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MIL3.1.1

3.1. Das große Kapitel

Mahāvagga

3.1.1. Die Frage nach der Bezeichnung

Da ging der König Milinda zum Ehrwürdigen Nāgasena und tauschte Willkommensgrüße mit ihm aus. Nach der Begrüßung und dem Austausch von Höflichkeiten setzte er sich zur Seite hin. Und der Ehrwürdige Nāgasena erwiderte seinen freundlichen Gruß und stellte damit den König zufrieden.

Da sagte der König Milinda zum Ehrwürdigen Nāgasena: „Wie heißt der werte Herr? Was ist dein Name, Herr?“ „Man nennt mich Nāgasena, großer König, und meine geistlichen Gefährten reden mich mit Nāgasena an. Ob einem die Eltern einen Namen geben wie Nāgasena oder Sūrasena oder Vīrasena oder Sīhasena, großer König, Nāgasena ist nur eine Bezeichnung, eine Benennung, eine Beschreibung, eine Redeweise, ein bloßer Name, denn eine Person ist da nicht zu finden.“

Darauf sagte der König Milinda: „Hört mich an, ihr werten fünfhundert Griechen und achtzigtausend Mönche und Nonnen! Dieser Nāgasena behauptet, eine Person gebe es nicht. Ist es angebracht, so etwas zu begrüßen?“ Und der König sagte zum Ehrwürdigen Nāgasena: „Ehrenwerter Nāgasena, wenn eine Person nicht zu finden ist, wer ist es dann, der euch Roben, Almosen, Unterkunft sowie Arznei und Krankenversorgung spendet? Wer ist es, der diese Dinge gebraucht? Wer ist es, der für seine Tugend Sorge trägt, sich der Meditation weiht, den Pfad und die Frucht des Erlöschens verwirklicht? Wer ist es, der tötet, stiehlt, sexuelle Verfehlungen begeht, lügt, Branntwein trinkt und die fünf Taten mit unmittelbarem Ergebnis begeht? Dann gäbe es weder Taugliches noch Untaugliches, niemanden, der Taugliches oder Untaugliches tut oder veranlasst, noch eine Frucht oder ein Ergebnis guter und schlechter Taten, und selbst derjenige, der dich töten würde, beginge keinen Mord. Und auch du, Ehrenwerter Nāgasena, hättest weder einen Lehrer noch einen Mentor und auch keine Ordination. Nun sagst du, deine geistlichen Gefährten redeten dich mit Nāgasena an. Wer ist dann dieser Nāgasena? Sind etwa die Kopfhaare Nāgasena?“ „Nein, großer König.“ „Sind es Körperhaare?“ „Nein, großer König.“ „Sind es Nägel, Zähne, Haut, Fleisch, Sehnen, Knochen, Knochenmark, Nieren, Herz, Leber, Zwerchfell, Milz, Lungen, Därme, Gekröse, Speisebrei, Kot, Galle, Schleim, Eiter, Blut, Schweiß, Fett, Tränen, Talg, Speichel, Nasenschleim, Gelenkschmiere, Urin oder das Hirn im Schädel?“ „Nein, großer König.“ „Ist Form Nāgasena?“ „Nein, großer König.“ „Ist Gefühl, ist Wahrnehmung, sind Willensbildungsprozesse oder ist Bewusstsein Nāgasena?“ „Nein, großer König.“ „Sind Form, Gefühl, Wahrnehmung, Willensbildungsprozesse und Bewusstsein zusammen Nāgasena?“ „Nein, großer König.“ „Besteht Nāgasena außerhalb von Form, Gefühl, Wahrnehmung, Willensbildungsprozessen und Bewusstsein?“ „Nein, großer König.“ „Ich kann dich fragen, wie ich will, Herr: Den Nāgasena kann ich nicht sehen. Ist etwa das bloße Wort ‚Nāgasena‘ der Nāgasena?“ „Nein, großer König.“ „Nun, wer ist dann dieser Nāgasena? Du sagst etwas Falsches, Herr, sprichst eine Lüge, denn da ist kein Nāgasena!“

Da sagte der Ehrwürdige Nāgasena zum König Milinda: „Großer König, du bist ein verzärtelter Adliger, außerordentlich verzärtelt. Wenn man zur Mittagszeit zu Fuß über die glühende Erde, den heißen Sand läuft, über den harten Kies und Schotter, werden die Füße wund, der Körper ermattet, der Geist wird erschöpft, und es treten körperliche Schmerzen auf. Bist du zu Fuß gekommen oder mit einer Kutsche?“ „Ich bin nicht zu Fuß gekommen, Herr, sondern mit einem Wagen.“ „Nun, großer König, wenn du mit einem Wagen gekommen bist, so erkläre mir doch, was ein Wagen ist. Ist etwa die Deichsel der Wagen?“ „Nein, Herr.“ „Ist es die Achse?“ „Nein, Herr.“ „Sind es die Räder, der Wagenkasten, die Fahnenstange, das Joch, die Zügel oder die Peitsche?“ „Nein, Herr.“ „Sind alle diese Dinge zusammen der Wagen?“ „Nein, Herr.“ „Besteht der Wagen außerhalb dieser Dinge?“ „Nein, Herr.“ „Ich kann dich fragen, wie ich will, großer König: Den Wagen kann ich nicht sehen. Ist etwa das bloße Wort ‚Wagen‘ der Wagen?“ „Nein, Herr.“ „Nun, was ist dann dieser Wagen? Du sagst etwas Falsches, großer König, sprichst eine Lüge, denn da ist kein Wagen. Du bist der oberste König über das ganze Land des Rosenapfelbaums. Aus Furcht vor wem sprichst du eine Lüge? Hört mich an, ihr fünfhundert Griechen und achtzigtausend Mönche und Nonnen! Dieser König Milinda behauptet, mit einem Wagen gekommen zu sein, doch auf meine Bitte, mir zu erklären, was ein Wagen ist, kann er ihn nicht nachweisen. Ist es angebracht, so etwas zu begrüßen?“

Auf diese Worte spendeten die fünfhundert Griechen dem Ehrwürdigen Nāgasena Beifall und sagten zum König Milinda: „Nun antworte, großer König, wenn du kannst!“

Da sagte der König zu Nāgasena: „Ich spreche keine Lüge, Ehrenwerter Nāgasena. Denn in Abhängigkeit von Deichsel, Achse, Rädern, Wagenkasten und Fahnenstange kommt die Bezeichnung, die Benennung, die Beschreibung, die Redeweise, der bloße Name ‚Wagen‘ zustande.“

„Gut, großer König! Du weißt, was ein Wagen ist. Ebenso, großer König, kommt in Abhängigkeit von Kopfhaaren, Körperhaaren, Zähnen, Nägeln usw., in Abhängigkeit von Form, Gefühl, Wahrnehmung, Willensbildungsprozessen und Bewusstsein die Bezeichnung, die Benennung, die Beschreibung, die Redeweise, der bloße Name ‚Nāgasena‘ zustande. Im höchsten Sinn aber ist eine Person hier nicht zu finden. Auch die Nonne Vajirā, großer König, hat vor dem Buddha gesagt:

‚Wenn die Teile zusammengefügt sind, gebrauchen wir das Wort „Wagen“. Ebenso benutzen wir, wenn die Aggregate da sind, die Übereinkunft „Lebewesen“.‘“

„Es ist unglaublich, Ehrenwerter Nāgasena, es ist erstaunlich! Du hast meine Fragen ausgezeichnet beantwortet! Wenn der Buddha noch am Leben wäre, hätte er dir ebenfalls Beifall gespendet. Gut, gut, Nāgasena! Du hast meine Fragen ausgezeichnet beantwortet.“

Übersetzung: Deutsch (sabbamitta). Quelle: SuttaCentral / Bilara (gemeinfrei, CC0).