Gebot, das ist ihre Weisung. Das wesentliche Merkmal der Lehre ist eben das Wohlwollen (ahimsā, wörtl.: das Nichtschädigen, Gewaltlosigkeit). Dieses ist also ein wahrer Ausspruch. Wenn aber andererseits der Vollendete sagt, daß man den Strafwürdigen bestrafen und dem, der Gunst verdient, seine Gunst schenken soll, so bedeuten diese Worte folgendes: die hochfahrende Gesinnung soll man niederzwingen, die demütige Gesinnung aber aufsteigen lassen; die schlechte Gesinnung niederzwingen, die gute Gesinnung aber aufsteigen lassen; die unweise Erwägung niederzwingen, die weise Erwägung aber aufsteigen lassen; und den auf dem üblen Pfad Befindlichen soll man niederzwingen, den auf dem guten Pfad Befindlichen aber hochhalten; den Unheiligen niederzwingen, den Heiligen aber hochhalten; den Gauner niederzwingen, den Ehrlichen aber hochhalten.»
«Das sei zugegeben, ehrwürdiger Nāgasena. Doch jetzt bist du auf meinen Punkt zurückgekommen. Die Sache nämlich, um die ich dich befragen wollte, hast du nun selber berührt, nämlich auf welche Weise der Strafende einen Gauner bestrafen soll.»
«Folgendermaßen, o König, hat der Strafende einen Gauner zu bestrafen: der zu Tadelnde gehört getadelt, der zu Strafende bestraft, der zu Verbannende verbannt, der zu Fesselnde gefesselt und der Hinzurichtende hingerichtet.»
«Haben denn wohl, ehrwürdiger Nāgasena, die Vollendeten die Hinrichtung eines Gauners gut geheißen?»
«Gewiß nicht, o König.»
«Warum haben sie aber die Unterweisung eines Gauners gut geheißen?»
«Wenn jemand hingerichtet wird, o König, so geschieht dies nicht mit Gutheißung des Vollendeten; sondern infolge seiner eigenen Tat erleidet er den Tod. Aber er wird auf gerechte Weise belehrt. Würde denn wohl, o König, ein vernünftiger Mensch je imstande sein, einen Mann, der nichts verbrochen hat und ruhig seiner Wege zieht, festzunehmen und hinrichten zu lassen?»
«Gewiß nicht, o Herr.»
«Und warum nicht, o König?»
«Weil jener ja gar nichts verbrochen hat, o Herr.»
«Ebenso auch, o König, wird ein Gauner nicht mit Gutheißung der Vollendeten umgebracht, sondern auf Grund seiner eigenen Tat erleidet er den Tod. Trifft da den Unterweiser also irgend welche Schuld?»
«Gewiß nicht, o Herr.»
«So ist also die Unterweisung der Vollendeten, o König, eine gerechte Unterweisung.»
«Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena. So ist es, und so nehme ich es an.»
Mil. 4.3.11. Buddhas Haßlosigkeit - 4.3.12. Bhikkhupaṇāmitapañho
Der Erhabene ehrwürdiger Nāgasena, hat einmal gesagt:
«Wohl hat, o König, der Erhabene gesagt, daß er frei sei von Zorn und Haß, und trotzdem hat er die Jüngerschaft entlassen. Dies geschah nämlich nicht aus Verdruß. Wenn da zum Beispiel jemand über eine Wurzel oder einen Stumpf oder einen Stein oder über Scherben oder unebenen Grund stolpert und zu Boden fällt, ist es da wohl in diesem Falle die Erde, o König, die aus Zorn seinen Fall verursacht?»
«Gewiß nicht, o Herr. Denn die Erde empfindet weder Verdruß noch Vergnügen, ist frei von Zuneigung und Abneigung. Es kommt eben bloß von der eigenen Unachtsamkeit, daß jener stolpert und fällt.»
«Ebenso aber auch, o König, empfinden die Vollendeten weder Verdruß noch Vergnügen. Befreit von Neigung und Abneigung sind sie, diese Vollendeten, Heiligen, Vollkommen-Erleuchteten. Und nur infolge ihres eigenen, selbstverschuldeten Vergehens wurden die Jünger entlassen. Wenn zum Beispiel das Meer keinen Leichnam in sich duldet und ihn schleunigst wieder auswirft und ans Land schwemmt, handelt da wohl das Meer aus Verdruß?»
«Nein, o König. Das Meer empfindet weder Verdruß noch Vergnügen, ist frei von Zuneigung und Abneigung.»
«Ebenso aber auch, o König, empfinden die Vollendeten weder Verdruß noch Vergnügen. Befreit von Zuneigung und Abneigung sind sie, diese Vollendeten, Heiligen, Vollkommen-Erleuchteten. Und eben nur infolge ihres eigenen, selbstverschuldeten Vergehens wurden die Jünger entlassen. Gleichwie nämlich, o König, wenn jemand über den Boden stolpert, zu Falle kommt oder ein im Meere befindlicher Leichnam ausgeworfen wird, ebenso auch wird, wer in der erhabenen Lehre des Siegers stolpert, entlassen. Daß aber, o König, der Vollendete damals die Jünger entlassen hat, geschah ihrem eigenen Wohl, Heil und Glück und ihrer Erlösung zuliebe. Denn er wußte, daß jene dadurch die Erlösung erlangen würden von Geburt, Alter, Krankheit und Tod.»
«Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena. So ist es, und so nehme ich es an.»
Milindapañha 4.5.1-4.5.10
4.5. Kapitel - 4.5. Santhava Vagga
Mil. 4.5.1. Das Wohnen in Häusern - 4.5.1. Santhavapañho
"Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, hat gesagt:
Dem Anhaften die Frucht entspringt,
Das Hausleben den Schmutz gebiert.
Den, der kein Haus und Haften kennt,
Sieht man als weisen Denker an.
Sn 207.
Andererseits aber hat der Erhabene gesagt:
Man richte schöne Klöster auf,
Lass’ wohnen Wissensreiche da.
Culla-Vagga VI. und Samyutta-Nikāya
Wenn, ehrwürdiger Nāgasena, der Erhabene den ersten Ausspruch getan hat, so ist der Ausspruch, daß man liebliche Klöster erbauen solle, falsch. Hat aber der Erhabene gesagt, daß man liebliche Klöster erbauen solle, so muß eben der erste Ausspruch falsch sein. Auch dies ist wiederum ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle und das du nun zu lösen hast."
"Beides, o König, hat der Erhabene gesagt. Doch wenn der Erhabene gesagt hat, daß das Hausleben den Schmutz gebiert, so ist das ein der wahren Beschaffenheit gemäßes Urteil, eine umfassende Aussage, die keine weitere Möglichkeit offen läßt, eine bedingungslose Aussage, für Asketen passend, den Asketen entsprechend, den Asketen angemessen, der Asketen würdig, dem Asketengebiet angehörend, eine Asketenweise, ein Asketenbrauch.
Gleichwie, o König, der Hirsch des Waldes in Wald und Hag umherschweift und, ohne Haus und Heim, hineilt wohin er will: in diesem Sinne, o König, hat man jenen Ausspruch zu verstehen.
Wenn aber, o König, der Erhabene gesagt hat, daß man liebliche Klöster errichten solle, um dort Wissensreiche wohnen zu lassen, so hat der Erhabene das aus zwei Gründen gesagt. Aus welchen beiden? Die Schenkung eines Klosters nämlich wurde von allen Erleuchteten gepriesen, anerkannt, gelobt und gerühmt; denn durch Schenkung eines Klosters (als ersten Anstoß zum heiligen Leben) kann man die Erlösung erlangen von Geburt, Alter und Tod. Dies ist der erste Segen der Klosterschenkung. Fernerhin, wenn ein Kloster da ist, so können die Nonnen mit erfahrenen Mönchen zusammentreffen, und wer will, kann diese leicht besuchen. Ist aber kein Kloster da, so ist es schwer, sie aufzufinden. Dies ist der zweite Segen der Klosterschenkung.
Angesichts dieser beiden Gründe hat der Erhabene gesagt, daß man liebliche Klöster errichten solle, um dort Wissensreiche wohnen zu lassen. Nicht aber darf da des Buddha Jünger an seiner Behausung hangen."
"Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an."
Mil. 4.5.2. Maßhalten beim Mahle - 4.5.2. Udarasaṃyatapañho
"Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, hat den Ausspruch getan:
Raffe dich auf und sei nicht schlaff!
Dhp. 168
Im Zaume halte deinen Leib!
Sn 716
Andererseits aber sagt der Erhabene
"Beides, o König, hat der Erhabene gesagt. Wenn er aber sagt:
Raffe dich auf und sei nicht schlaff,
Im Zaume halte deinen Leib!
Wer, o König, seinen Leib bezwingt,
- durchdringt die vier Wahrheiten,
- verwirklicht die vier Früchte der Asketenschaft (Damit sind gemeint die 4 Stufen der Heiligkeit),
- erlangt Herrschaft über die vier Analytischen Wissen (patisambhidā),
- die acht Erreichungszustände (samāpatti),
- die sechs höheren Geisteskräfte (abhiñña) und
- erfüllt das vollständige Asketengesetz.
Hat denn nicht wohl, o König, einst ein junger Papagei dadurch, daß er seinen
Leib bezwang, die Götterwelt der Dreiunddreißig (Tāvatimsa) zum Wanken gebracht
und Sakka, den Götterkönig, gezwungen, ihm zu dienen? (Jātaka
429 und 430) Angesichts vieler solcher Gründe hat der Erhabene den Ausspruch
getan:
Wenn aber, o König, der Erhabene sagt, daß er bisweilen eine ganze Almosenschale voll esse, so hat das der Allwissende, der Vollendete von sich selbst gesagt, nachdem er seine Aufgabe erfüllt, das Werk vollendet, sein Ziel erreicht, zum Ende seines Weges gelangt, frei von Hindernissen. Gleichwie, o König, für einen Kranken, der sich erbricht, Durchfall hat und jeder Aufwartung entbehrt, heilsame Behandlung wünschenswert ist: ebenso auch muß, o König, wer noch von den Leidenschaften befleckt ist, die Wahrheit noch nicht erkannt hat, seinen Leib bezwingen. Gleichwie man, o König, einen hell-leuchtenden, echten, von Natur aus lauteren Edelstein nicht mehr durch Schleifen und Reiben zu polieren braucht, ebenso auch, o König, gibt es für den Vollendeten, im Buddhabereiche zur Vollkommenheit Gelangten, keine Hemmung (durch Leidenschaften) mehr bei der Ausübung seiner Handlungen."
"Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an."
Mil. 4.5.3. War Bakkula dem Buddha überlegen? - 4.5.3. Buddhaappābādhapañho
"Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, hat gesagt:
"Beides, o König, hat der Erhabene gesagt. Letzteres jedoch wurde gesagt
hinsichtlich der außerhalb von ihm selber (das ist bei Jüngern) anzutreffenden
Lehrtraditionen, Erreichungen und Lehrkenntnissen. Es gibt nämlich, o König,
unter den Jüngern des Erhabenen solche, die im Stehen oder Auf- und Abwandeln
sich vertiefen; diese verbringen stehend oder auf und ab wandelnd Tag und Nacht.
Der Erhabene jedoch, o König, verbringt Tag und Nacht gehend oder stehend,
sitzend oder liegend. Somit sind jene dem Erhabenen in diesem Punkte überlegen.
Und es gibt, o König, unter den Jüngern des Erhabenen solche, die bloß bei
einmaligem Niedersitzen speisen. Diese nehmen, selbst wenn sich’s um ihr Leben
dreht, keine zweite Mahlzeit an. Der Erhabene jedoch nahm zweimal, auch sogar
dreimal Speise zu sich. Somit sind jene Mönche dem Erhabenen in diesem Punkte
überlegen. So viele solche Punkte gibt es, o König, die einmal von diesem,
einmal von jenem Jünger berichtet werden. Der Erhabene aber, o König, ist
unübertroffen in Sittlichkeit, Sammlung, Weisheit, Erlösung und dem
Erkenntnisblicke der Erlösung, in den zehn Kräften (eines Buddha), dem
vierfachen Selbstvertrauen, den achtzehn Buddha-Fähigkeiten, den sechs
außerordentlichen Wissen und in dem gesamten Buddha-Bereiche. Und mit Hinsicht
hierauf hat er gesagt:
Da, o König, ist unter den Menschen der eine von edler Geburt, der eine reich, der eine ein Weiser, der eine ein tüchtiger Handwerker, der eine ein Held, der eine voll Scharfsinn. Alle aber übertrifft der König und ist unter ihnen der Höchste. Ebenso auch, o König, ist der Erhabene unter allen Wesen der Höchste, der Edelste, der Beste. -
Daß aber der ehrwürdige Bakkula frei war von Krankheit, das war infolge
seines Entschlusses (in früherer Geburt), weil er nämlich, selber ein Asket, mit
vielerlei Arzneien den erhabenen Anomadassi-(Buddha) heilte, der von einer
Blähung im Leibe befallen war, und ebenso den erhabenen Vipassī-(Buddha) und die
68000 Mönche, die von "Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an."
Mil. 4.5.4. Hat der Buddha den Achtfachen Pfad selber geschaffen? - 4.5.4. Magguppādanapañho
"Ehrwürdiger Nāgasena, der Erhabene hat gesagt:
Andererseits aber sagte er:
Wenn also die erste Behauptung richtig ist, so ist die zweite falsch. Ist aber die zweite Behauptung richtig, so muß eben die erste falsch sein. Auch dies ist wiederum ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle, und das du nun zu lösen hast."
"Beides, o König, hat der Erhabene gesagt. Und beides sind den Tatsachen
entsprechende Aussagen. Mit dem Verschwinden der früheren Erleuchteten nämlich,
o König, ist, da es an einem Unterweiser fehlte, auch (allmählich) der Pfad
verschwunden. Insofern aber der Vollendete den zerstörten, zerfallenen,
verborgenen, versteckten, verhüllten Pfad, den nicht mehr betretenen, mit seinem
Weisheitsauge wieder entdeckt hat, hat er eben den schon von den früheren
Vollkommen Erleuchteten betretenen Pfad wieder erkannt. Aus diesem Grund sagte
er:
Da, o König, liegt nach dem Verschwinden des einen Weltherrschers das magische Edelsteinjuwel im Innern des Berggipfels verborgen; beim rechten Wandel eines andern Herrschers aber erscheint es wieder. Hat nun dieser letztere, o König, jenen Edelstein erzeugt?" (Dieses geheimnisvolle Edelsteinjuwel ist eines der sogenannten sieben Kleinode eines Weltherrschers)
"Nein, o Ehrwürdiger, sondern das ursprüngliche Edelsteinjuwel hat er bloß wieder erscheinen lassen."
"Ebenso auch, o König, war der ursprüngliche, schon von den früheren
Erleuchteten befolgte, achtfache, glückverheißende Pfad, - da es an einem
Unterweiser fehlte, - zerstört, zerfallen, verborgen, versteckt und verhüllt und
unbetreten, und der Erhabene hat ihn mit seinem Weisheitsauge wieder entdeckt
und hat ihn erschlossen und gangbar gemacht. Aus diesem Grunde eben hat er
gesagt:
Es ist damit genau so, o König, wie wenn man die Mutter, die den doch schon
vorher in ihrem Leibe befindlichen Sohn zur Welt bringt, als seine Erzeugerin
bezeichnet. Oder wenn ein Mann etwas Verlorengegangenes wieder gefunden hat, so
sagt man, daß er jenen Gegenstand wieder Zutage gefördert habe. Oder wenn, o
König, ein Mann den Wald lichtet und ein Stück Land erschließt, so sagen die
Leute von ihm, daß dies sein Land sei, obwohl doch dieses Land gar nicht von ihm
erschaffen wurde; aber weil er dieses Land nutzbar gemacht hat, gilt er als der
Herr des Landes. Genau so, o König, hat der Vollendete den bereits vorhandenen,
aber noch unbetretenen Pfad mit seinem Weisheitsauge wieder entdeckt und hat ihn
erschlossen und gangbar gemacht. Und aus diesem Grunde sagte er: "Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an."
Mil. 4.5.5. War der Bodhisatta jemals grausam gesinnt? - 4.5.5. Buddhaaviheṭhakapañho
"Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, hat gesagt:
"Beide Aussagen, o König, haben ihre Richtigkeit. Daß der Bodhisatta die vielen hunderte von Tieren hat schlachten lassen, geschah aus Begehren und als er von Sinnen war, nicht bei klarem Geiste."
"Acht Arten von Menschen sind es, ehrwürdiger Nāgasena, die lebende Wesen umbringen. Welche acht?
- Der Gierige tötet aus Gier,
- der Gehässige aus Haß,
- der Verblendete aus Verblendung,
- der Dünkelhafte aus Dünkel,
- der Habsüchtige aus Habsucht,
- der Mittellose des Lebensunterhaltes wegen,
- das Kind aus Torheit (oder: "der Tor zu seinem Vergnügen", bālo-hassavasena) und
- der König der Disziplin wegen.
Nach seiner natürlichen Veranlagung, ehrwürdiger Nāgasena, hat also der Bodhisatta gehandelt."
"Nein, o König, nicht hat der Bodhisatta nach seiner natürlichen Veranlagung gehandelt; denn hätte er in seiner natürlichen Veranlagung die Neigung gehabt, das große Opfer darzubringen, so hätte er nicht den Vers gesprochen:
Nicht möcht’ ich selbst die weite Welt,
Vom Meer umgrenzt, vom Meer umringt,
Besitzen, wenn mir’s Schande bringt:
Das wahrlich, Sayho, merke dir!
Trotz dieser Worte, o König, war der Bodhisatta schon beim bloßen Anblick der Königstochter Candavatī von Sinnen, im Geiste verwirrt, außer Fassung gebracht, durch und durch verworren und erregt. Und in diesem verwirrten, unsteten, aufgewühlten Geisteszustand brachte er das von dem dahinfließenden Blut der Tiermorde begleitete außerordentlich große Krafttrankopfer dar (Jātaka 310).
Ein Geistesgestörter, o König, mag in seiner verwirrten Geistesverfassung selbst in ein brennendes Feuer hineinlaufen, oder eine gereizte Giftschlange anfassen, oder auf einen wilden Elefanten losstürzen, oder sich ins Meer hinauswagen, ohne auf das Ufer zu achten, oder vielerlei andere verkehrte Handlungen verüben. Genau so, o König, stand es mit dem Bodhisatta.
Das in verwirrtem Geisteszustand verübte Böse, aber, o König, ist weder für dieses Leben ein großes Übel, noch auch hinsichtlich seiner Wirkung in einem zukünftigen Leben. Wenn da ein Geistesgestörter einen Mord verübt, mit welcher Strafe würdest du diesen wohl belegen?"
"Was sollte wohl ein Wahnsinniger für eine Strafe erhalten? Wir würden einem solchen Prügel zuerteilen und ihn dann wieder laufen lassen. Das würde seine ganze Strafe sein."
"Für das Vergehen eines Geistesgestörten, o König, gibt es also keine Strafe. Darum ist die von einem Geistesgestörten verübte Handlung kein Verbrechen und ist verzeihlich. So auch, o König, war der Einsiedler Somasa-Kassapa schon beim bloßen Anblick der Königstochter Candavatī von Sinnen, im Geiste verwirrt, außer Fassung gebracht, durch und durch verworren und erregt. Und in diesem verwirrten, unsteten, aufgewühlten Geisteszustand brachte er das von dem dahinfließenden Blut der Tiermorde begleitete außerordentlich große Krafttrankopfer dar. Als er aber wieder in seinen natürlichen Zustand zurückgekehrt war, da zog er wieder in die Hauslosigkeit hinaus. Und nachdem er die fünf höheren Geisteskräfte (Die sechste Geisteskraft des Wissens von der Triebversiegung, āsava-kkhaya-ñāna, erreicht nur der Heilige, arahat) sich erwirkt hatte, gelangte er in der Brahmawelt wieder zum Dasein."
"Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an."
Mil. 4.5.6. Hatte der Bodhisatta Ehrfurcht vor dem gelben Gewande? - 4.5.6. Chaddantajotipālārabbhapañho
"Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, hat mit Beziehung auf den Elefantenkönig Chaddanta, den Bodhisatta, gesagt:
Als er ihn töten wollt’, umfassend mit dem Rüssel,
Merkt’ er des Mönches Abzeichen, das gelbe Kleid,
Und schmerzerfüllt dacht er, daß niemals gute Wesen
Dies Abzeichen der Heiligen entweihen würden.
Chaddanta-Jātaka, Nr.514
Andererseits aber hat der Erhabene gesagt:
"Beides, o König, hat seine Richtigkeit. Letzteres aber hat der Bodhisatta
unter dem Einfluss seiner Herkunft, seiner Familie getan. Der Brahmanenjüngling
Jotipāla nämlich stammte aus einer ungläubigen, vertrauenslosen Familie: Vater,
Mutter, Bruder, Schwester, Diener und Dienerinnen, Knechte und Aufwärter waren
Brahma-Anbeter, Brahma-Verehrer; und im Glauben, daß eben die Brahmanen die
Höchsten und Edelsten seien, tadelten und verachteten sie alle fremden Mönche.
Und da Jotipāla immer von ihnen solche Worte gehört hatte, gebrauchte er, als
ihn der Töpfer Ghatikāra zum Besuche des Meisters aufforderte, diese Worte:
Gleichwie, o König, Ambrosia durch Gift bitter, oder kaltes Wasser durch Feuer heiß wird: ebenso auch kam es, o König, daß der Brahmanenjüngling Jotipāala, dadurch daß er aus einer ungläubigen, vertrauenslosen Familie stammte, infolge seiner Familie im Wahne befangen, den Vollendeten schmähte und beschimpfte.
Oder: gleichwie, o König, ein brennendes, loderndes, mächtiges, helleuchtendes Feuer, durch Wasser abgekühlt, seinen Glanz und seine Leuchtkraft verliert und die schwarze Farbe von reifen Niggundifrüchten annimmt: genau so, o König, verhielt es sich mit dem Brahmanenjüngling Jotipāla. Zwar war dieser voll Tugend und Vertrauen und leuchtete weithin mit seinem Wissen, doch da er aus einer ungläubigen, vertrauenslosen Familie stammte, kam es, daß er, infolge seiner Familie im Wahne befangen, den Vollendeten schmähte und beschimpfte. Als er aber hingegangen war und des Erleuchteten Vorzüge erkannt hatte, da nahm er gleichsam die Stellung eines Dieners an. Und unter des Siegers Weisung der Welt entsagend, erwirkte er die höheren Geisteskräfte und die Erreichungszustände, und gelangte in der Brahmawelt wieder zum Dasein."
"Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an."
Mil. 4.5.7. Konnte sich der Buddha vor Schaden schützen? - 4.5.7. Ghaṭikārapañho
"Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, hat gesagt:
"Mit beiden Aussagen, o König, hat es seine Richtigkeit. Ghatīkāra, der
Töpfer, o König, war sittenrein, dem Guten ergeben, hatte in sich die Grundlagen
des Guten entwickelt und pflegte seine alten, blinden Eltern; und in seiner
Abwesenheit, ohne ihn um Erlaubnis zu bitten, nahm man das Stroh von seinem
Hause fort und bedeckte damit die Hütte des Erhabenen. Infolge der Wegnahme des
Strohes aber empfand er ein unerschütterliches, unbeirrtes, tiefwurzelndes,
großes Glück ohnegleichen. Und eine um so größere, unvergleichliche Freude
empfand er bei dem Gedanken:
Daß es, o König, in die Hütte des Vollendeten hinein regnete, geschah aus Mitleid mit der großen Menge. Angesichts von zwei Gründen nämlich, o König, nehmen die Vollendeten keine, von ihnen selber (durch Magie) erzeugten Bedarfsgegenstände, und zwar: damit, in dem Gedanken, daß er der höchste unter den der Gaben würdigen Meistern sei, die Himmelswesen und Menschen dem Erhabenen die Bedarfsgegenstände spenden und dadurch einst von all den Leidensfährten Befreiung finden; und ferner, damit die anderen sie nicht tadeln und sagen können, daß sie durch Zauberei sich ihren Lebensunterhalt beschaffen. Wenn, o König, Sakka oder Brahma jene Hütte vor Regen geschützt hätte, oder wenn sie von selber so geblieben wäre, so wäre eine solche Handlung tadelnswert gewesen, fehlerhaft und verwerflich, denn die Leute möchten sagen, daß die Buddhas durch ihre Zauberkraft die Welt betören und die Herren spielen wollen. Darum, o König, ist jene Handlung verwerflich. Nicht suchen, o König, die Vollendeten irgend einen Vorteil; und da sie nicht auf ihren Vorteil ausgehen, verdienen sie auch keinen Tadel."
"Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an."
Mil. 4.5.8. Warum nannte sich der Buddha einen Priester und König? - 4.5.8. Brāhmaṇarājavādapañho
"Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, hat gesagt:
"Beides, o König, hat der Erhabene gesagt. Das aber hat seinen Grund. Weil nämlich die üblen, schuldvollen Erscheinungen in dem Vollendeten ausgeprustet sind, verlassen, verschwunden, vergangen, zerstört, versiegt, zur Versiegung gelangt, erloschen und gestillt sind: darum wird eben der Vollendete ein Priester genannt (das Wortspiel ausgeprustet-Priester ist eine versuchte Wiedergabe der Entsprechung in Pali brāhmano-bāhita). Priester ist einer, der dem Schwanken und dem mannigfaltigen Zweifelspfade entronnen ist.
Weil nun aber auch der Erhabene, o König, dem Schwanken entronnen ist, darum wird eben der Vollendete ein Priester genannt. Ein Priester ist einer, der von allen Daseinsfährten losgelöst ist, befreit von Schmutz und Staub, einzigartig, weil nun aber auch der Erhabene, o König, losgelöst ist von allen Daseinsfährten, befreit von Schmutz und Staub, einzigartig: darum wird eben der Vollendete ein Priester genannt.
Als Priester bezeichnet man den Besten, den Höchsten, der häufig in den edlen, erhabenen, himmlischen Zuständen verweilt; weil nun aber auch der Erhabene häufig in den edlen, erhabenen, himmlischen Zuständen verweilte, darum wird eben der Erhabene ein Priester genannt. Priester ist einer, der die im Lernen und Lehren, im Gabenempfangen, der Zügelung, Beherrschung und Zurückhaltung bestehenden alten Unterweisungen, Bräuche und Überlieferungen aufrecht erhält; weil nun aber auch der Erhabene diese Unterweisungen, Bräuche und Überlieferungen der früheren Sieger (Buddhas) aufrecht erhält, darum wird eben der Vollendete ein Priester genannt.
Ein Priester ist einer, der sich in die Versenkungen vertieft, in erhabenste Glückszustände; weil nun aber auch der Erhabene sich in die Versenkungen vertieft, in erhabenste Glückszustände, darum wird eben der Vollendete ein Priester genannt. Ein Priester ist einer, der bei allen Daseinsfährten weiß, was da an Gattungen (der Wiedergeburt) existiert und vorkommt; weil nun aber auch der Erhabene dies weiß, wird eben der Vollendete ein Priester genannt.
Der Name Priester, o König, wurde dem Erhabenen weder von seinen Eltern
gegeben, noch von seinem Bruder oder seiner Schwester oder seinen Freunden und
Genossen, noch von Vettern oder Blutsverwandten, noch von Asketen oder Priestern
oder Göttern, sondern eben auf Grund ihrer Erlösung tragen alle die
Erleuchteten, die Erhabenen diesen Namen. Nachdem diese am Fuße des
Erleuchtungsbaumes die Heerschar des Māra vernichtet und die üblen, schuldvollen
Erscheinungen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ausgeprustet haben, wird
ihnen gleichzeitig mit Erlangung der Allwissenserkenntnis, im Augenblicke, wo
ihnen dieselbe zuteil wird, sich offenbart und aufsteigt, die wahre Bezeichnung
"Aus welchem Grunde aber, ehrwürdiger Nāgasena, wird der Vollendete ein König genannt?"
"König nennt man einen, o König, der die Herrschaft ausübt und die Welt unterweist; weil nun aber, o König, der Erhabene in dem zehntausendfachen Weltsystem mit Gerechtigkeit seine Herrschaft ausübt und die Welt mit ihren Himmelswesen, Māras und Göttern und der Schar der Asketen und Priester unterweist, aus diesem Grunde wird der Vollendete ein König genannt.
König ist einer, o König, der, über allen Menschen und Geschöpfen stehend, seinem Verwandtenkreise Freude bringt und die Schar seiner Feinde in Sorge versetzt und seinen außerordentlich glanz- und würdevollen, lauteren, fleckenlosen, lichten Schirm (seiner Herrschaft) ausbreitet, der mit einem festen Stocke aus Kernholz versehen und mit vielen hundert Speichen ausgestattet ist; weil nun aber, o König, der Erhabene, die auf verkehrtem Pfade wandelnde Heerschar Māras in Angst versetzend und die auf dem rechten Pfade wandelnden Menschen und Himmelswesen erfreuend, über das zehntausendfache Weltsystem seinen Schirm ausbreitet, seinen mächtig großen, glanz- und würdevollen, mit dem Stab der Geduld und Willenskraft versehenen und den Strahlen der Erkenntnis ausgestatteten, lauteren, fleckenlosen, lichten Schirm der höchsten, erhabensten Erlösung: darum eben wird der Vollendete ein König genannt.
König ist einer, o König, der von den vielen Menschen, die ihn aufsuchen oder ihn treffen ehrfurchtsvoll begrüßt wird; weil nun aber auch der Erhabene, o König von den vielen Himmelswesen und Menschen ehrfurchtsvoll begrüßt wird, aus diesem Grunde wird eben der Vollendete ein König genannt. König ist einer, o König, der an jedem Tüchtigen Gefallen findet, ihm ein auserwähltes Geschenk spendet und ihn nach seinem Wunsch befriedigt, weil nun aber auch der Erhabene, o König, dem in Werken, Worten und Gedanken Tüchtigen ein auserwähltes Geschenk spendet, nämlich die höchste Erlösung von allen Leiden, und ihn so in seinem lauteren Wunsche befriedigt: aus diesem Grunde wird eben der Vollendete ein König genannt.
König ist, wer dem gegen das Gesetz Verstoßenden einen Verweis gibt oder ihn mit einer Geldstrafe belegt oder zum Tode verurteilt; weil nun aber auch, o König, der im Orden des Erhabenen gegen die Vorschrift Verstoßende infolge seiner Schamlosigkeit und seines Mißbetragens verachtet wird, Schande erfährt, getadelt wird und aus dem hehren Orden des Erhabenen ausgestoßen wird: aus diesem Grunde wird eben der Vollendete ein König genannt.
König ist, wer der ehemaligen, gerechten Könige Überlieferung durch seine
Belehrung dem Gesetze gemäß erklärt, in Gerechtigkeit die Herrschaft führt und
dadurch den Menschen teuer, lieb und angenehm ist und so für lange Zeiten dem
Königshause durch die Eigenschaft seiner Gerechtigkeit Festigkeit verleiht; nun
hat aber auch der Erhabene, o König, der ehemaligen
Aus diesem Grunde wird eben der Vollendete ein König genannt. Somit, o König, gibt es zahlreiche Gründe dafür, daß der Vollendete als Priester gelten mag und auch als König. Nicht einmal während eines ganzen Weltzeitalters könnte selbst ein äußerst scharfsinniger Mönch alle Gründe dafür aufzählen. Wozu also noch der vielen Worte? Nimm an, was ich dir kurz dargelegt habe!"
"Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich an."
Mil. 4.5.9. Darf der Mönch betteln? - 4.5.9. Gāthābhigītabhojanakathāpañho
"Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, hat gesagt:
Das Angepries’ne darf ich nicht verzehren,
Das, Priester, ist der Seher Eigenart.
Das Angepriesene verschmäh’n die Buddhas;
Wo ihr Gesetz besteht, gilt das als Brauch.
Sutta-Nipāta 81 (Kasi-Bhāradvāja-Sutta). Vergl. z.B. A.VIII.12
Wenn aber andererseits der Erhabene dem Volke das Gesetz wies und eine stufenweise Darlegung gab, so lehrte er als Allererstes das Geben, darauf die Sittlichkeit. Und die Himmelswesen und Menschen, die die Worte des Meisters aller Welten vernahmen, richteten Gaben her und gaben sie als Spende hin. Die Gabe aber, zu der der Meister sie angespornt hatte, verzehrten seine Jünger. Wenn also, ehrwürdiger Nāgasena, der Erhabene gesagt hat, daß er das Angepriesene nicht verzehren dürfe, dann ist es falsch, zu behaupten, daß er als Allererstes das Geben lehrte; hat er aber das Geben als Allererstes gelehrt, dann kann die Behauptung nicht zutreffen, daß er das Angepriesene nicht verzehren dürfe. Nachdem eben der der Gaben Würdige den Hausleuten den Segen des Gebens dargelegt hatte, spendeten alle, die das Gesetz vernommen hatten, vertrauensvollen Herzens immer wieder Gaben. Diejenigen aber, die jene Gaben verzehrten, alle diese verzehrten eben das in Sprüchen vorher Angepriesene. Auch das ist wiederum ein zweischneidiges, subtiles, tiefsinniges Problem, das ich dir da stelle, und das du mir nun lösen sollst."
"Beides, o König, hat seine Richtigkeit. Alle Vollendeten aber gehen in dieser Weise vor, daß sie zuerst durch Gespräche über das Almosengeben die Herzen heiter stimmen und dann erst zur Sittlichkeit anspornen.
Gleichwie, o König, die Menschen ihren Kindern zuerst noch Spielzeuge schenken, wie einen Kinderpflug, Spielstöcke, ein Maßgefäß aus Blättern, eine Windmühle, ein Wägelchen oder eine Armbrust, sie aber später alle zu ihrer jeweiligen Arbeit anspornen: ebenso auch, o König, hat der Vollendete zuerst durch Gespräche über das Almosengeben die Herzen heiter gestimmt und dann erst zur Sittlichkeit angespornt. Oder: gleichwie ein Arzt zuerst seine Kranken vier oder fünf Tage lang Öl einnehmen läßt um ihren Körper kräftig und fügsam zu machen und erst dann das Abführmittel verschreibt: ebenso auch, o König, hat der Vollendete zuerst durch Gespräche über das Almosengeben die Herzen heiter gestimmt und dann erst zur Sittlichkeit angespornt. Denn beim Geber, o König, beim edlen Gabenherrn ist das Herz geschmeidig, nachgiebig und fügsam. Und auf diesem Brückendamme des Gebens, auf diesem Fahrzeuge des Gebens gelangt man zum anderen Ufer des Daseinsmeeres. Darum zeigte der Vollendete den Menschen zuerst den Boden für ihr Wirken; dadurch aber machte er sich keineswegs einer Andeutung schuldig."
"Du sprichst da, ehrwürdiger Nāgasena, von Andeutungen. Wievielerlei solcher Andeutungen gibt es wohl?"
"Zweierlei, o König: Andeutungen in Gebärden und Andeutungen in Worten. Unter diesen nun gibt es wiederum solche, die tadelhaft, und solche, die untadelhaft sind. Welche Andeutung in Gebärden aber ist tadelhaft? Da begibt sich ein Mönch zu den Familien hin, und an einer unpassenden Stelle sich hinstellend, versperrt er den Platz; oder dort stehend, streckt er seinen Nacken vor und hält wie ein Pfau erwartungsvoll Ausschau, in der Hoffnung, daß ihn auf diese Weise die Leute bemerken werden; oder er macht Zeichen mit dem Unterkiefer, oder den Augenbrauen, oder dem Daumen. Diese Andeutung in Gebärden ist tadelhaft, und nicht verzehren die Edlen etwas, das sie etwa auf diese Weise vorher angedeutet hätten. Und jener Mensch wird von der Gemeinschaft der Edlen verachtet, verabscheut, verurteilt, gering geschätzt, nicht verehrt und rechnet als im Lebenswandel verkommen. Welche Andeutung in Gebärden aber ist untadelhaft? Da begibt sich ein Mönch zu den Häusern der Familien hin; und wenn er, der Weisung gemäß achtsam, gesammelt und klaren Geistes, zu passenden wie unpassenden Plätzen gelangt ist, bleibt er am passenden Orte stehen. Er wartet bei denen, die zu geben willens sind; bei denen aber, die nichts geben wollen, geht er weiter. Diese Andeutung in Gebärden ist untadelhaft, und das auf diese Weise Angedeutete verzehren die Edlen. Jener Mensch aber wird von der Gemeinschaft der Edlen gelobt, geschätzt, gepriesen und gilt als lauter im Wandel und rein in der Lebensweise. Auch der Erhabene, o König, der Gott der Götter, hat gesagt:
Nicht bettelt der Verständige,
Die Bettelei der Edle haßt.
Auf Gaben wartend bleibt er steh’n,
Er kennt bloß solchen Bettelgang.
Jātaka, Nr. 403
Welche Andeutung in Worten aber ist tadelhaft? Da, o König, gibt der Mönch
für mancherlei Dinge, wie Gewand, Almosenspeise, Lagerstatt und Heilmittel und
Arzneien, Winke in Worten; oder er teilt es den Andern mit, daß er diese oder
jene Dinge nötig habe. Und dadurch, daß er die Anderen in diesen Worten bittet,
fällt ihm das Geschenk zu. Oder er macht durch weitschweifige Worte die Leute
darauf aufmerksam, daß man auf diese oder jene Weise den Mönchen Almosen zu
geben habe. Und nachdem diese seine Worte vernommen haben, bringen sie das
Angepriesene heran. Diese Andeutung in Worten ist tadelhaft, und nicht verzehren
die Edlen etwas, das sie etwa auf diese Weise vorher angedeutet hätten. Und
jener Mensch wird von der Gemeinschaft der Edlen verachtet, verabscheut,
verurteilt, gering geschätzt, nicht verehrt und rechnet als im Lebenswandel
verkommen. Hat nicht wohl, o König, auch der Ordensältere Sāriputta, als er
einstmals nach Sonnenuntergang, zur Nachtzeit, krank war, von dem Ordensälteren
Mahā-Moggallāna betreffs Arznei befragt, sich in Worten vergangen? Und ist ihm
durch dieses Vergehen in Worten nicht wohl die Arznei zuteil geworden? Und hat
daraufhin nicht wohl der Ordensältere Sāriputta gedacht:
Welche Andeutung in Worten aber ist untadelhaft? Wenn da, o König, der Mönch der Arznei bedarf und deutet dies an unter den verwandten Familien, die ihn eingeladen haben, so ist eine solche Andeutung in Worten untadelhaft; und das auf diese Weise Angedeutete verzehren die Edlen. Jener Mensch aber wird von der Gemeinschaft der Edlen gelobt, geschätzt, gepriesen und gilt als lauter im Wandel und rein in der Lebensweise; und sie wurde gebilligt von den Vollendeten, Heiligen, Vollkommen-Erleuchteten. Die Speise des Brahmanen Kasī-Bhāradvāja aber, die der Vollendete zurückwies, war dargebracht worden, um ihn zu verwirren, um ihn sich herauswinden zu lassen, ihn abzulenken, zu überführen und zum Nachgeben zu zwingen. Darum wies der Vollendete jene Almosenspeise von sich und verzehrte sie nicht."
"Träufelten wohl, ehrwürdiger Nāgasena, jedesmal, wenn der Vollendete speiste, die Gottheiten himmlischen Lebenssaft in seine Almosenschale, oder geschah dies bloß bei zwei Almosenspeisen: dem weichen Eberfleisch(*) und dem süßen Reisbrei (den er kurz vor seiner Erleuchtung genoß)?"
"Jedesmal, o König, standen die Gottheiten dabei und träufelten ihm von dem himmlischen Lebenssafte auf jeden Bissen, den er zum Munde führte. Gleichwie, o König, während der Fürst beim Speisen ist, der königliche Koch mit der Brühe dabeisteht und etwas davon auf jeden Bissen träufelt: ebenso auch, o König, standen jedesmal, wenn der Vollendete speiste, die Gottheiten mit himmlischem Lebenssafte neben ihm und träufelten ihm etwas davon auf jeden Bissen, den er zum Munde führte. Auch während der Vollendete in Verañjā ausgedörrte Gerstenkörner verzehrte, (Vinaya, Mahāvagga) befeuchteten die Gottheiten, jedesmal bevor sie ihm eines reichten, dasselbe mit himmlischem Lebenssafte. Und dadurch wurde der Körper des Vollendeten gestärkt."
"Heil jenen Gottheiten, ehrwürdiger Nāgasena, die immer und jederzeit mit solchem Eifer den Körper des Vollendeten behüteten. Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an."
(*) Eberpilz? Der Bericht über dieses, den Tod des Buddha herbeiführende Mahl ist überliefert im Dīgha-Nikāya, Mahāparinibbāna-Sutta. Siehe auch Seite 182ff
Mil. 4.5.10. Warum weigerte sich anfangs der Buddha, die Lehre darzulegen? - 4.5.10. Dhammadesanāya appossukkapañho
"Ihr sagt da, ehrwürdiger Nāgasena, daß der Vollendete durch unzählige Weltzeitalter hindurch das allerkennende Wissen zur Reife gebracht hat, um die große Menschenmenge (der Leidenswelt) zu entziehen. Andererseits aber, ehrwürdiger Nāgasena, sagt ihr, daß nach Erlangung der Allerkenntnis sein Herz zur Zurückhaltung neigte und nicht zur Darlegung des Gesetzes. (M.26)
Gerade, ehrwürdiger Nāgasena, wie ein Bogenschütze oder sein Schüler, der sich erst viele Tage in der Bogenkunst geübt hat, um sich zum Kampfe vorzubereiten, am Tage des großen Kampfes sich plötzlich zurückhalten möchte: ebenso auch, ehrwürdiger Nāgasena, hat der Vollendete, als er schließlich die Allerkenntnis erlangt hatte, sich geweigert, das Gesetz darzulegen. Oder: wie ein Ringkämpfer oder dessen Schüler, der sich erst viele Tage hindurch beständig geübt hat, plötzlich am Tage des Ringkampfes sich weigern möchte: so auch neigt das Herz des Vollendeten zur Zurückhaltung und nicht zur Darlegung des Gesetzes.
Sage, ehrwürdiger Nāgasena hat wohl der Vollendete sich aus Furcht geweigert, oder aus Unfähigkeit, oder aus Schwäche, oder weil er eben noch nicht die Allerkenntnis besaß? Was war wohl damals der Grund? Erkläre mir, bitte, diesen Grund, damit ich meine Zweifel los werde! Wenn nämlich, ehrwürdiger Nāgasena, die eine Behauptung richtig ist, so muß die andere Behauptung falsch sein. Tiefsinnig und schwer zu entwirren ist dieses zweischneidige Problem, das dir hier gestellt wird; das sollst du mir nun lösen."
"Wohl neigte, o König, nach der Erlangung der Allerkenntnis des Vollendeten
Herz zur Zurückhaltung und nicht zur Darlegung des Gesetzes. Denn als er
erkannte, wie tiefsinnig, subtil, schwer zu erkennen und zu verstehen, wie
abstrus und schwer zu durchdringen dieses Gesetz ist, und wie andererseits die
Wesen der Gier ergeben sind und krampfhaft sich anklammern an den
Persönlichkeitsglauben, da dachte er:
Gleichwie, o König, ein Arzt, der sich zu einem von vielerlei Krankheiten
bedrückten Manne hinbegeben hat, darüber nachdenkt, durch welche
Behandlungsweise und Arznei seine Leiden wohl gelindert werden möchten: ebenso
auch tat es der Vollendete, als er die von dem Elend der vielen Leidenschaften
bedrückte Menschheit erblickte; denn als er erkannte, wie schwer dieses Gesetz
zu durchdringen war, da dachte er:
Übrigens, o König, ist es die Gepflogenheit aller Vollendeten, daß sie erst auf die Bitten Brahmas hin das Gesetz darlegen. Und warum? Weil nämlich zu einer solchen Zeit alle Menschen, Büßer und Pilger, Asketen und Brahmanen eben Brahma-Anbeter sind, Brahmaverehrer sind, bei Brahma ihre Zuflucht suchen. Denn zufolge der Neigung jenes so Mächtigen, Ruhmreichen, so Verehrten, Anerkannten, Hervorragenden und Erhabenen wird auch die Welt samt ihren Göttern Neigung empfinden, zustimmen und sich hingezogen fühlen. Aus diesem Grunde, o König, legen die Vollendeten erst auf die Bitte Brahmas hin das Gesetz dar.
Gleichwie einem Menschen, dem irgend ein König oder ein königlicher Rat geneigt ist und Ehrfurcht erweist, auch alle übrigen Menschen Neigung und Ehrfurcht erweisen - eben weil jener Mächtigere ihm geneigt ist -: ebenso auch, o König, wird, wenn der Brahma zum Vollendeten eine Neigung zeigt, auch die ganze Welt samt ihren Göttern zum Vollendeten Neigung empfinden. Denn über und über verehrt wird er ja in der Welt. Darum eben ersucht jedesmal der Brahma alle die Vollendeten um Darlegung des Gesetzes. Und aus diesem Grunde legen die Vollendeten erst auf die Bitten Brahmas hin das Gesetz dar."
"Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! Gut entwirrt hat du das Problem, sehr treffend waren deine Erklärungen. So ist es, und so nehme ich es an."
Milindapañha 4.7.1-4.7.7
7. Kapitel - 5.2. Nippapañca Vagga
Mil. 4.7.1. Bildet das Lernen kein Hindernis für den Mönch? - 5.2.1. Nippapañcapañho
«Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, hat gesagt:
(Dies ist einer der «acht Gedanken eines großen Mannes». Siehe A.VIII.30)
Was aber ist jene Aufhebung der Vielfalt?»
(Nippapañca, «das Nicht-Vielfältige», d.i. das Nibbāna. Papañca bedeutet in diesem Zusammenhang die gewaltige Vielfalt der Wandelwelt, des Samsāra. Dieser wird erstmalig eine Grenze gesetzt durch den Stromeintritt und sie ist endgültig aufgehoben für den Heiligen)
«Das
«Wenn dies aber, o ehrwürdiger Nāgasena, der Vielfalt Aufhebung ist, warum beschäftigen sich dann die Mönche mit dem Hersagen und Besprechen der Lehrreden, der mit Versen vermischten Prosa, der Erklärungen, der Verse, der Feierlichen Aussprüche, der Geburtsgeschichten, der Worte des Meisters, der Außergewöhnlichen Dinge und der Zergliederungen (diese sind die «neun Arten der Botschaft des Buddha«, sāsana), und warum lassen sie sich stören durch Reparaturarbeiten, durch Gaben und Verehrung? Verrichten sie denn damit nicht Werke, die der Siegreiche verworfen hat?»
«Nein, o König. Alle die Mönche, die so handeln, streben danach, der Vielfalt Aufhebung zu erreichen. Zwar mögen diejenigen, o König, die von Natur aus rein sind und im Besitz von früheren (vorgeburtlichen) Eindrücken, in einem einzigen Bewußtseinsaugenblick der Vielfalt Aufhebung erreichen.
Diejenigen Mönche aber, o König, deren Augen noch stark vom Staub der Leidenschaften getrübt sind, werden eben bloß durch diese Mittel die Aufhebung der Vielfalt erreichen. Da zum Beispiel sät ein Mann auf einem Feld Samen aus. Und er vermag mit eigener Kraft und Stärke und Anstrengung, ohne jede Einzäunung, das Korn zur Reife zu bringen. Ein anderer Mann aber geht, nachdem er in seinem Feld den Samen gesät hat, in den Wald, schlägt dort Stöcke und Zweige ab; und nachdem er eine Einzäunung hergestellt hat, läßt er das Korn reifen. Wenn der Mann also darauf ausging, eine Einzäunung herzustellen, so geschah das eben dem Korn zuliebe. Ebenso auch, o König, mögen diejenigen, die von Natur aus rein sind und im Besitz von früheren Eindrücken, in einem einzigen Bewußtseinsaugenblicke die Aufhebung der Vielfalt erreichen, gerade wie ohne die Einzäunung jener Mann das Korn zur Reife brachte.
Diejenigen Mönche aber, o König, deren Augen noch stark vom Staube getrübt sind, werden eben bloß durch diese Mittel die Aufhebung der Vielfalt erreichen, gerade wie der Mann, der zuerst eine Einzäunung herstellen mußte, bevor er das Korn ernten konnte. Oder: gesetzt, o König, auf dem Gipfel eines gewaltig hohen Mangobaumes befinde sich ein Bündel Früchte. Wer da nun magische Kräfte besitzt, mag dort hinaufsteigen und sich die Früchte wegholen; wer da aber keine magischen Kräfte besitzt, muß sich erst Stöcke und Schlingpflanzen abschneiden, sich daraus eine Leiter anfertigen und auf dieser den Baum erklimmen, um sich die Früchte holen zu können. Wenn da nun dieser Mann sich nach einer Leiter umsah, so geschah das eben den Früchten zuliebe. Ebenso auch, o König, mögen diejenigen, die von Natur aus rein sind und im Besitz von früheren Eindrücken, in einem einzigen Bewußtseinsaugenblicke die Aufhebung der Vielfalt erreichen, gerade wie einer durch magische Kraft die Früchte vom Baume pflücken möchte.
Diejenigen Mönche aber, o König, deren Augen noch stark vom Staube getrübt sind, werden eben bloß durch diese Mittel die Aufhebung der Vielfalt erreichen, gerade wie der eine Mann nur vermittelst einer Leiter sich die Früchte vom Baume holen konnte. Oder: wie, o König, ein geschäftstüchtiger Mann ganz allein zu seinem Herren geht und die Geschäfte erledigt, während ein Reicher vcrmittelst seines Reichtums erst Anhänger sammelt und dann mit deren Hilfe das Geschäft zum Abschluß bringt - das Suchen nach Anhängern geschah eben dem Geschäft zuliebe -: ebenso auch, o König, mögen alle diejenigen, die von Natur aus rein sind und im Besitz von früheren (vorgeburtlichen) Eindrücken, in einem einzigen Bewußtseinsaugenblicke die Meisterschaft über die sechs Geisteskräfte erlangen, gerade wie der Mann, der ganz allein die Geschäfte erledigte.
Diejenigen Mönche aber, o König, deren Augen noch stark vom Staube getrübt sind, vermögen nur durch solche Mittel den Sinn des Asketentums zu verwirklichen, gerade wie der eine Mann nur mit Hilfe seiner Anhänger die Geschäfte zum Abschluß bringen konnte.
Für alle diese zu erwirkenden Dinge, o König, ist das Hersagen (von Texten) von hohem Segen, ist die Besprechung von hohem Segen, ist das Reparieren der Wohnungen von hohem Segen, sind Gaben und Verehrung von hohem Segen; gerade wie ein Mann, der mit dem Könige verkehrt, geachtet ist von den Ministern, Soldaten, Boten, Torwächtern, Leibwachen und dem Gefolge, und ihm diese alle bei eintretender Gelegenheit eine große Stütze sind. Wären, o König, alle von Geburt aus lauter, so brauchte man keine Unterweiser. Weil aber eben nicht alle von Geburt aus lauter sind, deshalb bedarf man der Belehrung.
Der Ordensältere Sāriputta, o König, hatte zwar eine unbegrenzte,
unermeßliche Zeit hindurch die Grundlagen des Guten in sich angehäuft und den
Gipfel des Wissens erreicht. Aber nicht einmal er war imstande, ohne das Gesetz
zu hören, die Versiegung der Leidenschaften zu erreichen. Darum, o König, ist
das Lernen von hohem Segen, ebenso das Hersagen und die Besprechung. Darum wird
auch das Hersagen und die Besprechung (des Gesetzes) als die Aufhebung der
Vielfalt, als
«Gut ausgesonnen, ehrwürdiger Nāgasena, hast du das Problem. So ist es, und so nehme ich es an.»
(*) Dies allerdings nur im Sinne einer Vorbereitung dafür, welche keineswegs notwendig ihr Ziel erreichen muß. Hier handelt es sich zweifellos um eine unzulässige Ausdehnung in der Anwendung des Begriffes «Aufhebung der Vielfalt». - Das «Ungewordene» (asankhata) ist eine Bezeichnung des Nibbāna, ebenso wie «Aufhebung der Vielfalt».)
Mil. 4.7.2. Warum kann man nach Erreichung der Heiligkeit nicht im Weltleben verbleiben? - 5.2.2. Khīṇāsavabhāvapañho
«Ihr sagt da, ehrwürdiger Nāgasena, daß für einen, der als weltlicher Anhänger die Heiligkeit erreicht hat, bloß zwei Möglichkeiten offen stehen, keine dritte: daß er entweder noch an demselben Tage seiner Erreichung dem Weltleben entsagt, oder aber daß er abscheidet und keinen Tag länger am Leben bleibt. Wenn dieser nun aber, ehrwürdiger Nāgasena, an jenem Tage keinen Lehrer oder Berater finden oder Gewand und Almosenschale nicht erlangen sollte, würde er dann wohl als Heiliger aus sich selber heraus Mönch werden, oder würde er noch einen Tag warten, oder würde etwa irgend ein magiegewaltiger Heiliger kommen und ihn in den Orden aufnehmen? Oder würde er etwa abscheiden?»
«Nicht würde, o König, jener Heilige sich selber zum Mönche machen; denn wenn jemand sich selber zum Mönche macht, begeht er einen Diebstahl (d.h. er hat sich selber unrechtmäßig in das Mönchsgewand eingekleidet, das ihm, der Ordensregel gemäß, in gültiger Weihe von seinem Lehrer gegeben werden muß). Keinen Tag länger würde er am Leben bleiben. Ob da ein anderer Heiliger kommt, oder ob er nicht kommt er würde noch an demselben Tage abscheiden, ins endgültige Nibbāna eingehen.»
«Doch dadurch, ehrwürdiger Nāgasena, wird ja der friedvolle Zustand des Heiligen verlassen, wenn dem, der ihn erreicht, das Leben entschwindet.»
«Unpassend, o König, sind für einen solchen die äußeren Bedingungen des weltlichen Anhängers. Bei unpassenden äußeren Bedingungen aber muß, eben infolge der Unzulänglichkeit der äußeren Bedingungen, der zur Heiligkeit gelangte weltliche Anhänger entweder noch an demselben Tage Mönch werden, oder aber er scheidet ab. Dafür, o König, trifft die Heiligkeit keine Schuld, sondern eben bloß die äußeren Bedingungen des weltlichen Anhängers, nämlich die Unzulänglichkeit dieser Bedingungen. Oder: wenn da die Nahrung, die doch für alle Wesen lebenerhaltend und lebenschützend ist, einem Menschen mit schlechtem Magen und langsamer, schwacher Verdauung infolge der ungenügenden Verdauung das Leben kosten mag, so liegt doch die Schuld nicht an der Speise, sondern eben am Magen und an der schlechten Verdauung. Oder: wie der winzige Grashalm, auf den man einen schweren Stein legt, infolge seiner Schwäche umknickt, sich umbiegt, - oder wie ein schwacher, kraftloser Mann, von niedriger Herkunft und geringen (in früherem Leben gewirkten) Verdiensten, der in den Besitz eines großen Reiches gelangen sollte, sofort wieder gestürzt und zu Falle gebracht würde und zurück träte und außerstande wäre, die Herrschaft zu behalten: ebenso auch, o König, kann der zur Heiligkeit gelangte weltliche Anhänger unter jenen Bedingungen die Heiligkeit nicht ertragen. Und aus diesem Grunde wird er noch an demselben Tage Mönch, oder er scheidet ab.»
«Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an.»
Mil. 4.7.3. Ist der Heilige unfehlbar? - 5.2.3. Khīṇāsavasatisammosapañho
«Mag wohl, ehrwürdiger Nāgasena, bei dem Heiligen noch verwirrte Achtsamkeit auftreten?»
«Nein, o König. Frei von Unachtsamkeit sind die Heiligen.»
«Kann aber, o Ehrwürdiger, der Heilige sich noch eines Ordensvergehens schuldig machen?»
«Ja, o König.»
«In welcher Sache aber?»
«Beim Errichten einer Hütte (zum Beispiel bei Errichtung der Hütte in von der Ordensregel nicht erlaubten Maßverhältnissen), oder beim Umgang (mit Frauen, hier handelt es sich natürlich nur um äußere Verhaltensregeln, zum Beispiel darf der Mönch keine Frau allein in seinem Wohnraum empfangen, auch wenn das beiderseitige Betragen ganz korrekt ist), oder wenn er sich in der Zeit (für das Mittagessen, das vor zwölf Uhr beendet sein muß) irrt; oder wenn, nachdem er eingeladen wurde, er nicht mehr daran denkt; oder wenn er eine Speise übriggelassen zu haben glaubt, trotzdem er keine übriggelassen hat.»
«Ihr sagt da, ehrwürdiger Nāgasena, daß alle, die ein Vergehen verüben, es aus zwei Gründen tun: entweder aus Unehrerbietigkeit oder ohne Wissen Geschieht es nun wohl, o Ehrwürdiger, beim Heiligen aus Unehrerbietigkeit, wenn er ein Vergehen verübt?»
«Nein, o König.»
«Wenn nun, ehrwürdiger Nāgasena, der Heilige ein Vergehen verübt, bei ihm aber keine Unehrerbietigkeit anzutreffen ist, so besitzt er doch noch Unachtsamkeit!»
«Unachtsamkeit findet sich beim Heiligen nicht mehr. Und doch mag er sich noch eines Ordensvergehens schuldig machen.»
«So überzeuge mich denn durch einen Beweis davon, o Ehrwürdiger! Was gilt da als Grund?»
«Zweierlei Vergehen gibt es, o König: das
Die
Die Erlösung aber, o König, die kennt der Heilige. Und der mit den sechs
höheren Geisteskräften ausgestattete Heilige mag wohl sein eigenes Gebiet
kennen.
«Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an.»
Mil. 4.7.4. Was gibt es nicht in der Welt? - 5.2.4. Loke natthibhāvapañho
«Es finden sich, o Ehrwürdiger, Erleuchtete (Buddhā) in der Welt, Einzelerleuchtete (pacceka-buddhā), Jünger des Vollendeten, Weltherrscher, Menschen und Götter; man findet Reiche und Arme, Glückliche und Unglückliche; man sieht am Manne weibliche Merkmale und am Weibe männliche Merkmale auftreten; man findet gutes und böses Wirken und Wesen, die die Früchte guter und böser Taten genießen.
Man findet in der Welt eiergeborene, leibgeborene, durch Gärung erzeugte und spontan (elternlos) entstandene Wesen.
Man findet fußlose Wesen, Zweifüßer, Vierfüßer und Vielfüßer.
Man findet in der Welt Gespenster, Unholde, Dämonen, Titanen, Genien, Geister der Abgestorbenen und Kobolde.
Es gibt Halbmenschen, Schlangengeister, Drachen, Vogelgeister, Zauberer und Beschwörer.
Es gibt Elefanten, Rosse, Rinder, Büffel, Kamele, Esel, Ziegen, Schafe, Hirsche, Schweine, Löwen, Tiger, Panther, Bären, Wölfe, Hyänen, Hunde, Schakale und vielerlei Vögel.
Es gibt Gold, Silber, Perlen, Juwelen, Muscheln, Steine, Korallen, Rubine, Smaragd, Beryll, Diamant, Kristall, Eisen, Kupfer, Messing und Bronze.
Es gibt Flachs, Seide, Baumwolle, Hanf und Wolle.
Es gibt Reis, Gerste, Hirse, Kudrūsa-Korn, Schminkbohnen, Weizen, Mungbohnen, Masabohnen, Sesam und Wicken.
Es gibt Riechstoffe aus Wurzeln, Kernholz, Grünholz, Rinde, Blättern, Blüten, Früchten und alle Düfte enthaltende Mischungen.
Es gibt Gras, Schlingpflanzen, Büsche, Bäume, Kräuter und wilde Fruchtbäume, Flüsse, Berge und Meere, Fische und Schildkröten.
Alles das gibt es in der Welt. Was es aber nicht in der Welt gibt, das mögest du mir erklären.»
«Drei Dinge, o König, gibt es nicht in der Welt: welche drei?
- Lebendige oder unlebendige Dinge, die frei wären von Alter und Tod: so etwas gibt es nicht in der Welt.
- Beständigkeit der Gebilde: das gibt es nicht in der Welt.
- Und (beharrendes) Wesen (satta) ist, im höchsten Sinne genommen, nicht anzutreffen.
Diese drei Dinge, o König, gibt es nicht in der Welt.»
«Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an.»
Mil. 4.7.5. Inwiefern gibt es keine Entstehungsursache des Nibbāna, aber dennoch einen Weg zu seiner Verwirklichung?- 5.2.5. Akammajādipañho
«Man findet in der Welt, ehrwürdiger Nāgasena, durch (vorgeburtliches) Wirken (kamma) entstandene Dinge, man findet durch Ursachen entstandene Dinge, man findet durch Temperatur entstandene Dinge. Was aber in der Welt weder durch Wirken, noch durch Ursachen, noch durch Temperatur entstanden ist, das mögest du mir erklären.»
«In der Welt, o König, gibt es zwei Dinge, die weder durch vorgeburtliches Wirken, noch durch Ursachen, noch durch Temperatur entstanden sind, nämlich der Raum und das Nibbāna.»
(Die Behauptung, daß der Raum nicht durch Ursachen (hetu) entstanden ist, steht im Widerspruch mit dem Pāli-Kanon und auch der späteren Theravada-Überlieferung. Es war in einer späteren Schule, den Sarvastivādins (Vaibhāsikas), daß der Raum als eines der «ungewordenen (asankhata) Dinge» bezeichnet wird. Im nächsten Kapitel beschränkt freilich Nāgasena den Begriff «Ursache» (hetu) auf das Feuer und die Pflanzenwelt, was eine merkwürdige Einengung dieses Begriffes ist.)
«Mögest du, ehrwürdiger Nāgasena, nicht die Worte des Siegers entstellen! Mögest du nicht das Problem erklären, ohne es zu verstehen!»
«Was habe ich denn gesagt, o König, daß du so zu mir sprichst?»
«Ist es denn wirklich recht, ehrwürdiger Nāgasena, zu behaupten, daß das Nibbāna und der Raum weder durch (vorgeburtliches) Wirken, noch durch Ursachen, noch durch Temperatur entstanden seien? Auf vielhundertfache Weise hat doch der Erhabene seinen Jüngern den Pfad zur Verwirklichung des Nibbāna gewiesen. Und da sagst du, daß das Nibbāna nicht aus Ursachen entstanden sei.»
«Wahr ist es, o König, daß der Erhabene auf vielhundertfache Weise seinen Jüngern den Pfad zur Verwirklichung des Nibbāna gewiesen hat. Nicht aber hat er eine Entstehungsursache des Nibbāna dargelegt.»
«Wir geraten da, ehrwürdiger Nāgasena, von einem Dunkel in ein noch größeres Dunkel, von einem Gestrüpp in ein noch dichteres Gestrüpp, von einem Dickicht in das andere, wenn du behauptest, es gäbe zwar ein Mittel zur Verwirklichung des Nibbāna, aber keine Entstehungsursache dieses Zustandes (dhamma). Wenn es, ehrwürdiger Nāgasena, ein Mittel zur Verwirklichung des Nibbāna gibt, so muß man doch erwarten, daß es auch eine Entstehungsursache des Nibbāna gibt. Gleichwie, ehrwürdiger Nāgasena, der Sohn einen Vater hat und man aus diesem Grunde auch einen Vater des Vaters zu erwarten hat - oder wie der Schüler einen Lehrer hat und man aus diesem Grunde auch einen Lehrer des Lehrers zu erwarten hat, - oder wie der Keim aus dem Samenkorn entsteht und man aus diesem Grunde auch einen Samen des Samens erwarten darf: ebenso auch, o König, hat man, wenn es ein Mittel zur Verwirklichung des Nibbāna gibt, aus diesem Grunde anzunehmen, daß es auch eine Entstehungsursache des Nibbāna gibt. Gleichwie der Baum oder die Schlingpflanze, weil sie eine Spitze haben, auch eine Mitte und eine Wurzel haben müssen: ebenso auch, ehrwürdiger Nāgasena, muß man, da es ein Mittel zur Verwirklichung des Nibbāna gibt, annehmen, daß es auch eine Entstehungsursache desselben gibt.»
«Nicht erzeugbar, o König, ist das Nibbāna; daher wurde keine Entstehungsursache desselben angegeben.»
«Komm’, ehrwürdiger Nāgasena, gib mir einen Beweis und überzeuge mich durch Vernunftgründe, damit ich einsehen lerne, daß es zwar ein Mittel zur Verwirklichung des Nibbāna gibt, aber keine Entstehungsursache desselben!»
«So leihe mir denn aufmerksam Gehör! Höre gut zu! Ich will dir die Sache erklären. Kann wohl, o König, ein Mann vermittelst seiner natürlichen Kräfte von hier aus zum Himālaja, dem Könige der Berge, gelangen?»
«Gewiß, o Ehrwürdiger.»
«Könnte er aber, o König, den Himālaja hierher holen?»
«Das freilich nicht, o Ehrwürdiger.»
«Oder kann wohl, o König, ein Mann vermittelst seiner natürlichen Kräfte das Weltmeer mit einem Schiffe durchkreuzend, das jenseitige Ufer erreichen?» «Gewiß, o Ehrwürdiger.»
«Könnte er aber, o König, das jenseitige Ufer des Meeres hierher holen?» «Das freilich nicht, o Ehrwürdiger.»
«Ebenso auch, o König, kann man zwar den Weg zur Verwirklichung des Nibbāna aufweisen, aber keine Entstehungsursache desselben. Und warum nicht? Weil eben dieser Zustand (nämlich das Nibbāna) unerschaffen ist.» (asankhatattā-dhammassa; asankhata = ungeworden, ungestaltet, nicht bedingt entstanden)
«Ist denn, ehrwürdiger Nāgasena, das Nibbāna unerschaffen?»
"Ja, o König. Unerschaffen ist das Nibbāna; durch niemanden ist es erschaffen worden. Vom Nibbāna, o König, kann man nicht sagen es sei entstanden oder nicht entstanden oder erzeugbar, oder vergangen, gegenwärtig oder zukünftig, oder erkennbar für Auge, Ohr, Nase, Zunge oder Körper.»
«In diesem Falle, ehrwürdiger Nāgasena, erklärt ihr doch das Nibbāna als etwas Nichtseiendes und zeigt, daß das Nibbāna gar nicht existiert.»
«Es existiert, o König, das Nibbāna. Dem Geiste erkennbar (mano-viññeyyam) ist das Nibbāna. Mit dem geklärten, erhabenen, geraden, ungehemmten, überweltlichen Geiste erkennt der mit vollkommenem Wandel ausgestattete edle Jünger das Nibbāna.»
«Welcherart aber, o Ehrwürdiger, ist wohl dieses Nibbāna? Überzeuge mich, insofern es sich durch Gleichnisse erklären läßt. Belehre mich darüber durch Beweisgründe, insoweit seine Existenz durch Vergleiche klargemacht werden kann!»
«Existiert wohl der Wind, o König?»
«Gewiß, o Ehrwürdiger.»
«So zeige mir denn, o König, den Wind und erkläre mir seine Farbe und Gestalt, und ob er fein oder grob, lang oder kurz ist!»
«Nicht läßt sich, ehrwürdiger Nāgasena, der Wind aufzeigen und mit der Hand festhalten und drücken. Aber dennoch existiert der Wind.»
«Wenn man aber, o König, den Wind nicht aufzeigen kann, so existiert doch gar kein Wind.»
«Ich weiß aber, ehrwürdiger Nāgasena, daß der Wind existiert. Ich bin davon überzeugt. Aufzeigen aber kann ich den Wind nicht.»
«Ebenso auch, o König, existiert das Nibbāna, doch nicht läßt es sich aufzeigen und nach Farbe und Gestalt erklären.»
«Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! Einen guten Vergleich hast du gewiesen und die Sache gut erklärt. So ist es, und ich nehme daher an, daß das Nibbāna existiert.»
Mil. 4.7.6. Die verschiedenen Arten der Entstehung - 5.2.6. Kammajādipañho
«Welche Dinge, ehrwürdiger Nāgasena, sind durch (vorgeburtliches) Wirken entstanden (kamma-nibbattā), welche durch Ursachen (hetu-nibbattā), und welche durch Temperatur (utu-nibbattā)? Und welche Dinge sind weder durch (vorgeburtliches) Wirken, noch durch Ursachen, noch durch Temperatur entstanden?»
«Die willensbegabten (bewußten) Wesen, o König: alle diese sind durch (vorgeburtliches) Wirken entstanden. Das Feuer sowie alle aus Pflanzenkeimen hervorgegangenen Dinge sind durch Ursachen entstanden. Erde, Berge, Wasser und Wind sind alle durch Temperatur entstanden. Der Raum und das Nibbāna aber sind weder durch (vorgeburtliches) Wirken, noch durch Ursachen, noch durch Temperatur entstanden. Vom Nibbāna kann man nicht sagen, daß es durch Wirken oder durch Ursachen oder durch Temperatur entstanden sei, daß es entstanden oder nicht entstanden oder erzeugbar sei, daß es durch Auge, Ohr, Nase, Zunge oder Körper erkannt werden könne. Dem Geiste aber erkennbar, o König, ist das Nibbāna, das der edle Jünger von vollendetem Wandel in lauterer Erkenntnis schaut.»
«Dieses schöne Problem, ehrwürdiger Nāgasena, ist nun trefflich entschieden, von Unklarheiten befreit und abgeschlossen. Und meine Zweifel sind geschwunden bei dir, dem edelsten und besten der Lehrer.»
? 5.2.7. Yakkhapañho
Mil. 4.7.7. Warum hat der Buddha die Ordensregeln nicht gleich zu Anfang festgelegt? - 5.2.8. Anavasesasikkhāpadapañho
«Die da, ehrwürdiger Nāgasena, die einstmaligen Lehrer der Ärzte waren, wie Nārada, Dhammantarā, Angīrasa, Kapila, Kandaraggi, Sāma, Atula, Pubbakaccāyana: alle diese haben gleich mit einem Male ihre Lehren zusammengestellt und ihre Lehrsätze verfaßt, nachdem sie die Entstehung der Krankheiten, ihr Wesen, ihre Ausbreitung, Heilung, Behandlung und die erfolgreiche Wiederherstellung völlig verstanden hatten und wußten, daß solche und solche Krankheiten in diesem Körper entstehen können. Und keiner von diesen war allerkennend. Warum aber hat der Vollendete, der doch allerkennend war und die künftigen Ereignisse mit seinem Buddhawissen voraussah und wußte, daß auf diesem oder jenem Gebiete solche und solche Übungsregeln vorzuschreiben wären: warum hat er nicht die Übungsregeln gleich genau bestimmt und vollständig bekannt gemacht, sondern seinen Jüngern die Übungsregeln jedesmal erst dann vorgeschrieben, wenn eine Gelegenheit dazu eintrat oder ein Übel sich ausbreitete und häufig wurde, oder wenn die Leute aufgebracht waren (über das Benehmen der Mönche)?»
«Wohl hat, o König, der Vollendete gewußt, daß es nötig sein werde, den
Menschen in diesem Orden über hundertfünfzig Ordensregeln vorzuschreiben. Doch
der Vollendete sagte sich:
«Wunderbar, ehrwürdiger Nāgasena, ist es doch mit dem Erleuchteten, außerordentlich ist es doch mit dem Erleuchteten, wie gar gewaltig sein allerkennendes Wissen ist. Das verhält sich so, ehrwürdiger Nāgasena, und der Vollendete hatte den Umstand erkannt, daß die Wesen, sobald sie davon hören würden, wie viel es hier zu befolgen gäbe, einen Schrecken bekommen und kein Einziger unter ihnen im Orden des Siegers Mönch werden möchte. Das ist so, und so nehme ich es an.»
? 5.2. 9. Sūriyatapanapañho
? 5.2.10. Kaṭhinatapanapañho